Mysteriöser Auftritt auf Uno-Klimakonferenz Warum Russland sein Schweigen bricht

Vertreter Russlands sind bei Klimaverhandlungen kaum zu durchschauen. Auf der Uno-Tagung in Katowice sagte ein Russe nur sieben Worte - und löste eine schwere Krise aus.
Kraftwerk hinter der Basilius-Kathedrale am Roten Platz in Moskau

Kraftwerk hinter der Basilius-Kathedrale am Roten Platz in Moskau

Foto: DMITRY KOSTYUKOV/ AFP

Aufgepasst! Der Russe redet...

Schlagartig verstummten die Teilnehmer im Plenarsaal der Uno-Klimakonferenz im polnischen Katowice. Normalerweise bleiben die Vertreter Russlands stumm während der Klimaverhandlungen, oft sind sie nicht einmal anwesend. Ein deutscher Klimapolitiker nennt die schweigsamen Delegierten der Großmacht "unberechenbar" - weil man nie weiß, in welche Verhandlungsrichtung sich das Schwergewicht Russland in Bewegung setzen wird.

Umso größer war das Erstaunen am vergangenen Samstag, als einer der russischen Delegierten das Wort ergriff. Das Erstaunen schlug rasch in Entsetzen um. Soeben hatte Saudi-Arabien im Plenum der Klimakonferenz abgelehnt, den Uno-Klimareport offiziell "zu begrüßen". Man wollte ihn nur "zur Kenntnis nehmen" - ein Affront, der die wissenschaftliche Basis der globalen Klimapolitik in Zweifel zog.

Sieben Wörter

Zahlreiche Staatenvertreter widersprachen Saudi-Arabien und forderten eine ausdrückliche "Begrüßung" des Uno-Klimareports. Dann meldete sich ein Vertreter Russlands zu Wort, so zeigen es Aufzeichnungen der nicht öffentlichen Sitzung, die dem SPIEGEL vorliegen.

Er sprach nur sieben Wörter, aber die änderten die Situation der Klimakonferenz:

"Just to note it in this case",

murmelte der Russe, also "ihn einfach nur zur Kenntnis nehmen, in diesem Fall" - der Uno-Klimareport war gemeint. Kein "Begrüßen", also.

Auch die USA und Kuwait schlossen sich dieser Haltung an, was zeigt: Das Weltbündnis, das 2015 den Klimavertrag von Paris geschmiedet hatte, bröckelt. Dass Ölstaaten und die Trump-USA in Katowice in die Opposition gehen, überrascht wenig, sie wollen keine strengeren CO2-Regeln.

Aber warum, rätseln die Delegierten in Katowice, bricht Russland sein legendäres Schweigen, um die Klimaverhandlungen zu bremsen? Es gebe ein geheimes Bündnis der Russen mit Saudi-Arabien, raunten manche. Es gebe eins mit Trump, glaubten andere.

Dass Russland beipflichtete, hat die Klimaverhandlungen nachhaltig beschädigt. Noch am Mittwoch rang die Konferenz in Katowice um eine Anerkennung des Klimareports. Russland hat mit seiner bewährten Strategie gebrochen. Bislang äußerten sich russische Politiker oft skeptisch über besorgniserregende Ergebnisse der Klimaforschung - um bislang jedem Klimaabkommen dennoch in letzter Minute beizuspringen.

Immer im Spiel bleiben

Russland, viertgrößter CO2-Emittent der Welt, war immer dabei beim Klimaschutz, ohne etwas leisten zu müssen. Es ist weder Empfänger von Klima-Ausgleichszahlungen wie zahlreiche arme Staaten, noch relevanter Zahler. Moskau versucht jedoch, immer im Spiel zu bleiben bei den Klimaverhandlungen - aus strategischem Interesse.

Dem ersten Klimaabkommen, dem Kyoto-Protokoll von 1997, ist Russland im Gegensatz zur USA beigetreten, ohne dass das Land irgendwelche Verpflichtungen hätte eingehen müssen. Der Rückgang der erforderlichen CO2-Emissionen ergab sich von selbst: Der Zusammenbruch der Industrie nach dem Ende des Kommunismus sorgte für den Großteil, den Rest besorgten die riesigen Waldflächen Sibiriens, die Russland nach langen Verhandlungen als CO2-Schlucker anrechnen durfte.

Testen Sie Ihre Fähigkeiten auf der Weltbühne!

2003 zweifelte Präsident Wladimir Putin auf einer eigens einberufenen "Welt-Klimakonferenz" in Russland den Klimawandel an, um ein Jahr später dem Kyoto-Abkommen beizutreten, das überhaupt nur in Kraft treten konnte, weil mit Russland das nötige Quorum erreicht wurde. Überzeugt haben soll Putin das Angebot der Europäer, Russlands angestrebte Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation voranzutreiben, ein schließlich erfolgreiches Manöver.

Vom Klimavertrag profitieren

Beim Kyoto-Abkommen war Russland dabei, zusammen mit den meisten westlichen Staaten - die USA aber nicht. Ein strategischer Vorteil für Russland, der sich dank Trumps angekündigten Austritt aus dem Pariser Klimavertrag nun wohl wiederholt.

Bislang hat sich die Zustimmung zum Pariser Abkommen für Russland nämlich ausgezahlt: Der Klimavertrag favorisiert Erdgas gegenüber Kohle, was die staatlichen Erdgasfirmen Russlands zu nutzen wissen. Auf der Klimakonferenz in Katowice wirbt Russland für die "Low Carbon Solution" - russisches Erdgas als kohlenstoffarme Lösung gegen den Klimawandel.

Dass Russland gigantische Mengen Kohle nach Asien exportiert, bleibt unerwähnt. "Russland unterstützt den Klimavertrag, will aber die Förderung von fossilen Brennstoffen nicht zurückfahren", sagt die russische Klima-Journalistin Angelina Davydova.

Es läuft

In Zukunft bleibe die russischen Kohle-, Gas- und Erdölindustrie "stabil", sagte der Chef des russischen Rohstoffministeriums, Dmitry Kobylkin, im Interview mit "RIA Nowosti". Er unterstütze die Nutzung von "sauberer Kohle" in Russland, also von Kohlekraftwerken, die CO2 nicht ausstoßen, sondern es unter die Erde pumpen; eine Technologie, die noch in der Entwicklung ist.

Es läuft also für Russland. Warum dann schlägt sich das Land bei den Klimaverhandlungen in Katowice dennoch auf die Seite der USA?

Russland könnte die Klimaverhandlungen abermals nutzen, um auf anderen Feldern Vorteile zu erzielen. Mit dem Quertreiben in Katowice, spekulieren Beobachter, könnte das Land sich bei den USA einschmeicheln und für die Lockerung von Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts werben.

Einen Trumpf hält Russland noch: Es hat dem Welt-Klimavertrag zwar zugestimmt, ihn aber noch nicht verbindlich ratifiziert. Wann denn Russland ratifizieren wolle, wurde ein Delegierter des Landes in Katowice gefragt. Seine Antwort: Schweigen.