Umweltdesaster im Golf von Mexiko Ölteppich erreicht Ozeanstrom
Hamburg - Die Arbeiten laufen auf Hochtouren: Seit drei Wochen kämpfen Ingenieure gegen die Ölpest im Golf von Mexiko - bis zu diesem Dienstag weitgehend erfolglos. Jetzt ist es Fachleuten des britischen Konzerns BP erstmals gelungen, größere Mengen Öl aus dem Bohrleck abzupumpen. 2000 der täglich ausströmenden rund 5000 Barrel würden aufgefangen, teilte BP mit. Zuvor war das Unternehmen davon ausgegangen, höchstens tausend Barrel pro Tag auf diese Weise absaugen zu können.
Doch auf den Hoffnungsschimmer folgt die nächste Hiobsbotschaft. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat der riesige Ölteppich eine wichtige Meeresströmung erreicht: den sogenannten Loop Current im Golf von Mexiko. Dessen Wassermassen strömen zuerst mit Macht nach Norden, vor dem Mississippi-Delta schlagen sie dann einen Haken im Uhrzeigersinn, um später erst nach Osten und dann schließlich wieder nach Norden zu wirbeln. Dieses mächtige marine Transportband dürfte nun auch Öl in bisher unbehelligte Küstenbereiche auf Kuba und im US-Bundesstaat Florida bringen. Die finsteren Schwaden haben also eine Art gigantischen Mixer erreicht, der das Verschmutzungsrisiko deutlich erhöht.
"Der Loop Current verbindet die Karibik mit dem Floridastrom", erklärt Peter Brandt vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel (IFM-Geomar) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Bereich des Golfs von Mexiko schnüren sich ein halbes Dutzend Wirbel ("Eddies") vom Hauptstrom ab. Doch der Großteil der warmen Meeresströmung pflügt mit einem bis zwei Metern pro Sekunde durch die Floridastraße in Richtung offener Atlantik - und diesen Weg dürfte nun auch ein Teil der Ölmassen aus dem Golf von Mexiko nehmen.
Der Loop Current verändert im Lauf der Zeit seine Position leicht. Derzeit zieht er südlich der Stelle vorbei, an der die Bohrplattform "Deepwater Horizon" im April gesunken ist. Die Strömung reicht mindestens tausend Meter tief und zieht nahe der Wasseroberfläche besonders schnell dahin. Auf Satellitenbildern lässt sie sich gut erkennen, weil sie das Wasser regelrecht aufwölbt, manchmal um mehr als einen halben Meter.
Was tage- und wochenlang wie eine hypothetische Gefahr erschien, ist nun zumindest für das Öl an der Wasseroberfläche zur Gewissheit geworden: Die Strömung hat den schillernden Teppich erfasst. "Wir haben den Beweis. Es ist bereits passiert", sagt Bertrand Chapron im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Wissenschaftler vom Meeresforschungsinstitut Ifremer im französischen Brest beobachtet die Strömung aus dem All. Dabei helfen ihm Radaraufnahmen, die der Esa-Satellit "Envisat" laufend liefert. Die Bilder zeigen nach Meinung des Forschers eindeutig, dass zumindest das Öl an der Wasseroberfläche den Loop Current erreicht hat.
Innerhalb von sechs Tagen durch die Floridastraße
Bereits in den vergangenen Tagen hatten US-Ozeanografen vor einer solchen Entwicklung gewarnt. So präsentierte William Hogarth von der University of South Florida Computerberechnungen, nach denen die Meeresströmung das Öl bereits erfasst haben müsste. Zwar waren die Kalkulationen noch nicht ganz eindeutig. Doch Hogarths Kollege Peter Ortner von der University of Miami gab sich bereits zu diesem Zeitpunkt sicher: "Es ist nur eine Frage des Wann."
Nun ist es soweit. "Das Öl wird die Floridastraße innerhalb von sechs Tagen durchqueren", sagt Forscher Chapron. Da passt es gut ins Bild, dass die US-Küstenwache vor Key West in Florida bereits rund 20 Teerklumpen gefunden hat, die 7 bis 20 Zentimeter groß waren. Doch ob sie tatsächlich vom Untergang der "Deepwater Horizon" stammen, ist noch nicht klar. Chemische Analysen sollen das nun klären. Der Golf von Mexiko hat auch ohne die gegenwärtige Ölpest mit hohen Umweltbelastungen zu kämpfen - und der Loop Current nimmt traditionell die Rolle der "Meeres-Müllabfuhr" wahr.
Nun werden sich die Bewohner von Florida und Kuba möglicherweise an besonders hässliches Strandgut gewöhnen müssen. "Es ist sehr gut möglich, dass man Öl finden wird", sagt Laurent Bertino vom Nansen Environmental and Remote Sensing Center im norwegischen Bergen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Angst um die Ökosysteme der Florida Keys
Vielleicht stehen der Region sogar schlimme Verwüstungen ins Haus. Ökologen haben vor allem Angst um die Florida Keys mit ihren Korallenriffen, ihren Seegrasfeldern vor den Küsten und ihren Mangrovengebieten am Übergang zum Land - und um den Tourismus, der jedes Jahr Milliarden Dollar in die Region bringt. Floridas Westküste dürfte hingegen geschont werden, weil das Wasser hier mit gebührendem Abstand vorbeizieht.
US-Innenminister Ken Salazar räumte unterdessen vor den Parlament eine Mitschuld der Regierung an der Ölpest ein. Sein Ministerium habe es versäumt, Tiefseebohrungen richtig zu überwachen und die Ölindustrie rechenschaftspflichtig zu machen, sagte er am Dienstag.
Bisher weiß niemand, welche Folgen der Öltransport mit dem Loop Current haben wird. Denn die Meeresströmung vermischt Öl und Wasser mit aller Macht. "Sehr intensiv, sehr turbulent", gehe es dabei zu, sagt Chapron. Möglicherweise schützt das am Ende sogar die Küsten. Schließlich wird das Öl in kleinen Tropfen mit dem Golfstrom aufs offene Meer hinausgetragen. Theoretisch reist es im Atlantik dann Richtung Europa - auch wenn die Gefahr, dass die giftigen Substanzen tatsächlich die dortigen Küsten erreichen, nur eine theoretische ist.
Realistischer - und doch nur schwierig vorherzusehen - ist die Gefahr für die Golfstaaten und Florida. Hier werden die Prognosen durch die langsam beginnende Hurrikan-Saison zusätzlich verkompliziert. Der private US-Wetterdienst AccuWeather rechnet für dieses Jahr mit überdurchschnittlich vielen schweren Wirbelstürmen in der betroffenen Region. Die Eindämmung des Öls könne dadurch behindert werden, warnt die Firma. Außerdem könne die raue See die Verschmutzung in bisher noch nicht betroffene Gebiete tragen.
Hurrikane holen sich übrigens fast traditionell über dem Golf von Mexiko neue Kraft - und die kommt vom warmen Wasser des Loop Currents.