Überraschende Flut Schluckauf über dem Mittelmeer verursacht Tsunamis

Aus heiterem Himmel branden meterhohe Wogen gegen Mittelmeer-Städtchen, zuletzt im Sommer auf Menorca. Erklären konnte das niemand. Jetzt zeigen Experten: Ein seltenes Luftdruck-Phänomen verursacht die Wellen - die darum Meteo-Tsunamis heißen.

Von


Ohne erkennbare Ursache überschwemmen regelmäßig Riesenwellen Orte am Mittelmeer. Zuletzt überflutete am 15. Juni eine vier Meter hohe Wasserwand den Hafen von Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca und richtete erheblichen Sachschaden an. Der Ort, in dem das Phänomen als "Rissaga" bekannt ist, wird alle paar Jahre von den Brechern überrascht. Forscher standen vor einem Rätsel, denn niemals wurden Erdbeben oder untermeerische Lawinen gemeldet, die die Wellen aufgeworfen haben könnten. Deshalb brachten Wissenschaftler atmosphärische Turbulenzen als Erklärung für die Naturgefahr ins Spiel.

Nun liefern Ozeanographen eine überraschende Erklärung für das Phänomen: Demnach handelt es sich bei den Wellen um eine bislang unbekannte Form von Tsunamis – um Meteo-Tsunamis. Unsichtbare Stoßwellen in der Luft lösen die Meereswellen aus, schreiben Forscher um Ivica Vilibic vom Institut für Ozeanographie im kroatischen Split nun im Fachmagazin "Natural Hazards and Earth System Sciences" (Band 6, Seite 1035).

Beispiel Balearen: Schon Stunden bevor Ciutadella überschwemmt wird, stehen die Zeichen auf Unheil. Mit Richtung Spanien fließt Luft aus Arabien, die über dem Mittelmeer von einer anderen Luftströmung aus der Sahara blockiert wird. Die Luft aus Arabien weicht nach oben aus und staut sich dort. Dabei entstehen unmerkliche Luftdruck-Schwankungen von wenigen Hektopascal. Dieser atmosphärische Schluckauf bewegt sich langsam nach Norden. Wetterdaten zeigen, dass rund eine Stunde vor einer Riesenwelle der Luftdruck in Menorca plötzlich um rund drei Hektopascal anstieg, um nach wenigen Minuten wieder auf den ursprünglichen Stand abzufallen.

Schluckauf der Atmosphäre

Die Druckwelle wäre vollkommen ungefährlich, träfe sie nicht bisweilen vor den Balearen-Inseln auf gleich schnelle Meereswellen. Luft und Wasser geraten dann in Resonanz und schaukeln sich auf, schreiben Vilibic und seine Kollegen. Noch immer ist das nicht als akute Bedrohung zu erkennen, denn höher als 20 Zentimeter werden die Wogen nicht.

Sobald die Wellen aber die enge und flache Bucht von Ciutadella erreichen, werden sie sowohl an den Küsten als auch am Meeresboden gestaucht – und türmen sich deshalb meterhoch. Die Brecher würden die Küste allerdings nicht erreichen, wäre nicht eine weitere Voraussetzung erfüllt: die Bucht von Ciutadella verfügt über genau die richtige Länge dafür – Wellen, die an der Küste reflektiert werden, löschen einlaufende Wogen nicht aus, sondern verstärken sie eher.

Obgleich also viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Meteo-Tsunamis entstehen können, gibt es offenbar zahlreiche Orte, an denen die Wogen auftreten können. Denn der atmosphärische Schluckauf kann auf unterschiedliche Weise entstehen: Zuweilen erzeugen Gebirge die Luftdruckwelle, etwa die Alpen bei Nordwestwind. Bei bestimmtem Wetter droht so dem kroatischen Ort Vela Luka an der Adriaküste eine Riesenwelle. Im Mittelmeer sind auch Buchten auf Sizilien, Malta und in der Türkei von Meteo-Tsunamis bedroht, berichten Vilibic und Kollegen. In Japan ertranken 1979 mehrere Menschen in der Bucht von Nagasaki bei einem Meteo-Tsunami. 1954 kamen in Chicago mehr als fünf Personen um, nachdem sich eine Riesenwelle aus dem Michigansee erhoben hatte und Teile der Stadt überschwemmte.

Auch in Neuseeland, China und Finnland gab es offenbar Meteo-Tsunamis. Von den meisten Meteo-Tsunamis gebe es vermutlich keine Berichte, weil viele in unbewohntem Gebiet auftreten, vermuten die Forscher. Gefährdet seien enge Buchten, in denen der Wasserspiegel - wie etwa am Mittelmeer - wenig schwanke, sagte Vilibic zu SPIEGEL ONLINE. Denn diese Orte sind kaum auf Fluten eingestellt.

Erklärung für bislang rätselhafte Wellen

Von Seebeben verursachte Tsunamis sind ohne Frage weitaus gefährlicher: Sie können ozeanweit Verwüstungen anrichten. Die Bedrohung durch Meteo-Tsunamis hingegen ist begrenzt. Auf Menorca kann schon im Nachbardorf von einer Riesenwelle nichts mehr zu spüren sein. Sie seien damit den von untermeerischen Lawinen ausgelösten Tsunamis vergleichbar, schreibt Vilibic. Auch diese Wellen seien kleiner und nur von lokaler Bedeutung.

Die Entdeckung der Meteo-Tsunamis erklärt Flutwellen, für die Forscher bislang keine Ursache fanden. Und andere, die scheinbar von Erdlawinen ausgelöst wurden, könnten eigentlich die Folge eines atmosphärischen Schluckaufs sein, glaubt Vilibic.

Eine der größten Tsunami-Katastrophen hat sich nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Krakatau im Jahr 1883 ereignet, als Zehntausende Menschen in den Flutwellen ertranken. Nicht nur Rutschungen hätten diese Tsunamis entfacht, glauben Vilibic und sein Kollege Sebastià Monserrat von der Universitat de les Illes Balears in Palma de Mallorca. Vermutlich hätte zunächst der Explosionsknall der Eruption, der noch in 5000 Kilometer Entfernung zu hören war, den Luftdruck schlagartig verändert und Meteo-Tsunamis ausgelöst. Das würde erklären, warum die Wellen so schnell an den Küsten eintrafen, schreiben die Forscher. Nach der Rutschungs-Hypothese hätten die Wogen länger unterwegs sein müssen, als sie es nach zeitgenössischen Berichten tatsächlich gewesen sind.

Die Existenz des Phänomens war bislang umstritten. Experten erklärten die lokalen Riesenwellen oft mit örtlichen Besonderheiten. Nachdem Vilibic und Kollegen nun zeigen konnten, dass es sich bei den Wogen um Meteo-Tsunamis handelt, die lediglich anders ausgelöst werden als ihre bekannten Verwandten, fordern die Forscher nun Warnsysteme einzurichten.

Es gelte, die Daten von Überschwemmungskatastrophen auszuwerten, um bedrohte Ortschaften ausfindig zu machen, sagte Vilibic. Mit Wetterdaten, Wasserstandsmessungen und Computermodellen ließen sich künftige Meteo-Tsunamis erkennen – und Strände und Promenaden rechtzeitig räumen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.