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SPIEGEL

Philip Bethge

Umwelt Wir, die Regenwaldzerstörer

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir Deutschen sind Europameister bei der Vernichtung des Regenwaldes. 43.700 Hektar Tropenwald gehen jährlich verloren, weil wir Soja, Palmöl, Fleisch, Tropenholz, Kakao und Kaffee aus Südamerika, Afrika und Südostasien importieren. Das ist ungefähr die halbe Fläche Berlins und mehr, als jedes andere EU-Land zu verantworten hat.

Die Naturschutzorganisation WWF hat in dieser Woche eine Studie  vorgestellt, in der die größten Regenwaldzerstörer aufgelistet sind. Mit 16 Prozent liegt die EU demnach hinter China (24 Prozent) weltweit auf Platz zwei. Danach folgen Indien (9 Prozent), die USA (7 Prozent) und Japan (5 Prozent). 30 bis 40 Prozent der Entwaldung in den Tropen ist mit dem internationalen Handel verknüpft. Den größten Schaden richtet der Import von Soja etwa aus dem Amazonasgebiet an, das hier zumeist an Tiere verfüttert wird – während Bauern dort den Dschungel niederbrennen, um Ackerflächen zu gewinnen. Fast ebenso schlimm ist Palmöl, das beispielsweise in Kosmetika oder Lebensmitteln verwendet wird.

Die Umweltschützer werteten Daten aus Satellitenbildanalysen und Untersuchungen von Handelsströmen aus, die vom Stockholmer Umweltinstitut und der Transparenzinitiative Trase zusammengestellt wurden. Die Rodungen machen sich demnach nicht nur in Ökosystemen weit weg von Europa bemerkbar, sondern betreffen auch das Weltklima.

Durch die importierte Entwaldung habe die EU 2017 indirekt 116 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursacht, berichtet der WWF. Das entspreche mehr als einem Viertel der EU-Emissionen aus der Landwirtschaft im selben Jahr. Solche indirekten Emissionen würden in den Statistiken zu Treibhausgasemissionen bislang nicht erfasst.

Palmölplantage, Regenwald auf Borneo

Palmölplantage, Regenwald auf Borneo

Foto: Nora Carol Photography / Getty Images

Unter den EU-Ländern trägt Deutschland die größte Verantwortung. Ausgerechnet. Wie konnte uns passionierten Mülltrennern und Biofleisch-Essern das passieren?

Es ist das gute Leben, das hier zu Buche schlägt. Wer will schon auf Schokolade und Kaffee verzichten? Auf saftige Steaks von Rindern, die mit importiertem Soja gefüttert wurden? Auf Kosmetika mit Palmöl in der Rezeptur? Selbst Tropenholzparkett gibt es immer noch zu kaufen. Muss das so sein?

Immer wieder Verzicht zu predigen, ist wohlfeil. So kommen wir nicht weiter. Stattdessen muss der Gesetzgeber diesen ökologischen Wahnsinn endlich beenden.

»Die EU muss ihren Bürgern die Sicherheit geben, dass das, was sie kaufen und essen, nicht anderswo Ökosysteme zerstört«

Anke Schulmeister-Oldenhove, WWF

Die EU-Kommission hat für 2021 neue Regelungen angekündigt, die »das Risiko der Entwaldung und Waldschädigung« im Zusammenhang mit Produkten, die auf den EU-Markt gebracht werden, »minimieren« sollen. Nun geht es um die Ausgestaltung dieser Gesetze.

Der WWF fordert , Importe nur noch dann zuzulassen, wenn sie wirklich nachhaltig sind und nicht nur »legal« nach Angaben des Ursprungslands. Selbstverständlich müsse es zudem sein, die Wahrung der Menschenrechte zu prüfen. Neben dem Wald müsse sich die Gesetzgebung zudem auch auf andere Ökosysteme wie die brasilianische Cerrado-Savanne beziehen. 2018 zum Beispiel kamen 23 Prozent der EU-Sojabohnen-Importe aus dem Cerrado.

»Die EU muss ihren Bürgern die Sicherheit geben, dass das, was sie kaufen und essen, nicht anderswo Ökosysteme zerstört«, fordert Anke Schulmeister-Oldenhove vom WWF. Selbstverpflichtungen von Unternehmen und Regierungen hätten in einigen Fällen zwar etwas gebracht. Erfolgreich seien sie letztlich aber nicht gewesen. Das erklärte EU-Ziel, die Entwaldung bis 2020 zu stoppen, sei nicht erreicht worden. Das Europaparlament hatte die EU-Kommission bereits im Oktober 2020 dazu aufgefordert, einen Rechtsrahmen vorzulegen, um die von der EU verursachte globale Abholzung zu stoppen.

Produkte, die Ökosysteme in fernen Ländern zerstören, sollten in der EU nicht mehr verkauft werden dürfen. Die Daten, um Importe entsprechend zu bewerten, sind längst verfügbar. Einfuhrstopps könnten Europa als Protektionismus ausgelegt werden. Aber genau darum geht es: um Schutz; den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Der Sommer bringt Entspannung in der Pandemie, hoffen viele und denken dabei neben Impfungen auch an einen Schönwetter-Effekt. Zu Recht? Fachleute haben berechnet, wie sehr stärkeres Sonnenlicht dabei hilft .

  • Die aktuellsten Nachrichten rund um das Coronavirus finden Sie hier.

  • Droht der Menschheit Atemnot? Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf

  • Die Malediven rüsten sich gegen den Klimawandel. Eine künstliche Insel in der Nähe der Hauptstadt Malé könnte Menschen aufnehmen, die versuchen, dem steigenden Wasser zu entkommen. Hulhumalé ist in den vergangenen 20 Jahren bereits deutlich größer geworden .

  • Tonnen von Mikroplastik wabern in der Atmosphäre. Sie stammen vom Reifenabrieb auf den Straßen – und aus dem Ozean, berichten Forscher .

  • Endlich: Die Chinesen verwenden weniger Elfenbein (WWF-Studie ).

  • Dieser Affe spielt das Computerspiel »Pong« nur mit seinem Gehirn. Das Start-up Neuralink von Tesla-Chef Elon Musk hat das Video  veröffentlicht.

  • 27 Jahre nach dem Tod des Nirvana-Sängers Kurt Cobain gibt es einen neuen Song der Band. »Drowned in the Sun«  wurde von künstlicher Intelligenz erschaffen.

  • Sie kennen »Spot«, den hundeähnlichen Roboter der US-Firma Boston Dynamics? Ein Tüftler hat der agilen Maschine beigebracht , was Hunden nicht fehlen darf: die Fähigkeit, zu pinkeln.

  • ... und Google Earth hat eine neue 3D-Zeitraffer-Funktion. Sie zeigt , wie der Mensch den Planeten beeinflusst.

Quiz*

1. Die wie viel fache Menge an Kohlenstoff kann ein natürlich gewachsener Wald im Vergleich zu einer Baumplantage speichern?

2. Was schätzen Sie? Für die Zerstörung von wie vielen Quadratmetern Regenwald ist jeder Deutsche im Durchschnitt jedes Jahr verantwortlich? 5, 10 oder 50?

3. Welches Land hat den höchsten Waldbestand der Erde?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Northern Rangelands Trust / AP

Bei einer Sintflut sind auch lange Beine zu kurz. Zu schnell stieg zuletzt das Wasser des Baringosees in Kenia, als dass sich eine Gruppe der seltenen Rothschild-Giraffen noch selbst von einer Insel hätte retten können, die in den Fluten zu versinken drohte. Wildhüter bauten den Tieren deshalb eine Fähre. Neun Giraffen wurden verschifft. Zuletzt gingen Giraffenkuh »Ngarikoni« und ihr Kalb »Noelle« auf die rettende Bootstour.

Fußnote

5200 Tonnen kosmischen Staubs ­fallen jedes Jahr auf die Erde herab. Diese sogenannten Mikrometeoriten sind Über­reste von Kometen oder ­Asteroiden, die in die Erd­atmosphäre rauschen, dort jedoch nicht vollständig ­verglühen. Der Weltallstaub lässt sich besonders gut in ­entlegenen Regionen der Antarktis messen. Staubpartikel, die dort im Schnee gefunden werden, stammen höchstwahrscheinlich nicht von der Erde selbst, sondern aus dem All. Hochrechnungen erlauben es, die Gesamtmenge an inter­stellarem Staub auf der Erde abzuschätzen.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1) Die 40-fache Menge.
2) Jeder Deutsche ist jährlich im Durchschnitt für die Zerstörung von fünf Quadratmetern Regenwald verantwortlich, hat der WWF errechnet.
3) Russland, gefolgt von Brasilien und Kanada

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