Tumore im Tierreich Tödliche Gefahr für Beutelteufel und Belugawal

Vom Aussterben bedroht: Für manche Tierspezies kann Krebs das unwiderrufliche Ende bedeuten. Oft ist Umweltverschmutzung durch den Menschen Auslöser der Krankheit. Artenschützer warnen davor, die Gefahr zu unterschätzen.


Lachse mit wuchernden Tumoren in der Schwimmblase, Pottwale mit Papillomen im Genitaltrakt, bedrohte Westaustralische Beuteldachse, die an Hautkrebs sterben: Krebs ist nicht nur eine Geißel für Menschen. Und auch wenn niemand die Auslöschung von Homo sapiens durch Tumore ernsthaft in Betracht ziehen würde: Für manche Tierspezies könnten bösartige Geschwüre durchaus das Ende bedeuten.

In der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Nature Reviews Cancer mahnen Forscher der Wildlife Conservation Society (WCS) in New York, dem Problem erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. "Es ist wichtig zu erkennen, dass Wildtiere genauso wie Menschen unter allerlei Krankheiten leiden können", sagt die Veterinärmedizinerin und WCS-Chefpathologin Denise McAloose. Krebs gehört dazu. Tumorerkrankungen, so die Expertin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, haben das Potential, Tierarten aussterben zu lassen. Offensichtlich hat man die Gefahren bislang zu oft unterschätzt.

Die wohl aufsehenerregendste tierische Krebsepidemie trägt die Abkürzung DFTD und rafft seit 1996 in beunruhigend stetigem Tempo den Tasmanischen Teufel (Sarcophilus harrisii) dahin, ein räuberisches Beuteltier, welches nur auf der namensgebenden Insel vor der Küste Australiens lebt. DFTD steht für "Devil Facial Tumour Disease" - zu Deutsch Gesichtskrebs des Teufels.

Die Krankheit ist ein wissenschaftlicher Sonderfall: Sie wird durch die Übertragung von Krebszellen von einem Tier auf das nächste ausgelöst. Die nicht gerade zimperlichen Beutelteufel beißen sich bei der Paarung und beim Balgen um Beute. Das hat immer öfter fatale Folgen, denn die Infektion erfolgt höchstwahrscheinlich von Maul zu Maul. Die Tumorzellen nisten sich im verletzten Gewebe ihres neuen Wirts ein und beginnen alsbald zu wuchern. Der befallene Teufel hat ab diesem Moment keine Chance mehr - sein Tod ist unabwendbar und meist qualvoll.

Belugawale mit Darmkrebs

Fachleute bezeichnen DFTD als allografte Krebserkrankung, weil es sich de facto um eine Transplantation von fremden Zellen handelt. Es ist also nicht das eigene Gewebe, das krankhaft wächst. Ein ähnliche Seuche ist lediglich bei Hunden bekannt, diese verläuft allerdings nur selten tödlich. Der Gesichtskrebs dagegen hat inzwischen mehr als der Hälfte aller Tasmanischen Teufel den Tod gebracht. In manchen Regionen der Insel ist ihre Zahl um bis zu 89 Prozent eingebrochen.

Anders als normale Infektionskrankheiten, deren Übertragungsrate oft von der Populationsdichte abhängt und so unter eine kritische Schwelle fallen kann, könnte der soziale und sexuelle Ansteckungsweg von DFTD zu einer vollständigen Ausrottung der Beutelteufel führen (Austral Ecology, 2008, Bd. 33, S. 614). Ein wirksamer Impfstoff ist nicht in Sicht, vermutlich lässt sich die Art zukünftig nur durch Nachzuchtprogramme mit isolierten, nicht-infizierten Tieren retten.

DFTD ist - zumindest nach den bisherigen Erkenntnissen - nicht durch menschliche Einflüsse verschuldet. Das gilt aber nicht für alle Krebskrankheiten bei Wildtieren. Ein Gegenbeispiel ist die hohe Sterblichkeit von Belugawalen, die im riesigen St.-Lorenz-Strom an der Ostküste Kanadas leben. Sie sterben oft an sogenannten Adenokarzinomen des Dünndarms, bösartigen Wucherungen des Drüsengewebes.

Die weißen Meeressäuger wühlen bei der Nahrungssuche ausgiebig im Bodenschlamm, und der ist im St.-Lorenz-Strom übermäßig stark mit krebsauslösendem Benzo(a)pyren und anderen Schadstoffen belastet. Die Folge: 27 Prozent der bei einer Studie untersuchten, tot angespülten Belugas waren krebskrank (Environmental Health Perspectives, 2002, Bd. 110, S. 285). Neben den häufig auftretenden Geschwüren im Dünndarm fanden die Forscher bei Weibchen auch auffallend viele Gebärmuttertumore. Und nicht nur die Wale leiden unter der Umweltverschmutzung mit Karzinogenen: Auch die Menschen erkranken in dieser Region Kanadas überdurchschnittlich oft an Krebs.

"Sogar Muscheln können Krebs bekommen"

Einen weiteren Hinweis auf die Bedeutung von Umweltbelastungen für das Auslösen von Tumorerkrankungen beobachten Experten bei der Grünen Meeresschildkröte (Chelonia midas). Die urtümlichen Reptilien werden oft von Fibropapillomen heimgesucht - Geschwüre, die sogar in ihrer gutartigen Variante solche Ausmaße erreichen können, dass die Tiere daran sterben. Auch hier sind häufig Schildkröten betroffen (38,9 Prozent), die in verschmutzten Küstengewässern leben, bei Tieren aus saubereren Hochseegebieten kommt der Tumor deutlich seltener vor (14,6 Prozent) (Journal of Wildlife Disease, 2005, Bd. 41, S. 29).

Weitere Beispiele für potentiell durch Schadstoffe gefördertes Tumorwachstum finden sich bei Kalifornischen Seelöwen sowie bei Katzenwelsen und anderen Fischarten. "Sogar Muscheln können Krebs bekommen", betont Denise McAloose. Ihrer Meinung nach dürfte es eben vor allem in marinen Lebensräumen noch diverse unerkannte Tumor-Epidemien geben, die erhebliche ökologische Auswirkungen haben. "Wir brauchen deshalb verstärktes Monitoring und intensivere Forschung", so die WCS-Pathologin. Schließlich würde dies auch der Gesundheit des Menschen zugute kommen.



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