Katastrophe von Krymsk Die Meereserwärmung brachte die Fluten

Simulationen kommen zu dem Ergebnis, dass die Erwärmung des Schwarzen Meeres die Flutkatastrophe im russischen Krymsk verursacht hat. Die Überschwemmung riss 2012 mehr als hundert Menschen in den Tod.

AP

Mehr als 170 Menschen starben in einer einzigen Nacht. In der Region um die südrussische Stadt Krymsk am Schwarzen Meer trat im Juli 2012 nach schweren Regenfällen ein Fluss über die Ufer, viele der Opfer wurden im Schlaf von der Flut überrascht und ertranken. Es war die schwerste Überschwemmungskatastrophe in Russland seit dem Ende der Sowjet-Ära.

Politiker wurden beschuldigt, nicht rechtzeitig gewarnt und den Menschen erst spät oder nur unzureichend geholfen zu haben. Vier ehemalige Beamte wurden zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und sechs Jahren verurteilt. Nun, drei Jahre nach dem Unglück, haben Forscher die Ursache der Flut analysiert.

Warmes Meer, heftiger Niederschlag

Anhand verschiedener Einflussfaktoren - etwa Landschaftsform, Temperatur oder anderen Wetterbedingungen - simulierten die Forscher die Entwicklung der Niederschläge in der betroffenen Region unter zwei Szenarien:

  • zum einen mit der Temperatur an der Oberfläche des Schwarzen Meeres Anfang der Achtzigerjahre,
  • zum anderen mit den Werten von 2012, die um etwa zwei Grad Celsius höher lagen.

In den Szenarien steigerte die größere Wärme die Niederschlagsmenge um mehr als das Dreifache, berichten die Wissenschaftler um Edmund Meredith vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel im Fachblatt "Nature Geoscience". Die Computersimulationen hätten ergeben, dass erst "die Erwärmung des Schwarzen Meeres die verheerende Überschwemmung von 2012 in Krymsk ermöglicht hat". Ein solches Ereignis sei 30 Jahre vorher schlicht unmöglich gewesen.

Simulation passt zu Regenfällen in Sotschi

Satellitenbild von Krymsk am 6. Juli 2012: Sturmtief über der Schwarzmeerküste
REUTERS

Satellitenbild von Krymsk am 6. Juli 2012: Sturmtief über der Schwarzmeerküste

Der Studie zufolge war die Überschwemmung so verheerend, weil die Erwärmung des Schwarzen Meeres die Luftströmungen über Krymsk veränderte: Es wurde mehr warme und feuchte Luft in die obere Atmosphäre getrieben, was starke lokale Regenfälle verursachte. Zum Zeitpunkt der Katastrophe habe die Wassertemperatur vermutlich einen Schwellenwert erreicht, so die Autoren.

Eine Bestätigung der Studie sieht das Kieler Institut in den starken Niederschlägen, die Ende Juni 2015 in der nahegelegenen Olympiastadt Sotschi fielen. Dort gingen demnach binnen zwölf Stunden 175 Liter Wasser pro Quadratmeter nieder. "Über dem gesamten östlichen Mittelmeer und Schwarzen Meer ist die Atmosphäre durch die Meereserwärmung deutlich instabiler geworden", so Meredith. "Wir rechnen deshalb damit, dass Ereignisse wie in Krymsk oder Sotschi in Zukunft häufiger auftreten."

Wie viel Mensch, wie viel Natur?

Inwiefern sich die Erwärmung des Schwarzen Meeres auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen lässt, ist unklar. Üblicherweise bringen Wissenschaftler den Klimawandel zwar mit Dürrekatastrophen, tropischen Stürmen und Hitzewellen in Verbindung. Sie zögern bisher aber meist, ein bestimmtes lokales Unwetter auf die Erderwärmung zurückzuführen, weil auch natürliche Klimaschwankungen eine Rolle spielen können.

Auch diesmal verweisen die Forscher darauf, dass sich der Temperaturanstieg wahrscheinlich aus menschengemachtem Klimawandel und natürlichen Schwankungen zusammensetzt. Das besondere an der Studie sei, dass man überhaupt Gründe für die Intensität eines einzelnen sehr lokalen Ereignissen gefunden habe, so Geomar-Forscher Douglas Maraun.

In einem Kommentar zur aktuellen Studie betont Friederike Otto von der Universität Oxford, die Arbeit sei ein entscheidender Schritt hin zu dem Ziel, Extremereignisse nicht nur zu verstehen, sondern auch ihre Wahrscheinlichkeit abzuschätzen.

Im Dezember soll eine Weltklimakonferenz in Paris Wege finden, um die Erderwärmung zumindest zu begrenzen.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikeln legte nahe, der menschengemachte Klimawandel sei allein für die Überschwemmungen verantwortlich. Das ist so nicht richtig. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Erwärmung des Schwarzen Meeres zu den Regenfällen geführt hat. Zu welchem Anteil der Mensch dazu beigetragen hat, wurde nicht untersucht.

jme/AFP/dpa



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
MonsterKrabbe 14.07.2015
1. Dampfdruckkurve von Wasser
Die Dampfdruck-Kurve von Wasser folgt einem Exponentialgesetz. Je höher die Temperatur, desto mehr Wasser kann die Atmosphäre aufnehmen und dann auch wieder abregnen. In der Print-Ausgabe der SZ steht aber auch: " Allerdings machen die Forscher nur Aussagen über die Regenmengen, sie spekulieren nicht über die genauen Ursachen der Flutwelle. Nach dem Unglück berichteten einige Anwohner, ein Reservoir über der Stadt habe Wasser abgelassen und dadurch den plötzlichen Anstieg ausgelöst. Das wurde von staatlicher Seite stets bestritten." Im übrigen häufen sich die Extrem-Wetter-Meldungen: Hitzerekord in D, Dürre in Franken. Man traut sich nicht mehr vor die Türe.
Phallus_Dei 15.07.2015
2.
Zitat von MonsterKrabbeDie Dampfdruck-Kurve von Wasser folgt einem Exponentialgesetz. Je höher die Temperatur, desto mehr Wasser kann die Atmosphäre aufnehmen und dann auch wieder abregnen. In der Print-Ausgabe der SZ steht aber auch: " Allerdings machen die Forscher nur Aussagen über die Regenmengen, sie spekulieren nicht über die genauen Ursachen der Flutwelle. Nach dem Unglück berichteten einige Anwohner, ein Reservoir über der Stadt habe Wasser abgelassen und dadurch den plötzlichen Anstieg ausgelöst. Das wurde von staatlicher Seite stets bestritten." Im übrigen häufen sich die Extrem-Wetter-Meldungen: Hitzerekord in D, Dürre in Franken. Man traut sich nicht mehr vor die Türe.
Das ist ja auch der Sinn solcher Meldungen.
volker.rachui 15.07.2015
3. So viel Zeit muss sein.
Es ist sehr zu begrüßen, dass Berichte über Veröffentlichungen in Science und verwandten amerikanischen Zeitschriften nicht mehr kommentarlos abgedruckt werden. Mehr ist nicht zu sagen!
1uhu 17.07.2015
4. Klima: wärmer = feuchter
Auch wenn es dem ungesunden Tierinstinkt (auch bekannt als "der gesunde Menschenverstand") zu widersprechen scheint: Bei einer Klimaerwärmung schrumpfen die Wüsten weil das Weltklima immer feuchter wird. Umgekehrt wachsen die Wüsten weltweit, wenn das Klima kühler wird. Man schaue sich dazu nur die Klimadiagramme zur Erdgeschichte bei Wikipedia und den Arbeiten der einschlägigen Forschungsinstitute an. Das dringt leider nur zäh ins kollektive Bewusstsein der Menschheit und kann daher nicht oft genug wiederholt werden.
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