Gerade einmal sechs Millimeter groß kann eine Rote Feuerameise werden. Doch der Winzling ist trotzdem zu Erstaunlichem fähig - dank der Kraft des Kollektivs. Wie ein einziger Superorganismus können sich die Insekten verhalten, sie verständigen sich dafür mit Duftstoffen, so genannten Pheromonen, und Klopfgeräuschen. Wenn nötig bilden die Tierchen lange Leitern, um Höhenunterschiede zu überwinden. Noch erstaunlicher: Sie lagern sich zu einem Rettungsfloß zusammen, um übers Wasser zu reisen.
Diese Flöße haben Wissenschaftler um Nathan Mlot vom Georgia Institute of Technology in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) nun genauer untersucht. Das Verhalten der Insekten könnte Forschern Anregungen liefern, wie sich flexiblere Roboter konstruieren und programmieren lassen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Rote Feuerameisen (Solenopsis invicta) müssen in ihrem ursprünglichen Lebensraum im brasilianischen Regenwald regelmäßig Überschwemmungen überstehen. Dann evakuieren die Insekten ihre unterirdischen Bauten, die Kolonie trennt sich jedoch nicht. Sie haben eine Gruppenlösung, um der Flut zu trotzen: Die Ameisen bauen Flöße, und zwar ganz ohne Werkzeug und Baumaterial - sie nutzen allein ihre Körper.
Diese Rettungsboote gehören zu den langlebigsten Gruppenstrukturen, die von Ameisen bekannt sind: Die Insekten können in dieser Form sogar über Monate in neue Gebiete reisen, welche sie dann bevölkern, schreiben die Wissenschaftler.
Luftblasen bewahren Ameisen vorm Ertrinken
Mlot und Kollegen untersuchten die Ameisenflöße im Labor, dafür setzen sie verschieden große Kolonien unter Wasser, so dass sich 500 bis 8000 Ameisen zu einem Floß zusammenschlossen. Dazu verhaken und verbeißen sich die Tiere ineinander. Am Rande des Floßes wird dabei der Gruppenzwang deutlich. Die Wissenschaftler konnten beobachten, wie Ameisen dort ihre Nachbarn regelrecht einfangen und festsetzen - das kooperative Verhalten im Ameisenstaat wird demnach auch mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt.
Innerhalb weniger Minuten bilden die Ameisen ein flaches, auf dem Wasser treibendes Gebilde, das an einen Pfannkuchen erinnert. Ein Teil der Kolonie befindet sich dabei teilweise unter Wasser und bildet die Plattform, auf der die anderen reisen.
Zwei Effekte ermöglichen den Insekten den Floßbau: Der Panzer jeder Ameise ist wasserabweisend, flechten sie sich zu einem dichten Gewebe zusammen, verstärkt sich diese Eigenschaft noch. Unter den Ameisen sammeln sich zudem Luftblasen, die das Atmen erlauben, so dass die Tierchen nicht ertrinken. Zusätzlich bekommt das Floß genug Auftrieb, um zu schwimmen. Die Ameisen im oberen Bootsbereich behalten sogar trockene Beinchen. So könnten Tausende bis Millionen von Passagieren durch überflutete Gebiete transportiert werden, ohne dass nur einer von ihnen sterbe, meinen die Wissenschaftler.
Entfernten die Forscher einzelne Ameisen von der Oberfläche des Floßes, rückten sofort Nachbarn auf, damit das Gebilde stabil blieb. Die Insekten an der Floßbasis scheinen demnach wahrzunehmen, wie viele Tiere sich über ihnen befinden.
Die Wissenschaftler, darunter auch Maschinenbauer, wollen die beobachteten Konstruktionsfähigkeiten der Ameisen mit intelligenten Robotern nachahmen.
So faszinierend das Verhalten der Roten Feuerameisen auch ist, Biologen betrachten es trotzdem mit gemischten Gefühlen. Denn Solenopsis invicta, die dem Namen nach unbesiegbare Feuerameise, zählt zu den gefährlichsten eingeschleppten Arten in den USA. Die aggressiven Insekten bedrohen dort einheimische Tierarten, darunter Reptilien und andere Ameisenarten. Zudem können ihre Bisse und Stiche bei Menschen schwere allergische Reaktionen auslösen.
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Übers Wasser treiben: Rote Feuerameisen haben eine faszinierende Taktik entwickelt, um Fluten zu überstehen - sie schließen sich zu einem Rettungsfloß zusammen.
Lebende Struktur: Die Ameisen verhaken sich ineinander, um eine dichte, wasserabweisende Schicht zu bilden. Auf dieser sammelt sich der Rest der Insekten - sie bekommen nicht einmal nasse Beinchen.
Gemeinsam stark: Wie sich eine Feuerameise mit ihren Mundwerkzeugen ans Bein einer anderen klammert, zeigt die Mikroskopaufnahme. Hunderte bis Tausende Insekten formen so zusammen ein Floß.
Schwimmen unter widrigen Bedingungen: Im Labor prüften Forscher um Nathan Mlot vom Georgia Institute of Technology in Atlanta, wie gut sich das Floß über Wasser hält. Es hielt auch diesen brachial wirkenden Stocktest aus.
Kolonie auf Reisen: Über viele Wochen kann ein Rettungsfloß der Feuerameisen bestehen bleiben. So treiben Kolonien im überfluteten Regenwald in neue Gebiete, die sie dann besiedeln.
Feuerameise an der Wasserkante: Auch einzelne Ameisen können sich über Wasser halten - allerdings nicht so gut wie das Ameisenfloß.
Vorsichtiges Vortasten: Eine Ameise wagt sich allein aufs Wasser. Die Oberflächenspannung sorgt dafür, dass das Tierchen nicht versinkt.
Unter Wasser: Eine untergetauchte Ameise treibt zur Oberfläche. Die kleinen Luftbläschen, die sich unter ihrem Körper gesammelt haben, verschaffen ihr Auftrieb.
Wasserträger: Da erübrigt sich der Regenmantel - der harte Panzer einer Ameise ist von Natur aus leicht wasserabweisend.
Tropfen für Tropfen: Sammeln sich Ameisen in einer dichten Kolonie, verstärkt sich der wasserabweisende Effekt.
Abgetaucht: Im Labor tauchten die Forscher ganze Ameisenfloße unter. Dabei verfingen sich größere Luftblasen im Floß, deren Grenzen hier als schimmernde Flächen zu erkennen sind.
Anschauliches Experiment: Die Forscher des Georgia Institute of Technology haben sich nicht nur damit beschäftigt, wie Ameisen Flöße bilden. Sie verdeutlichen hier: Ameisenkolonien verhalten sich in ihren Bewegungen ähnlich wie Flüssigkeiten, verdeutlicht die Wanderung von Teekanne zu -tasse.
Improvisierte Leiter: Höhenunterschiede überwinden Ameisen, indem sie Leitern oder Ketten bilden.
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