Überlebensvorteil Eigensinn Auch Tiere haben ihren eigenen Kopf

Eigenbrötler-Eidechsen, Draufgänger-Fische und schüchterne Schafe: Die Belege mehren sich, dass es auch im Tierreich ganz eigene Persönlichkeiten gibt. Nur menschliche Überinterpretation? Nein, sagen jetzt Forscher und zeigen: Das erstaunliche Phänomen würde evolutionär Sinn ergeben.

Haustierhalter wussten es schon immer: Hund und Katze, Papagei und Pferd haben ihren eigenen Kopf und individuelle Charakterzüge. Während sich Nachbars Bello beispielsweise aufgeschlossen und freundlich gegenüber Fremden zeigt, gibt sich der eigene Hasso als misstrauischer Miesepeter. Der französische Aufklärungsphilosoph René Descartes hätte jeglichen Versuch, Tieren eigene Persönlichkeiten zuzusprechen, als groben Unfug abgetan und auch heutzutage schütteln viele Gelehrte bei solchen Gedanken noch den Kopf: Vermenschlichung!

Doch Verhaltensforschern konnten mittlerweile mit empirischen Studien bei mehr als 60 verschiedenen Tierarten individuell unterschiedliche Verhaltensmuster nachweisen (siehe Kasten). Wenn man so Persönlichkeit definiert, dann ist sie offensichtlich kein menschliches Privileg.

Doch die Entdeckung der Tiercharaktere wirft neue Fragen auf: Wie lässt sich die Entwicklung von animalischen Persönlichkeiten evolutionsbiologisch deuten? Eigentümlichkeiten stehen schließlich auch für einen gewissen Mangel an Flexibilität. Die könnte ja auch von Nachteil sein. Wenn sich andererseits ein bestimmtes Verhaltensmuster im Kampf ums Überleben als vorteilhaft erweist, müssten Abweichler unter dem Druck der natürlichen Selektion eigentlich aussterben - und so wieder ein Einheitsverhalten entstehen.

Noch rätselhafter ist die oft auftretende Kopplung verschiedener Charakterzüge wie etwa Neugier, Furchtlosigkeit und Aggression. Fachleute nennen solche Muster Verhaltenssyndrome. Auch sie können sich leicht negativ auswirken. Wer agil neue Nahrungsquellen erkundet und gleichzeitig unvorsichtig gegenüber Räubern ist, hat nicht unbedingt eine höhere Lebenserwartung als zurückhaltende Artgenossen.

Der Preis des Mutes

Der Biologe Max Wolf von der Universität Groningen wollte sich nicht mit solchen Erwägungen zufrieden geben. Er entwickelte ein spezielles Computerprogramm zur Simulation von Evolutionsprozessen. Die Forscher testeten die mögliche Entwicklung unterschiedlicher Verhaltensstrategien bei einer hypothetischen Tierart und verbanden Chancen und Risiken mit möglichem Fortpflanzungserfolg. Der Rechner sollte Wolf und seinen Kollegen beantworten: Tierpersönlichkeiten, kann so etwas sein? Macht das evolutionär Sinn?

"Es gibt viele Verhaltensweisen, die einen Risikoanteil haben", sagt Wolf zu SPIEGEL ONLINE. "Wer viel zu verlieren hat, wird weniger riskieren". In der Tat zeigte sich ein klares Muster: Assertive Individuen, die sich mutig vor Räubern und aggressiv gegenüber Artgenossen verhielten, pflanzten sich früher fort und verhielten sich weniger effizient bei der Suche nach Ressourcen. Eine riskante Lebensweise, gezielt auf kurzfristigen Erfolg.

Schüchterne Exemplare dagegen zeigten eine deutlich zukunftsorientierte Strategie. Spätestens nach 200.000 Generationen hatten sich die unterschiedlichen Verhaltensmuster in der Simulation genetisch etabliert. Beiden konnten in derselben Spezies koexistieren. Ihre Ergebnisse haben die Experten in der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (S. 581-584) veröffentlicht.

Schüchterne Schafe schieben Panik

Wolfgang Forstmeier, Forscher am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen, kann Wolfs Modell gut nachvollziehen. Forstmeier arbeitet mit Zebrafinken (Taeniopygia guttata) und untersucht deren vererbbare Persönlichkeitsmuster. "Wann immer die Natur Tiere dazu zwingt, klare Entscheidungen zu treffen, fördert die Evolution Spezialisierungen", sagt der Experte. Charaktereigenschaften gehören dazu. "Die Genetik verhindert allerdings eine zu starke Differenzierung von Persönlichkeitstypen."

Soweit die Theorie, aber wie sieht es im echten Leben aus? Max Wolf verweist auf eine bekannte Austernfischer-Kolonie (Haematopus ostralegus) in den Niederlanden. Dort gibt es Territorien sehr unterschiedlicher Qualität. Ein Teil der Vögel zögert den Moment ihrer ersten Paarung hinaus und kann deshalb oft später ein hochwertigeres Revier ergattern und so den Fortpflanzungserfolg steigern. "Hier könnte man unser Modell in der Praxis testen", meint Wolf. Sollten sich die Geduldigen als risikoscheu erweisen, wäre der Beweis geliefert.

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