Brüssel - Die Bilanz sieht düster aus, die Konsequenzen daraus ebenfalls: 17.291 von 47.677 Arten sind auf der aktuellen Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als bedroht verzeichnet. 3 bis 30 Arten verschwinden täglich von der Erde, schätzt das Umweltprogramm der Uno (Unep) - es sei ein Massensterben, das hundertmal schneller ablaufe, als es aufgrund der Mechanismen der Evolution zu erwarten wäre.
Doch obgleich sich die EU erst im Sommer 2008 mit großem Tamtam zum weltweiten Artenschutz bekannt hatte, ist es mit der Einhaltung der dort vereinbarten Ziele nicht weit her.
Zehn weitere Jahre gibt sich Europa jetzt, um das Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten auf dem Kontinent zu stoppen. Eigentlich hätte dieses Ziel schon in diesem Jahr erreicht werden sollen. Wie die europäischen Umweltminister am Montag in Brüssel feststellten, kann dieses ursprünglich 2001 beschlossene Vorhaben aber nicht mehr fristgerecht eingehalten werden - und soll nun bis 2020 umgesetzt werden.
Dafür müssten aber entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt und die Gesetze verschärft werden, erklärten die Minister. Der Verlust von Biodiversität schreite in einem "inakzeptablen Tempo" fort - mit ernsten ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen.
Reiche: Deutschland will eine halbe Milliarde Euro investieren
Nach Angaben von Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche steht Deutschland jedoch weiterhin zu seiner Zusage, 500 Millionen Euro in den Artenschutz zu investieren. Jetzt müssten auch andere Länder ihre Verpflichtungen einhalten. Vor der nächsten Uno-Artenschutzkonferenz im japanischen Nagoya stehe Europa im Rampenlicht. "Glaubwürdigkeit, Transparenz und das gute Beispiel Deutschlands und der europäischen Union sind ganz wesentliche Faktoren, um in Nagoya erfolgreich zu sein", sagte Reiche.
Die Uno hat 2010 zum Jahr des Artenschutzes erklärt. Im Oktober will sich die Staatengemeinschaft unter anderem auf Leitlinien zu Schutzgebieten und zur Finanzierung verständigen. Laut der globalen Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) richtet das Artensterben jährlich einen Schaden von 50 Milliarden Euro an. "Der Schutz der biologischen Vielfalt sollte nicht als ein Eigenwert betrachtet werden, sie ist wichtig für das Wohlbefinden der Menschen und wirtschaftlichen Wohlstand", sagte die spanische Umweltministerin und aktuelle Verhandlungsführerin der EU-Umweltminister, Elena Espinosa.
Stillstand auch beim Bodenschutz
Auch beim Schutz der Böden vor Verschmutzung machte die EU keine Fortschritte: Deutschland und fünf weitere Länder blockieren Pläne für ein EU-Gesetz. In den Verhandlungen setzte sich Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche für eine Abschwächung der geplanten EU-Klimaauflagen für Kleinlaster und Lieferwagen ein.
Ein Grund ist die Angst vor Kosten sowie Verwaltungs- und Berichtspflichten. So hat Deutschland bereits ein Bodenschutzgesetz mit Auflagen besonders auf Länderebene, die an ein EU-System angepasst werden müssten. So werden für Altlasten-Kataster 4000 Stoffe erfasst, die im Fall eines europäischen Gesetzes überprüft werden müssten. Deutschland will sich jetzt für eine Fortentwicklung der bestehenden EU-Bodenschutzstrategie einsetzen. Sie ist aber nicht verbindlich.
Auch Frankreich, Großbritannien, Österreich und Finnland sind gegen das Vorhaben. Anders als beim Wasser- oder Luftschutz sei Europa beim Bodenschutz nicht zuständig, heißt es. Unter den 27 EU-Staaten gibt es somit eine Sperrminorität. Der neue EU-Umweltkommissar Janez Potocnik machte klar, dass er dennoch für die Bodenschutzrichtlinie kämpfen will. "Der Schutz der Böden hat ganz klar auch mit Klima- und Artenschutz zu tun, die anerkanntermaßen EU- Themen sind."
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Selten in Freiheit anzutreffen: Weltweit leben nur noch rund 3200 Tiger in freier Wildbahn. Der Südchinesische Tiger, von dem vor zehn Jahren noch bis zu 30 Individuen existierten, könnte mittlerweile sogar ausgestorben sein.
Afrikanische Libelle: Für die International Union for Conservation of Nature (IUCN) gehört Chlorocypha centripunctata zwar nicht zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten, aber immerhin zu den "gefährdeten" Tieren. Die Libelle lebt in Nigeria und im südöstlichen Kamerun. Sie leidet unter der Zerstörung der Wälder.
Einsam im Eis: Inzwischen schrumpfen rund zwei Drittel der wissenschaftlich untersuchten Bestände an Eisbären.
Letzter Schrei: Auch das Java-Nashorn ist vom Aussterben bedroht. Vom Annamiten-Nashorn, der viatnamesischen Unterart, gibt es nur noch acht Tiere.
Ausgestorben: Die lebendgebärende Kihansi-Sprühwasserkröte gibt es vermutlich nicht mehr. Die Tiere waren in den Kihansi-Wasserfällen Tansanias zu Hause. Ein Staudammbau und eine Pilzseuche haben sie verschwinden lassen.
Gewinner: Inzwischen gelten die deutschen Luchs-Populationen im Bayerischen Wald und im Harz als relativ gesichert.
Mehr Lebensraum: Renaturierungsprojekten der Elbe in Sachsen-Anhalt ist es zu verdanken, dass der Elbe-Biber wieder mehr Lebensraum hat.
Erfreulicher Nachwuchs: Mit nur rund 35 Individuen in der Wildnis gilt der Amur-Leopard als eine der seltensten Großkatzen der Erde. Hier haben Ranger ein Leopardenweibchen mit drei Jungtieren in Russland gesichtet.
Philippinische Echse: Der Panay-Waran heißt so, weil er nur auf der Insel Panay lebt, die zu den Philippinen gehört. Das Tier ist erst seit 2001 wissenschaftlich beschrieben. Allerdings könnte er bald verschwunden sein - die IUCN hat ihn in die Rote Liste von insgesamt 17.291 bedrohten Tierarten aufgenommen.
Baumfrosch aus Panama: Ecnomiohyla rabborum wurde erst vor vier Jahren entdeckt. Seine Karriere währte nicht lange - Jetzt ist der seltene Baumfrosch einer der 1895 Amphibien, die in der Wildnis bald nicht mehr vorkommen könnten.
Vogel auf Mauritius: Foudia rubra gehört zu der Familie der Webervögel. Er kommt ausschließlich auf dem Inselstaat vor, weshalb man ihm den Namen Mauritiusweber gab. Über ihn weiß die IUCN Gutes zu berichten: Er gehört nicht mehr zu den "besonders vom Aussterben bedrohten" Tierarten. Sein Status wurde auf "vom Aussterben bedroht" korrigiert. Seit 1993 ist der Bestand der Vögel stabil, in den Jahren zuvor war die Zahl der Tiere um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Heute leben noch etwa 151 Mauritiusweber auf der Insel.
Brasilianischer Papagei: Erfreulich ist auch die Lage bei der Art Anodorhynchus leari. Dank intensiver Artenschutzprogramme nimmt die Anzahl der freilebenden Papageien stetig zu. Die beiden bekannten Kolonien im brasilianischen Toca Velha und Serra Branca zählen seit nunmehr fünf Jahren in etwa 250 Exemplare.
Pfauenaugen-Stechrochen: Als Verwandte der Haie sind Rochen eigentlich im Meer zu Hause, einige lebendgebährende Arten sind aber in den südamerikanischen Tropen auch in große Flußsysteme eingewandert - und sind dort zu Süßwasserbewohnern geworden. Die Größe und Anordnung der Flecken ist bei jedem Tier unterschiedlich und verändert sich auch beim Heranwachsen nicht. Viele Rochen sind vom Aussterben bedroht.
Neuentdeckung: Forscher haben im Mekong-Delta in Südostasien mehr als tausend neue Tierarten entdeckt, darunter spektakuläre Wesen wie den Leoparden-Gecko (Goniurosaurus catbaensis) mit seinen orangefarbenen Augen.
Unbekannte Schönheit: Auch viele neue Pflanzenarten zählen zu den Entdeckungen im Mekong-Delta. Diese wilde Bananenart ist nur aus dem Wassergebiet im Bezirk Cangyan der westchinesischen Provinz Yunnan an der Grenze zu Burma bekannt.
Viper der Art Cryptelytrops honsonensis: Die prachtvollen Tiere des Mekong-Gebiets sind durch den Klimawandel und andere Umweltzerstörungen bedroht.
Wiegen der Evolution: Wie ein deutsch-amerikanisches Forscherteam herausgefunden hat, kann in Korallenriffen die Evolution starten. Die deutliche Mehrheit der extrem vielfältigen Arten entsteht demnach in den Riffen selbst und wandert nicht von außen ein. Umso wichtiger wird es die Korallen zu schützen, die vom Treibhauseffekt stark bedroht werden. Das Foto zeigt Korallen am Great Barrier Reef vor Australien.
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