Wenn Algenwachstum zum Problem wird Wer hat Angst vorm Meeresrotz?

Im Marmarameer vor der türkischen Küste macht sich Schleim breit. Droht der sogenannte Meeresrotz früher oder später auch bei uns in Deutschland zum Problem zu werden?
Verschmutzes Wasser im Marmarameer

Verschmutzes Wasser im Marmarameer

Foto: Nazim Serhat Firat / Depo Photos / imago images

Die »Science-2« kämpfte sich durch eine schleimige Brühe. In der vergangenen Woche war das Forschungsschiff der Technischen Universität des Nahen Ostens im Marmarameer unweit von Istanbul unterwegs.

Die Forscherinnen und Forscher an Bord wollten herausfinden, was es mit der zähflüssigen Substanz auf sich hat, die zuletzt immer größere Seegebiete der Region bedeckte. »Wir haben eine gelartige Struktur gesehen, die sich über das Meer ausbreitet, und sind noch nie zuvor auf eine so große Masse gestoßen«, berichtet  der Meeresforscher Barış Salihoğlu im Anschluss an eine Fahrt in türkischen Medien.

DER SPIEGEL

Sein Kollege Mustafa Sarı von der Bandırma Onyedi Eylül Universität konnte bei Tauchgängen in bis zu 18 Meter Tiefe zeigen, dass das Phänomen auch unter Wasser massiv auftritt: »Leider geht die Bildung von Schleim weiter. Der Boden des Meeres ist mit Schleim bedeckt.« Die Sicht sei auf nur noch einen Meter gesunken. Korallen, Seesterne, Krabben und Muscheln seien von der zähen Masse bedeckt gewesen, so  Sarı.

Klar ist: Der sogenannte Meeresrotz belastet das Marmarameer längst nicht zum ersten Mal, türkische Forscher haben bereits 2008 einen Fachartikel  dazu veröffentlicht. Demnach sind einzellige Kieselalgen und Dinoflagellaten, die bei sogenannten Blüten in großem Mengen auftreten, für die Probleme verantwortlich. Wenn die Algen absterben, dienen sie Bakterien als Nahrung. Außerdem entstehen bestimmte Kohlehydrate, sogenannte Exopolymere. Diese sorgen für den schleimigen Belag auf dem Wasser.

Meeresrotz aus der Luft

Meeresrotz aus der Luft

Foto: Umit Bektas / REUTERS

Dass sich das Phänomen wegen steigender Temperaturen auch vermehrt im Mittelmeer ausbreitet, haben italienische Forscher ebenfalls schon vor mehreren Jahren berichtet . Die Gründe dafür sind vielfältig, aber zwei entscheidende Faktoren lassen sich identifizieren: Da sind zum einen die stetig steigenden Durchschnittstemperaturen des Oberflächenwassers in der menschengemachten Klimakrise, zum anderen der hohe Nährstoffeintrag ins Wasser, der vor allem auf übermäßige Düngung landwirtschaftlicher Flächen zurückgeht. Über Flüsse landen diese Chemikalien in den Meeren – und kurbeln dort das Algenwachstum an.

Besonders problematisch wird es, wenn das Meerwasser nicht gut genug durchgemischt wird. Im Marmarameer ist das der Fall . Hier bildet salzarmes Wasser aus dem Schwarzen Meer und türkischen Flüssen eine obere Schicht, die nur wenig Austausch mit darunterliegenden, salzhaltigeren Bereichen hat. Für das Algenwachstum sind das ideale Bedingungen. Das wiederum kann zur Gefahr für Fischbestände werden, wenn das rasante Wachstum der Einzeller den Sauerstoff im Wasser knapp macht.

»Die Wassertemperaturen in der Ostsee steigen stärker als in anderen Regionen der Welt.«

Matthias Labrenz, Leibniz-Institut für Ostseeforschung

Viele der Faktoren, die für das Auftreten des Meeresrotzes verantwortlich sind, kommen nicht nur im Marmara- und Mittelmeer vor – sondern zum Beispiel auch in der Ostsee. Fragt man Meeresforscherinnen und -forscher, ob uns auch an unseren Küsten ähnliche Bilder drohen wie derzeit in der Türkei, fallen die Antworten dennoch ziemlich zurückhaltend aus: Das hat vor allem damit zu tun, dass über die genauen Bedingungen in der Türkei noch nicht genügend Informationen vorliegen.

Einige Dinge lassen sich trotzdem sagen – und auch die machen nicht unbedingt gute Laune. Ein Problem ist die rasante Erwärmung des Gewässers: »Die Wassertemperaturen in der Ostsee steigen stärker als in anderen Regionen der Welt«, sagt Matthias Labrenz vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde. »Und die Modelle zeigen, dass es auch in Zukunft so weitergehen wird.« Bis zum Jahr 2100 wird ein Anstieg der durchschnittlichen Oberflächenwassertemperatur um zwei bis vier Grad erwartet. Außerdem dürfte das Wasser der Ostsee immer weniger salzhaltig werden – weil es in Skandinavien wohl langfristig mehr regnet.

Gefahr durch Bakterien

Labrenz befasst sich in seiner Arbeit nicht mit Algen, sondern mit Bakterien. Konkret geht es um sogenannte Vibrionen. Die kommen natürlich im Plankton der Ostsee vor – und manche Arten können für Menschen gefährlich werden. Etwa ein Zehntel der 130 bekannten Spezies kann Infektionen verursachen, die auch einen tödlichen Verlauf nehmen können. Ein besonders hohes Risiko für eine schwere Sepsis haben Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder Vorerkrankungen. In diesen Fällen kann es im Extremfall schon ausreichen, bis zum Knöchel in vibrionenbelastetem Ostseewasser zu stehen.

Vibrionen treten häufiger auf als früher, auch das Verbreitungsgebiet wächst nach Norden und Osten. In einem gerade gestarteten europäischen Verbundprojekt  wollen Labrenz und andere Forschende herausfinden, ob sich die Vibrionen womöglich mit natürlichen Mitteln eindämmen lassen. Dazu soll unter anderem untersucht werden, ob Seegraswiesen einen positiven Einfluss bei der Kontrolle der Bakterien spielen können.

Labrenz' Kollegin Anke Kremp wiederum befasst sich mit Algen. Aus Küstengewässern der Ostsee, auch vor der deutschen Küste, kennt sie Bilder aus den vergangenen Jahren, die den aktuellen aus der Türkei zumindest sehr ähnlich sehen. »In der Ostsee haben wir die jährlichen Cyanobakterienblüten am Ende des Sommers«, sagt Kremp. Wenn der Wind die Biomasse auf das Land drückt, könne es dabei auch zu »unschönen Verschmutzungen« kommen. »Wir wissen, dass die zunehmende Zahl und Intensität der Blüten mit den steigenden Wassertemperaturen in Zusammenhang steht.«

Auch bei anderen Algenarten wie den Dinoflagellaten habe es zuletzt immer mehr Blüten gegeben, sagt die Forscherin, etwa vor Schweden und Finnland. »Das kann auch zu lokalem Fischsterben führen. Außerdem können sich von den Algen produzierte Gifte in der Nahrungskette anreichern.«

Fragt man Kremp danach, ob sie trotzdem noch in der Ostsee schwimmen gehe, lacht sie. Das Institutsgebäude in Warnemünde liegt fast direkt an der Strandpromenade. »Die meiste Zeit im Sommer ist das Wasser ja klar«, sagt die Forscherin. Wenn die Ostsee aber trübe sei, dann sei es vielleicht keine so gute Idee zu baden.