Biologische Vielfalt in Gefahr EU-Länder unterlaufen Artenschutz

Eigentlich soll die Artenvielfalt in Europa durch ehrgeizige Naturschutzverordnungen gewahrt werden. Doch die EU-Umweltagentur EEA stellt fest: Viele Länder setzen sie nicht um.
Im Urlaub will jeder eine intakte Umwelt, im Alltag zählen aber eher wirtschaftliche Faktoren als der Naturschutz.

Im Urlaub will jeder eine intakte Umwelt, im Alltag zählen aber eher wirtschaftliche Faktoren als der Naturschutz.

Foto: Rainer Weisflog / imago images

An Regulierungen mangelt es nicht. In der EU gibt es seit fast 30 Jahren ehrgeizige Naturschutz-Verordnungen und Biodiversitätsstrategien. Leider halten sich die wenigsten Länder daran. Statt Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten zu schützen, rücken in der Realität doch oft die Bagger und Landmaschinen an.

Weil sich das nicht ändert, ist auch der Zustand der meisten geschützten Lebensräume "unzureichend" und viele Tierbestände gingen weiterhin zurück, heißt es in einem Bericht der EU-Umweltagentur EEA , der am Montag in Kopenhagen vorgestellt wurde. Demnach treten die Mitgliedstaaten beim Schutz der Biodiversität trotz einiger Bemühungen weiter auf der Stelle. Naturschutzrichtlinien und Umweltvorschriften würden von vielen Ländern nicht ausreichend umgesetzt.

Eine Mehrheit der EU-weit geschützten Arten wie beispielsweise der Würgfalke und der Rotfisch sowie Lebensräume wie Grünflächen und Dünen stünden somit vor einer ungewissen Zukunft, wenn sich nicht schnell etwas ändere.

Düstere Aussichten beim Lebensraum

Der Zustand von 63 Prozent der fast 1400 Arten seien mangelhaft oder schlecht. Bei den Lebensräumen sieht es noch düsterer aus: Dort ist der Status für 81 Prozent nicht ausreichend und nur für 15 Prozent gut. Wälder weisen dabei noch die besten Trends auf, während sich diese bei Wiesen, Dünen und Mooren stark verschlechtern.

Einige Arten und Lebensräume in der EU können laut EEA-Bericht ihren Erhaltungszustand wahren, während der Großteil weiter einen mangelhaften bis schlechten Status aufweist. Bei den 463 Wildvogelarten in der EU ist der Anteil "in gutem Zustand" weiter gesunken, nur noch 47 Prozent der Bestände gelten als unbedenklich.

Auch Deutschland habe wie andere EU-Staaten mehr Naturräume und Arten in mangelhafter bis schlechter als in guter Verfassung gemeldet, sagte EEA-Experte Carlos De Oliveira Romao. Bei rund einem Drittel der Brutvögel gehe hierzulande der Bestand zurück, während sich der Anteil der stabilen Bestände von 24 auf 31 Prozent erhöht habe. Besserungen gebe es bei den Singschwänen, Kleibern und Graugänsen. Zwei Projekte hätten immerhin dabei geholfen, den Maifisch im Rhein erfolgreich wiedereinzuführen.

Erst Anfang Oktober vermeldete ein aktueller Bericht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) , dass in Deutschland knapp ein Drittel aller Säugetierarten in ihrem Bestand gefährdet sind. Die Autoren hatten für 97 in Deutschland heimische Säugetiere die Bestandssituation und das Ausmaß der Gefährdung ermittelt. Fazit: Der Zustand vieler Tierbestände habe sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren verschlechtert.

Das Problem sind intensive Land-, und Forstwirtschaft

Der EEA-Bericht ist die umfassendste Datensammlung, die jemals in Europa zum Zustand der Natur unternommen wurde. Er umfasst den Zeitraum 2013 bis 2018 und basiert auf Angaben der EU-Länder zum Arten- und Lebensraumschutz.

Für den schlechten Zustand der Umwelt macht die EEA vor allem die intensive Land- und Forstwirtschaft verantwortlich. Sie verdränge viele Tier- und Pflanzenarten. Auch eine Ausbreitung von Siedlungen zerstöre spezielle Lebensräume wie Dünenlandschaften und felsige Gebiete. Hinzukäme auch Umweltverschmutzung, wie beispielsweise Müll.

"Unsere Beurteilung zeigt, dass der Schutz der Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der Natur in Europa sowie das Wohlergehen der Menschen fundamentale Veränderungen erfordert", erklärte EEA-Generaldirektor Hans Bruyninckx. Es müsse sich grundlegend wandeln, wie Lebensmittel hergestellt und konsumiert, Wälder verwaltet und genutzt sowie Städte gebaut würden.

Ziele für 2020 verfehlt

Die EU-Kommission um ihre Chefin Ursula von der Leyen hat im Mai die neue EU-Biodiversitätsstrategie 2030 ausgegeben. Mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresfläche in der EU sollen demnach bis 2030 unter Schutz gestellt werden - derzeit sind es im Rahmen des europäischen Natura-2000-Netzwerks rund 18 Prozent. Solche Flächen dürfen zwar genutzt werden, aber mit Beschränkungen. Ein Drittel der Schutzfläche soll besonders geschützt und quasi naturbelassen werden. Geschädigte Flächen sollen erhalten und wiederhergestellt werden.

Die Ziele der Biodiversitätsstrategie 2020 wurden hingegen verfehlt. "Wir sind daran gescheitert, unser erklärtes Ziel zu erreichen, den Verlust der Biodiversität in der EU zu stoppen und umzukehren", sagte Micheal O'Briain, der stellvertretende Leiter der für den Naturschutz zuständigen Kommissionsabteilung. Aber es gebe Hoffnung: Die neue EU-Kommission habe nun klargemacht, dass man es sowohl mit einer Klima- als auch mit einer Biodiversitätskrise zu tun habe.

sug/dpa
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