Katastrophe in der Türkei und Syrien Forscher warnen vor weiteren Beben

Am frühen Montagmorgen haben sich im Untergrund heftige Spannungen entladen. Anlass zur Entwarnung ist das für Fachleute jedoch nicht. Sie befürchten weitere schwere Erdstöße.
Kırıkhan am Dienstag: Nach dem Erbeben suchen Helfer in dem Ort nach Verschütteten

Kırıkhan am Dienstag: Nach dem Erbeben suchen Helfer in dem Ort nach Verschütteten

Foto: Piroschka van de Wouw / REUTERS

Die Erdbebengefahr im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist nicht gebannt. »Es wird in der Epizentralregion in den nächsten Wochen bis Monaten Nachbeben geben«, sagte der Geophysiker Heiner Igel vom Department für Geo- und Umweltwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) laut einer Mitteilung seiner Universität.

Die befürchteten Beben könnten eine Magnitude erreichen, die zu weiteren Schäden führt. »Leider muss sich die Bevölkerung dort darauf einrichten und vorsichtig prüfen, welche Gebäude noch sicher sind«, so der Fachmann.

Am Montag hatten Beben mit einer Magnitude bis 7,8 die syrisch-türkische Grenzregion erschüttert. Zahlreiche Menschen starben in den Trümmern. Bislang sind 17.000 Todesfälle im Kontext des Unglückes gemeldet, die Zahl wächst ständig. Auch Tage nach dem Beben befindet sich die Region im Ausnahmezustand, Hilfskräfte sind damit beschäftigt weitere Leichen zu bergen und Verletzte zu versorgen (mehr zur medizinischen Arbeit in solchen Situationen lesen Sie hier ).

Sorge um Istanbul

Ursprung des Bebens ist die rund 700 Kilometer lange Ostanatolische Verwerfung. Im betroffenen Gebiet liegt die kleine Anatolische Erdplatte gewissermaßen wie ein Keil zwischen der aus Süden drückenden Arabischen und der im Norden liegenden Eurasischen Platte. Die Anatolische Platte wird nach und nach in Richtung Westen weggeschoben. Dabei bauen sich Spannungen auf, die sich jetzt teilweise entladen haben (mehr zur Geologie des Bebens lesen Sie hier ).

Sorge bereitet Fachleuten weiterhin auch die zweite lang gestreckte kontinentale Erdbebenzone in der Türkei: die Nordanatolische Verwerfung. Womöglich sei nach dem Erdbeben an der Ostanatolischen Verwerfung auch das Risiko für die besonders dicht besiedelte Region Istanbul weiter gestiegen, warnt Igel.

Man kenne einen Spannungstransfer, so der Fachmann. »Er kann Erdbeben in einiger Entfernung, die überfällig sind, wahrscheinlicher machen oder deren Auftreten verzögern.« Welche der beiden Optionen real wird, hänge vor allem von der Richtung zukünftiger Erdbebenherde vom vorigen Epizentrum ab.

Für die Region Istanbul wird in den nächsten Jahrzehnten mit einem größeren Beben gerechnet. »Wann es stattfindet, kann niemand vorhersagen«, so Igel (mehr zur Schwierigkeit von Erdbebenprognosen lesen Sie hier ). LMU-Geologin Anke Friedrich erklärte laut der Mitteilung, im Ernstfall sei mit massenhaften Einstürzen von Bauten zu rechnen, die nicht verstärkt oder erdbebensicher gebaut  wurden. »Zusätzlich sind Tsunamiszenarien nicht unwahrscheinlich.«

jme
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