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09. November 2011, 11:35 Uhr

Umweltschützer-Report

Stauwerke bedrohen Alpenflüsse

Fische in Staustufen, eingemauerte Ufer, Algenschwemme: Viele Flüsse bieten aus Sicht von Umweltschützern Anlass zur Sorge. Einst florierende Ströme seien in Ketten gelegt worden, erklärt der Umweltverband WWF in einem Bericht. Doch er gab auch positive Bewertungen.

Zahlreiche Alpenflüsse befinden sich laut einer Untersuchung der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) in einem schlechten Zustand. Mehr als die Hälfte der 15 Flussabschnitte in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die der WWF in einer Studie untersucht hat, seien nur noch in beschränktem Maße ökologisch intakt, teilte die Organisation am Dienstag mit.

Flussbaumaßnahmen wie Staustufen oder Begradigungen hätten das Ökosystem vieler Gewässer beeinträchtigt. Der WWF fordert, solche flussbaulichen Veränderungen nach Möglichkeit zurückzubauen.

Für die Studie wurden laut WWF Fließgewässer auf der Alpennordseite untersucht. Die schlechteste Note erhielt dabei der Fluss Traisen in Niederösterreich. Unter den deutschen Flüssen schnitten Iller und Mangfall, sowie der deutsche Teil des Lech besonders schlecht ab.

Am besten bewerteten die WWF-Experten den ökologischen Zustand des Flusses Sense im Schweizer Kanton Bern. Bei den deutschen Alpenflüssen erhielten Isar und Ammer die besten Noten.

Für die WWF-Alpenflussstudie 2011 haben die Umweltaktivisten unter anderem Wasserqualität, Artenreichtum und die Natürlichkeit des Flusslaufs auf einer vierstufigen Skala bewertet. Mehr als die Hälfte der untersuchten Flussabschnitte erhielt dabei die niedrigsten Werte "mittel" oder "gering". Nur zehn Prozent der untersuchten Gewässerstrecken wurden mit der Bestnote ausgezeichnet.

Bei gut einem Drittel sei trotz diverser Probleme die Artenvielfalt noch hoch. Bei mehr als der Hälfte der Flussläufe aber seien die ursprünglichen Gewässerfunktionen stark beeinträchtigt bis nicht mehr vorhanden.

Juwelen in Bayern

"Viele Wildflüsse der Alpen wurden in Ketten gelegt", kritisierte WWF-Referentin Claire Tranter. Der Mensch habe die Fließgewässer durch Stauung oder Kanalisierung ihrer natürlichen Dynamik und ihrer Auen beraubt. Damit fehle es auch an Lebensraum für zahlreiche gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Als Konsequenz aus der Studie fordert der WWF, die beeinträchtigten Flussabschnitte im Alpenraum nach Möglichkeit zu renaturieren. So könnten die Flussläufe an manchen Stellen aufgeweitet und Biotope wie Altwässer oder Flutrinnen angelegt werden.

Doch es gab auch positive Worte: "Bayern hat einige Juwelen mit Isar und Ammer", sagte der WWF-Leiter des Fachbereichs Süßwasser, Martin Geiger. Wildflüsse in gutem Zustand sollten geschützt, solche in schlechtem Zustand renaturiert werden. Außerdem müsse gewährleistet werden, dass Fische nicht durch Staustufen behindert werden.

Beim Lech seien auf deutschem Gebiet vor allem die Staustufen ein Problem, sagte Tranter. "Die ganze Kontinuität des Flusses, die ganze Dynamik ist mehrfach unterbrochen." Dennoch: "Ich würde nicht behaupten, am Lech müssen alle Staustufen weg. Das wäre utopisch." Zudem gebe es bei Staustufen bessere und schlechtere Lösungen, erläuterte einer der Autoren der Studie, Reinhold Hettrich. Es sei etwa möglich, für Fische Wege um die Stufe herum zu schaffen.

Die Studie solle auch einen Kontrapunkt setzen angesichts der Debatte um Klimaschutz und erneuerbare Energien, sagte Geiger. "Gerade die kleinen Wasserkraftanlagen sind von der Zahl her extrem viele, sind aber bei der Energie eigentlich vernachlässigbar. Der Umweltschaden, den sie anrichten, ist ungleich höher." Bei den großen Wasserkraftwerken sei das Potenzial in Deutschland praktisch ausgereizt.

Das Problem vom schlechten Zustand der Flüsse ist weltweit vorhanden: Im letzten Jahr hatten Forscher Weltkarten veröffentlicht, die zeigten, welche Gewässer gesund sind - und welche nicht.

boj/dapd/dpa

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