Überfischung Plünderung der Meere könnte zu Todeszonen führen

Umweltschützer, Lebensmittelkonzerne und Fischereiexperten warnen auf dem IUCN-Weltnaturschutzkongress vor einer ungebremsten Plünderung der Meere. Im Visier haben sie vor allem die europäische Fischereiflotte.
Von Christian Schwägerl

Barcelona/Berlin. Es ist ein tödliches Ritual: Gegen Ende jedes Jahres legen die EU-Fischereiminister fest, wie viele Fische mit den rund 90.000 Booten unter EU-Flaggen gefangen werden dürfen. Gerechnet wird nicht in Tieren, sondern in Tonnen - und fast immer genehmigen die Politiker deutlich mehr als das, was die zuständigen Wissenschaftler vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) noch für verantwortbar halten.

Um ihren Küstengemeinden kurzfristig Einnahmen zu bescheren, erlauben die Politiker eine systematische Überfischung der Gewässer rund um Europa. Doch das rächt sich: Leere Meere sind die Folge, der Ertrag schrumpft. Einen immer größeren Teil ihres Fischkonsums decken die Europäer aus Asien, Afrika und Südamerika.

"Unsere Nachfahren werden uns für kriminell erklären, wenn wir diese Ausbeutung weiter zulassen", sagte der Meeresbiologe Alex Rogers von der renommierten Zoologischen Gesellschaft von London nun auf dem IUCN-Weltnaturschutzkongress. Er forderte, die EU-Minister müssten bei ihren anstehenden Verhandlungen die Zahl der Schiffe drastisch reduzieren und die Fischer stärker kontrollieren lassen. Sonst drohten sich "Todeszonen", wie es sie vor Namibia bereits gebe, auch vor Europa auszuweiten.

Bei der Zusammenkunft von Umweltorganisationen und Umweltpolitikern aus aller Welt gab es beinahe im Stundentakt Warnungen vor einem Kollaps der marinen Ökosysteme: Die Meere würden wärmer, saurer, schmutziger und biologisch ärmer zugleich, hieß es in zahlreichen Diskussionsrunden. Die Produktion von Plankton, der Grundlage allen Meereslebens, drohe durch den Klimawandel zurückzugehen. Wichtige Funktionen der Meere als Lebensraum und als Proteinquelle der Menschheit seien gefährdet.

"Die Regierungen haben auf spektakuläre Weise versagt"

"Wir brauchen dringend Schutzgebiete auf hoher See und eine internationale Strategie, die marinen Ökosysteme zu erhalten", forderte Lisa Speer vom US-amerikanischen Natural Resources Defence Council. Schon innerhalb der nationalen Gewässer gebe es viel zu wenige Schutzgebiete und Regenerationsräume für Fische und andere Meeresbewohner, denen der Mensch nachstellt. Doch ganze 64 Prozent der Weltmeere lägen in internationalen Gewässern abseits der Küsten: "Die sind momentan komplett zur Plünderung freigegeben", sagte Speer. Das Wissen über den biologischen Reichtum und die Gefährdung der hohen See sei minimal: "Wir wissen weit mehr über den Mars und geben auch viel mehr zu seiner Erforschung aus."

Um die Weltmeere effektiv zu schützen, müssten umgehend die Vereinten Nationen tätig werden. "Sie müssen sofort handeln und in vier bis fünf Jahren 30 bis 40 Prozent der hohen See unter Schutz stellen statt das Problem immer auf die lange Bank zu schieben." Auch Vertreter der Lebensmittelindustrie äußerten auf dem IUCN-Kongress Sorgen. "Die Regierungen haben auf spektakuläre Weise dabei versagt, die Fischressourcen zu managen", sagte Peter Hajipieris von Unternehmen Iglu Birds Eye, das zu den weltweit wichtigsten Fischverwertern zählt. Seine Branche sei aktiver darin, die Fischbestände zu schützen als manche Regierung. "Wir haben es jedenfalls geschafft, die Russen von nachhaltigen Praktiken beim Seelachsfang zu überzeugen." Die Angst gerade von Supermarktketten, ausbeuterisch oder gar illegal gefangenen Fisch anzubieten, wachse stark.

Als Warner tritt kurz vor der neuen Runde der EU-Fischereiverhandlungen auch Brian Tobin auf, der frühere Fischereiminister von Kanada. "Die EU-Minister müssen sich endlich schützend vor den Fisch stellen statt vor die Fischer", forderte Tobin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Mann spricht aus Erfahrung. Als er 1993 seine dreijährige Amtszeit antrat, war gerade der kanadische Kabeljaubestand komplett zusammengebrochen. "Trotz eines 16 Jahre langen Fangverbots hat er sich bis heute nicht erholt", sagte Tobin, "und das wird zum Beispiel auch in der Ostsee passieren, wenn es so weitergeht."

Ganz wenig Fisch - vielleicht für immer

In der Ostsee würden vom Kabeljau - dort Dorsch genannt - zusätzlich zu überhöhten Fangquoten auch noch Unmengen illegal gefangen. "Die Situation dort erinnert mich fatal an unsere damals vor dem totalen Kollaps." Kanada habe einen radikalen Weg einschlagen müssen. 50.000 kleine Fischereibetriebe seien geschlossen worden. Er hoffe, dass die EU früher handle: "Die Fischer müssen höhere Preise für weniger Fang erzielen können oder sie müssen umlernen, um ihr Geld mit etwas anderem zu verdienen", sagte Tobin.

Einigkeit herrscht unter den Meeres-Mahnern, dass ab sofort nicht politische Wünsche, sondern die Empfehlungen des ICES die Fangmengen bestimmen sollten. "Wir bieten der EU nach bestem Wissen und Gewissen Zahlen an, wie viel das Meer verträgt", sagt Hans Lassen, der das ICES-Programm leitet. Die Europäer müssten bereits sein, einen Preis für Regeneration der Bestände bezahlen: "Damit sich die Bestände erholen können, wäre es nötig, über zehn Jahre die Fangmengen zu halbieren." Ginge alles so weiter, wären die Konsequenz hart: "Ganz wenig Fisch, vielleicht für immer", sagt Lassen.

Die deutsche Bundesregierung hat angesichts der dramatischen Zustände nun in ihrer Meerespolitik eine Kehrtwende vollzogen. Ende September beschloss das Kabinett eine von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) entwickelte Meeresschutzstrategie, die für andere Ministerien erheblich Arbeit bedeutet.

So müsste, um dem Papier Leben einzuhauchen, Außenminister Frank-Walter Steinmeier sein Engagement bei der Uno für Meeresschutzgebiete verstärken und Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) die Fischbestände vor Westafrika für die heimische Bevölkerung vor der EU-Flotte retten. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) müsste den Kiesabbau in deutschen Meeresschutzgebieten einschränken - und der neue Bundeslandwirtschaftsminister als erste Bewährungsprobe beim Brüsseler Quotenhandel auf den Tisch hauen.

Die Macht der Konsumenten

Verantwortung weist das Regierungspapier auch den Bürgern zu. "Nachhaltigen Konsum" sollten sie praktizieren. Doch was heißt das? Der Verbraucher steckt in einem Dilemma: Ärzte und Ernährungsexperten raten dazu, mindestens einmal pro Woche Fisch zu essen. Fische enthalten besonders wertvolle ungesättigte Fettsäuren, denen allerlei gesundheitsförderliche Wirkungen nachgesagt werden. Länder mit hohem Fischkonsum wie Japan und Island weisen die weltweit höchsten Lebenserwartungen auf.

Was also kaufen? Wenn die EU-Minister die Fangmengen drastisch reduzieren würden, wie es Umweltschützer fordern, könnte im schlechtesten Fall noch mehr Fisch aus Weltregionen kommen, in denen es gar keine Auflagen für die Fischerei gibt. Um solche negativen Folgen zu vermeiden, bedarf es größter Aufmerksamkeit von Verbrauchern. Die Umweltorganisationen Greenpeace und WWF bieten im Internet und als Broschüren "Fisch-Führer" an, die bei der Auswahl verantwortungsvoll gefangener Fische helfen. In beiden Führern sind zahlreiche Fischarten aufgelistet, deren Verzehr der Umwelt keinen schaden zufügt. Allerdings muss sich der Verbraucher bei manchen Fischen die Mühe machen, nach der Herkunftsregion zu fragen. Umweltschützer ermutigen dazu, dies sowohl an der Fischtheke als auch im Restaurant zu tun. Das nämlich würde bei den Fischeinkäufern die Aufmerksamkeit für die Öko-Probleme schärfen.

Eine gute Orientierung gibt auch das Label des Marine Stewardship Council (MSC), das auch in Deutschland bereits auf vielen tiefgefrorenen Fischprodukten prangt. "Bevor ein Fischereibetrieb unser Label erhält, muss er nachweisen, dass er sich nicht an Überfischung beteiligt und nachhaltige Praktiken anwendet", sagt Marnie Bammert, die Vertreterin der MSC-Organisation in Berlin.

Anfang Oktober hat Bammert bekannt gegeben, dass die deutschen Seelachsfischer an der Nordsee sich mit Erfolg der strengen MSC-Überprüfung unterzogen haben. Die Cuxhavener Fischer mussten beweisen, dass sie dem Meer nicht zuviel Fisch entnehmen und auf andere Fischarten, Meeressäuger und Wasservögel Rücksicht nehmen. So benutzten die Kutterfischer aus Cuxhaven ausschließlich großmaschige Netze, erklärte die deutsche MSC-Beauftragte. Jungfische könnten durch die Lücken im Geflecht entschlüpfen, wachsen, sich fortpflanzen und so dafür sorgen, dass immer zahlreich Nachwuchs vorhanden sei.

"Wir haben keine genauen Zahlen"

Als Schwarmfisch schwimme Seelachs nicht mit anderen Arten herum, so dass kaum ungewollter Fisch - der sogenannte Beifang - in den Netzen lande. Die Kutterfischer zögen ihre Netze ausschließlich über steinigen Untergrund, der wenig empfindlich sei. Sie verwendeten leichte Netze mit Rollengeschirr statt Eisenketten und beführen immer wieder dieselben Routen. Die Auswirkungen des Fangbetriebes auf den Meeresboden seien gering, der Dieselverbrauch niedrig. "Die deutschen Heringfischer an der Ostsee haben sich nun ebenfalls für unseren Begutachtungsprozess angemeldet", berichtet Bammert.

Auf das MSC-Siegel zu achten, lohnt sich für Verbraucher, denen an einem reinen Gewissen gelegen ist. Wer nämlich sorglos an den Fischkauf herangeht, muss damit rechnen, Diebesgut auf dem Teller zu haben. "Wir haben keine genauen Zahlen, aber es steht fest, dass noch immer große Mengen illegal gefangenen Fisches in der EU angelandet werden und aus anderen Teilen der Welt zu uns kommen", sagte der Chef der EU-weiten Fischereiaufsichtsagentur im spanischen Vigo, Harm Koster, SPIEGEL ONLINE.

Die Kontrollen auf den Schiffen und in den Häfen müssten so verstärkt werden, dass diese Praktiken endlich ein Ende hätten. Ein weltweites Nachweissystem sei nötig. Ähnlich gravierend wie illegaler Fang sei die Beifangproblematik: "Zu viel Fisch wird draußen auf der See oftmals tot wieder zurückgeworfen", klagte Koster, "weil er zu klein ist oder zu Arten gehört, die der Verbraucher nicht nachfragt". Wie groß diese Beifangmengen seien, lasse sich derzeit nicht bestimmen.

Koster unterstützt daher den Plan der EU-Kommission, es zur Pflicht zu machen, den gesamten Fang an Land zu bringen und auf die erlaubte Fangmenge anzurechnen. "Dann würde Klarheit herrschen, was dem Meer entnommen wird und es bestünde ein Anreiz, in nachhaltigere Fangmethoden zu investieren."

Verbraucher müssten Druck erzeugen

Einen Ausweg aus den Überfischungsproblemen sehen viele in der Aquakultur. Fische werden dabei nicht aus dem offenen Meer gefangen, sondern in großen Käfigen in Küstennähe großgezogen. Frankreich möchte bis Jahresende den Vorsitz des EU-Rats dazu nutzen, eine Großoffensive für den Ausbau der Aquakultur in der EU zu starten. Die Fischzucht hinkt in der EU nämlich anderen Weltregionen hinterher. Weltweit stammen bereits rund vierzig Prozent des gesamten Fischkonsums aus Aquakultur, in der EU 18 Prozent.

Doch Umweltschützer sind von der Expansion der Aquakultur nicht begeistert. Betroffen von dem EU-Plan wären auch so ökologisch sensible Gebiete wie das Donaudelta am Schwarzen Meer. Auf dem IUCN-Weltnaturschutzkongress nannten Experten auch bei der scheinbar eleganten Aquakultur zahlreiche ökologische Gefahren. Wildfische würden domestiziert, gebietsfremde Arten häufig eingesetzt. Das Fischfutter werde aus Wildfischen oder Tierresten hergestellt, riesige Mengen organischer Abfälle kämen ins Wasser, ebenso wie Parasiten, Medikamente und giftige Imprägniermittel an den Käfignetzen.

Die Weltnaturschutzunion IUCN arbeitet nun zusammen mit dem Dachverband der EU-Fischfarmen freiwillige Auflagen aus, die Umweltschäden vermindern oder vermeiden helfen sollen. Und noch einen Erfolg kann IUCN verzeichnen: Vertreter der spanischen Fischereiindustrie verpflichteten sich auf dem Kongress in Barcelona dazu, gemeinsam mit den Umweltschützern eine nachhaltigere Fischerei aufzubauen. Es ist die erste Vereinbarung dieser Art - ausgerechnet mit Spanien, das in der EU als größter Sünder unter den Fischereinationen gilt. Allerdings dämpfte ein Vertreter der spanischen Fischereibranche Erwartungen an das Abkommen, was die anwesenden Umweltvertreter enttäuschte: "Wir müssen nicht viel ändern, nur hier und da etwas." Der Druck, die Plünderung der Meere zu stoppen, muss wohl doch von Verbrauchern, Lebensmittelketten und Politikern kommen.

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