Tunguska-Ereignis Kam das Unheil von unten?

Die gewaltige Explosion, die 1908 einen Teil Sibiriens verwüstete, hatte ihren Ursprung möglicherweise nicht im Weltall. Das Unheil braute sich vielmehr unterirdisch zusammen, glaubt ein russischer Geologe.


Vor fast hundert Jahren wurde die sibirische Tunguska-Region von einer Katastrophe heimgesucht, die Wissenschaftler noch heute beschäftigt. Am Morgen des 30. Juni 1908 fegte eine Explosion mit der Gewalt einer 15-Megatonnen-Atombombe große Waldflächen des unbesiedelten Gebietes hinweg. Was die enormen Zerstörungen hervorrief, ist in der Fachwelt umstritten.

Die Kontroverse beschränkte sich bislang meist auf die Frage, ob damals ein Komet oder ein Asteroid in der Atmosphäre zerplatzte. Doch das Unheil muss nicht aus dem All gekommen sein, meint der Geologe Wladimir Epifanow. Der Wissenschaftler vom Sibirischen Forschungsinstitut für Geologie, Geophysik und Mineralogie in Nowosibirsk hält eine unterirdische Ursache für wahrscheinlicher, berichtet die russische Nachrichtenagentur Informnauka.

Umgeknickte Bäume in der Tunguska-Region (1953): Epizentrum über altem Krater
AP

Umgeknickte Bäume in der Tunguska-Region (1953): Epizentrum über altem Krater

Epifanow zufolge gibt es zu viele Fakten, die nicht mit einem Einschlag erklärt werden können. So seien etwa im Epizentrum der Katastrophe nicht alle Bäume verbrannt, und der aus umgeknickten Stämmen rekontruierte Weg der Druckwelle lasse sich kaum mit einem Himmelskörper in Einklang bringen. Vor allem aber konnte bislang niemand Bruchstücke des mutmaßlichen Meteoriten finden, obwohl die Tunguska-Region schon mehrmals Ziel von Forschungsexpeditionen war.

Vor Ort gesammelte Spuren, so der Wissenschaftler, erinnern vielmehr an die Auswirkungen einer Atombombe, wenngleich die hohe Strahlenbelastung fehlt. Eine solche Explosion könnte Epifanow zufolge durch die spezielle geologische Situation in der Region entstanden sein: Möglicherweise bahnten sich unterirdische Gasmassen ihren Weg nach oben, um in der Atmosphäre in einem riesigen Feuerball aufzugehen.

In dem Gebiet gibt es im Sedimentgestein große Vorkommen von Erdöl, Gas und Gaskondensat, die unter einer mächtigen Basaltschicht begraben sind. Diese natürliche Versiegelung entstand vor rund 200 Millionen Jahren, als zahlreiche Vulkane und kleinere Erdrisse flüssiges Gestein verströmten. Einer der alten Krater liegt genau unter dem Epizentrum der Tunguska-Explosion - kein Zufall, wie Epifanow meint.

Nach der Hypothese, die der Forscher kürzlich auf einer Konferenz der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau vorstellte, reicherte sich unter der Basaltdecke Gas aus den Erdöl und Kohle enthaltenen Schichten an. Im Jahr 1908, so glaubt Epifanow, fand das unter hohem Druck stehende Gemisch schließlich einen Weg durch das Vulkangestein und schoss als flüssiger Strahl nach oben. Als Auslöser hätte bereits ein mittleres Erdbeben ausgereicht.

Aus Staubpartikeln, die zusammen mit dem Gas in Freie gelangt waren, bildete sich demnach in der oberen Atmosphäre eine Aerosolschicht, die elektrisch aufgeladen wurde. Auf diese Weise könnte der entscheidende Funke freigesetzt worden sein, der den Gasstrahl von oben in Brand setzte. Ein Feuerball raste gen Erde und führte in den tieferen, mit Sauerstoff gesättigten Atmosphärenschichten zur Explosion.

Eine solche irdische Katastrophe könnte erklären, weshalb nie ein Einschlagkrater oder wenigstens Fragmente eines Himmelskörpers in der Tunguska-Region gefunden wurden. Verfechter der Meteoritentheorie mussten sich zuletzt mit der Annahme behelfen, ein extrem brüchiges Projektil sei über Sibirien in die Lufthülle eingetreten. Dieses Objekt, so ihre Theorie, wäre bereits in einigen Kilometern Höhe zerschellt - und zwar so gründlich, dass keine nachweisbaren Stücke von ihm übrig blieben.



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