Überfischung Wie schmeckt ein Stupsnäsiger Grenadier?

Kardinalfisch an Stelle von Kabeljau? Schwarze Säbelscheide statt Seelachs? Europas Verbrauchern könnten schon bald neue Speisefisch-Sorten aufgetischt werden - als Alternative zu überfischten Arten. Die Suche hat längst begonnen.
Von Volker Mrasek

Das Dilemma bedrückt Ernährungswissenschaftler wie Meeresökologen. Einerseits wird Verbrauchern empfohlen, mehr Fisch zu verzehren - der Omega-3- und anderer gesundheitsförderlicher Fettsäuren wegen. Andererseits sind die Bestände von Kabeljau, Makrele und Konsorten in den Ozeanen zum Teil heute schon stark geplündert. Die Welternährungsorganisation FAO sieht die Hälfte der kommerziell bedeutsamen Fischstöcke an der Grenze der Belastbarkeit. Längst wird versucht, den Aderlass mit Hilfe von Fangquoten zu stoppen. Immer mehr der vermarkteten Fische wachsen unterdessen in Zuchtfarmen an den Meeresküsten - so genannten Aquakulturen - auf.

Irische Fischereiforscher und Lebensmitteltechnologen verfolgen nun ein anderes Konzept der Krisenbewältigung: Sie fahnden systematisch nach neuen Fleischtöpfen im Meer, suchen nach alternativen Speisefischarten in den Fanggründen des Nordatlantiks. 20 Kandidaten testeten sie bislang. Darunter Fische, die den Trawlern als Beifang ins Netz gehen, ohne verwertet zu werden. Aber auch glubschäugige Bewohner der Tiefsee, die bis zu tausend Meter unter der Wasseroberfläche leben. Ein Forschungsschiff holte sie ans Tageslicht.

Ronan Gormley ist mit der Ausbeute ganz zufrieden: "Mindestens zehn der Kandidaten haben die Probe bestanden", sagt der Lebensmitteltechnologe und Chemiker in Diensten des National Food Centre in Dublin, eines Forschungszentrums der irischen Lebensmittelindustrie.

Die Prozedur darf man sich ähnlich vorstellen wie eine Weinverkostung. Nur wurde den Testern kein Bordeaux oder Châteauneuf-du-Pape kredenzt, sondern: "Stupsnäsiger Grenadier", "Atlantischer Sägebauch" und anderes Grätengetier mit phantasievollen Namen. Die zwei wesentlichen Fragen, die es zu klären galt, waren kulinarisch-küchentechnischer Natur: Schmecken die Exoten überhaupt? Und lässt sich ihr Fleisch gut filetieren, sprich: geschmeidig von den Gräten trennen?

Die größten Chancen, unsere Küche zu erobern, räumen die Iren nun dem Teleskop-Kardinalfisch ein, Epigonus telescopus mit lateinischem Namen. Die Art ist Barschen nicht unähnlich, wird bis zu 75 Zentimeter lang und von Island bis zu den Kanaren verbreitet. "Schmeckt in etwa wie Dorsch, der Fettgehalt ist sogar etwas höher", schwärmt Test-Mitesser Gormley von den Vorzügen des Kardinals. Sein Urteil nach dem Filetieren, Marinieren, Tiefgefrieren und Verkosten: "Da kündigt sich ein interessanter neuer Speisefisch an." Spätestens in fünf Jahren, glaubt der Dubliner Forscher, werde der Meereskardinal das Angebot europäischer Fischmärkte bereichern: "Warum nicht auch in Deutschland?"

Raubbau am Ökosystem der Ozeane bremsen

Vorher aber, das weiß selbst Gormley, braucht es noch eine Art ökologische Unbedenklichkeitsbescheinigung. Zu klären ist, wie groß die Bestände der Lückenfüller im Nordatlantik sind und ob sie sich überhaupt schonend nutzen lassen. Fehler wie bei der Überfischung von Hering, Dorsch oder Tunfisch dürften sich nicht wiederholen, mahnt Christian Patermann, für Landwirtschaft und Fischerei zuständiger Direktor im Forschungsdirektorat der EU-Kommission: "Das muss alles sehr sorgfältig abgewogen und letztlich vernünftig und nachhaltig gehandhabt werden."

Dafür will auch Brüssel Sorge tragen. Wie es zu schaffen ist, den Fischkonsum der Bevölkerung anzukurbeln und gleichzeitig den Raubbau am Ökosystem der Ozeane zu bremsen - das soll in einem Megaprojekt des aktuellen 6. Forschungsrahmenprogramms erkundet werden. "Seafood plus" ist die größte, jemals von der EU gesponserte Initiative auf dem Feld der Meeresfrüchte, mit 70 beteiligten Instituten und Organisationen in ganz Europa. Auf der Agenda der Forscher stehen auch alternative Speisefische und ihre Verfügbarkeit.

Es gibt bereits Beispiele dafür, wie man den Schwenk auf neue Zielarten besser nicht vollziehen sollte.

Tiefseeart vermehrt sich in Zeitlupe

Der britische Meeresbiologe Callum Roberts verweist immer wieder auf den Fall des "Atlantischen Sägebauchs" (Hoplostethus atlanticus). Die Tiefseeart ist besser bekannt unter ihrem englischen Namen "Orange Roughy" und als Edelfisch geschätzt. In den achtziger Jahren starteten neuseeländische und australische Fischer "eine massive Jagd auf Orange Roughy", so Roberts. Zum Ablaichen steuere die Art bestimmte Untersee-Berge vor der Küste des fünften Kontinents an. Dort erzielten die Fischer enorme Fangmengen innerhalb kürzester Zeit.

"Heute sind die Bestände auf ein Fünftel geschrumpft", beklagt der Brite die Folgen. Und die Umweltschutzorganisation Greenpeace mag an eine Erholung der drangsalierten Art nicht glauben, da Orange Roughy einen außerordentlichen langen Lebenszyklus hat: Die Fische brauchen etwa 30 Jahre bis zur Geschlechtsreife; sie vermehren sich gleichsam nur in Zeitlupe.

Christian Patermann hält die anvisierte Erweiterung des marinen Speisezettels für durchaus "reizvoll". Doch sieht er in ihr nur eine Ergänzung zu anderen Strategien. Für den EU-Agrarforschungsdirektor braucht es vor allem zwei Dinge, um das Problem der Überfischung in den Griff zu bekommen: "Das erste sind Fangquoten, das zweite vernünftige Aquakulturen - und hinzu kommen vielleicht noch neue Speisefischarten."

Die EU-Kommission werde insbesondere den Aufbau umweltverträglicher Zuchtfarmen "als ganz wichtigen Punkt für die Zukunft behandeln", so Patermann. Damit Verbraucher nicht länger von der Vorstellung gequält würden, jede Lachs-Farm sei ja doch nur "wie 'ne Legehennenbatterie".