Umstrittener Entwurf Forscher ringen um neuen Uno-Klimabericht

Ein vertraulicher Uno-Report zeigt, wie die globale Erwärmung begrenzt werden könnte - und er offenbart harte Debatten. Für Wissenschaftler ist es ein Wettlauf ums eigene Renommee.

Der Beschluss wurde als Wunder gefeiert: Im Dezember 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft in Paris auf ein Klimaabkommen. Für Erstaunen sorgte besonders das Vertragsziel: Nicht wie erwartet auf zwei Grad sollte die globale Erwärmung begrenzt werden, sondern möglichst gar auf 1,5 Grad über dem Niveau des 19. Jahrhunderts.

Das wird eng. Um ein Grad ist die globale Temperatur bereits gestiegen. Gleichwohl scheint das ambitionierte Ziel geboten: Steigt die Temperatur um mehr als 1,5 Grad, so lautet eine Befürchtung, würden flach gelegene Inselstaaten bereits geflutet.

Aber: Ist das 1,5-Grad-Ziel überhaupt noch zu erreichen? Wenn ja, wie? Wie sieht eine um 1,5 Grad wärmere Welt aus? Was bedeutet eine weitere Erwärmung für Umwelt und Menschheit?

Die robustesten Ergebnisse

Die Uno beauftragte ihren Klimarat IPCC mit einem Sachstandsreport, der das Wissen zusammenfassen sollte. Anfang Oktober dieses Jahres soll der "1,5-Grad-Sonderbericht" des IPCC erscheinen. Eine erste, vertrauliche Version der Zusammenfassung des Uno-Klimareports zirkuliert mittlerweile, sie liegt dem SPIEGEL vor.

Einige Ergebnisse aus dem Entwurf, die der IPCC als am robustesten einstuft, lauten:

  • Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, dürfe die Menschheit noch etwa 600 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft blasen, das entspricht - gemessen am derzeitigen Ausstoß - der CO2-Menge von etwa zwölf Jahren (nach zwölf Jahren "weiter wie bisher" müssten die Emissionen also auf Null sinken).
  • Die aktuellen Ziele der Staaten, ihren CO2-Ausstoß einzuschränken, reichten nicht, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
  • Wahrscheinlich werde die globale Erwärmung die 1,5-Grad-Schwelle überschreiten, bei gleichbleibendem Ausstoß von Treibhausgasen in etwa 25 Jahren.
  • Würde CO2 mit entsprechender Technologie aus der Luft zurückgeholt, könnte die Erwärmung erheblich gemildert werden. Sogenanntes Geoengineering hingegen - die Erzeugung künstlicher Wolken - sei "nicht praktikabel".
  • Der Anbau von energiespendenden Pflanzen und die Aufforstung CO2-speichernder Wälder aber müsste eingeplant werden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
  • Kohleenergie hingegen sollte jedes Jahr um etwa fünf Prozent verringert werden.
  • Zwei Grad Erwärmung habe generell stärkere Auswirkungen als 1,5 Grad Erwärmung.
  • Der Meeresspiegel werde bei zwei Grad Erwärmung etwa zehn Zentimeter höher steigen als bei 1,5 Grad Erwärmung, in beiden Fällen aber würde der Anstieg bis weit ins nächste Jahrhundert weitergehen.
  • Bei einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad könnten Korallenriffe "nicht länger von Korallen dominiert sein", weil CO2 das Wasser saurer macht, Organismen mithin schlechter Kalkskelette bilden können.
  • Bereits bei 1,5 Grad Erwärmung könnte die Arktis im September ohne Eisschollen sein.

Bei anderen Themen indes fallen Urteile schwerer, angesichts der oft dürren Datenlage - Vermerke im Berichtsentwurf offenbaren die Unentschiedenheit der Forscher. Mit den Unsicherheiten geht der Berichtsentwurf offen um.

Ein Hauptthema des Berichts macht den Gelehrten zu schaffen: Die Folgen einer zügigen Umstellung der Energieversorgung für Gesellschaft und Industrie. Die wäre aus Sicht des IPCC dringend notwendig. Es mangele an Erfahrung, heißt es im Berichtsentwurf in schonungsloser Offenheit - ein solch radikaler Umbau der Gesellschaft sei nie zuvor geplant worden.

Gut für die Karriere

Auch um andere Themen, etwa Veränderungen von Extremwetter und Landwirtschaft oder soziale Auswirkungen des Klimawandels, werde noch intensiv gerungen, berichten Klimaforscher, die an dem Bericht mitarbeiten. Der Entwurf werde sich noch ändern, an manchen Stellen wohl gravierend, teilt der Uno-Klimarat mit.

Bei der Verfassung des Klimaberichtes geht es ähnlich zu wie auf einem Basar: Studienergebnisse werden in harten Debatten verhandelt. Für Klimaforscher geht es auch um ihr persönliches Renommee: Wer es schafft, seine Ergebnisse im Klimabericht unterzubringen, macht sie damit einstweilen zu Standardwissen. Was aber außen vor bleibt, ist aus der Debatte vorerst ausgeschieden.

Die Forscher machen Überstunden, um rechtzeitig fertig zu werden. Mehr als tausend Studien zum Thema 1,5-Grad-Welt sind seit Start des Klimaberichts in Fachmagazinen veröffentlicht worden; in den ersten Wochen dieses Jahres sind Dutzende hinzugekommen.

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Umwelt: Die wahren Krisenherde des Klimawandels

Foto: Aaron Favila/ AP

Die Zeit ist knapp: Studien müssen vorher in einem begutachteten Fachmagazin erschienen sein; allerdings werden bei dünner Datenlage auch Ausnahmen gemacht. Bis zum 15. Mai können Forscher neue Arbeiten einreichen beim IPCC, dann schließt die Annahme - und die Gutachter ziehen sich zu letzten Beratungen zurück.

83 Entscheider

83 Klimaforscher aus aller Welt sichten die Einsendungen - und gewichten die Beiträge. Sind Daten nicht eindeutig, etwa wenn es um Prognosen geht, stimmen die Gelehrten über eine gemeinsame Einschätzung ab.

Der vorliegende Entwurf ist vom Bemühen um eine nüchterne, wissenschaftliche Betrachtungsweise geprägt. In klaren Worten und ohne Verbrämung werden Sachverhalte auf ihre Wahrscheinlichkeit hin eingeordnet: "Mittleres Vertrauen", "Mittelgute Beweislage" steht da zum Beispiel unter der Behauptung, das 1,5-Grad-Ziel sei nur mit Hilfe großer Banken erreichbar, die beispielsweise Kredite für einen Umbau der Energieversorgung bereitstellen müssten.

Die Zusammenfassung des IPCC-Reports soll Entscheidungshilfe sein, sie hat politisches Gewicht. Wissenschaftler mit unterschiedlichen Weltanschauungen zerren an dem Werk, und am Ende verhandeln noch Regierungsvertreter aller Staaten mit um den Wortlaut der Zusammenfassung - so sieht es das Uno-Prozedere vor.

Für den Uno-Klimarat steht mit dem Bericht viel auf dem Spiel: Die Glaubwürdigkeit des IPCC hängt wesentlich von seinen Bewertungen der Forschungsergebnisse in der Zusammenfassung des Berichts ab. Werden sie nicht ausreichend von den Daten gestützt, macht sich der Klimarat angreifbar.

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