Unbekannte Tiefsee Die Vermessung der Unterwelt

Bis weit ins 19. Jahrhundert glaubte man, in der Tiefe der Meere sei nichts als Wasser. Doch dann startet 1872 ein britisches Schiff zu einer Forschungsfahrt über die Ozeane - und liefert erstmals den fundamentalen Beweis. "Mare"-Autorin Marike Frick über die Pioniere der modernen Ozeanografie.

AFP / Census of Marine Life / Karen Gowlett-Holme

Wieder einmal tönt das Quietschen der Seilwinde über Deck. Die Stimmung an Bord der "Challenger" ist schlecht. Die Matrosen müssen Apparate ins Wasser abseilen, immer wieder Schlamm vom Meeresboden heraufholen, seit 27 Monaten schon. Manchmal lärmt die Winde stundenlang, ja den ganzen Tag über. Außerdem ist es seit Tagen windstill, die HMS "Challenger" kommt nur quälend langsam voran. In den Mannschaftsquartieren gibt es ständig Streit.

Doch an diesem 23. März 1875 ist etwas anders als sonst. Die Crew hat die Lotleine abgelassen, um die Wassertiefe zu messen. Mehrere Kilometer Leine sind schon abgerollt, doch seltsamerweise gibt es noch immer keinen Bodenkontakt. An ihrem Ende hängen zentnerschwere Gewichte, damit eine senkrechte Linie entsteht. Sie sinken 4000 Meter tief, 5000 Meter, schließlich 6000 - und erreichen erst bei unglaublichen 8183 Metern den Boden.

"Wir müssen das Lot in ein Tiefseetal abgelassen haben", schreibt ein Matrose später an seine Mutter, "dort ging es so weit von der Oberfläche in die Tiefsee hinab, wie der Mount Everest hoch ist." Die Forscher an Bord sind begeistert. Hier, im Pazifik, fast mittig zwischen Papua-Neuguinea und Japan, haben sie den tiefsten Punkt der Erde gefunden.

Es ist ein Festtag, eine kurze Freude auf dieser sonst so mühsamen Fahrt. Nicht nur die Matrosen sind der immer gleichen Vorgänge müde, auch die Forscher müssen sich wieder und wieder ihre Pflicht klarmachen. Sie wissen: Das, was sie hier leisten, ist noch nie da gewesen. Noch nie hat eine Expedition systematisch die Tiefen der Weltmeere erkundet. Und noch nie haben Menschen solch merkwürdige Kreaturen gesehen: Krabben mit riesigen Augen, Fische mit hörnerartigen Auswüchsen, Kraken mit merkwürdigen Flügeln. In Kleinstarbeit befreien die Wissenschaftler die Lebewesen aus dem Schlamm, den die Matrosen zuvor an Deck gekippt haben.

Meeresboden als öde Wüste

Bis zu diesem Zeitpunkt glaubt die Menschheit, in den tiefsten Tiefen der Ozeane könne es unmöglich Leben geben. Man stellt sich den Meeresboden als öde Wüste vor. Der britische Forscher Edward Forbes etwa kam um 1840 zu dem Schluss, dass im Mittelmeer ab einer Tiefe von 550 Metern kein Leben mehr zu finden sei. Forbes hatte Netze ins Wasser hinabgelassen - nur waren die Maschen zu groß, um Kleinstlebewesen einzufangen. Weil Forbes unter der 550-Meter-Marke nichts mehr im Netz fand, traf er eine falsche Schlussfolgerung. Tiere, so das Fazit, könnten so tief unten nicht existieren, weil sie vom Druck der Wassermassen schlicht erdrückt würden. Außerdem könne es in Regionen, in die keine Sonnenstrahlen mehr durchkommen, von vornherein kein Leben geben.

Doch dann holte ein Wissenschaftler vor der norwegischen Küste eben doch Lebewesen unterhalb von 550 Metern aus dem Meer. Ähnliches wiederholte sich auf weiteren Fahrten. Nun begann man sich zu fragen: Wie tief hinab reicht das Leben? Welche unbekannten Wesen warten dort unten auf ihre Entdeckung? Sieht der Meeresboden überall gleich aus?

Das Interesse an der Tiefsee wuchs nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Man hatte begonnen, Telegrafenkabel zwischen den Kontinenten zu verlegen. Mehrere Versuche schlugen fehl - immer wieder wurden Kabel zerstört. Möglicherweise war ja der Boden zu scharfkantig? Oder lebten dort unten etwa gefährliche Tiere, die den Kabeln Schaden zufügten? Jetzt begann sich zu rächen, dass man über die Meeresböden so wenig wusste - und ein kommerzieller Grund für ihre Erforschung war gefunden.

400 Kilometer Hanfseil, 10.000 Gläser

Viele Wissenschaftler waren damals begierig darauf, mehr über die Tiefsee zu erfahren. So war die Freude groß, als England nun sechs von ihnen mit knapp 200.000 Pfund ausstattete, einem für damalige Verhältnisse gigantischen Betrag. Zum Chefwissenschaftler der Expedition wurde der schottische Zoologe Wyville Thomson ernannt. Ihm zur Seite standen der Meeresbiologe John Murray sowie ein weiterer Zoologe, ein Chemiker und ein Zeichner. Für sie wurde ein 14 Jahre alter Dreimaster mit mehreren Laboren und einer 400 PS starken Dampfmaschine ausgestattet.

Eine Mannschaft von 263 Matrosen, Offizieren und Ingenieuren ging mit den Wissenschaftlern an Bord, dazu Truthähne, Hammel und Hühner - die Forscher sollten die gesamte Reise über gut dinieren. 400 Kilometer Hanfseil zum Loten verstaute man auf dem Schiff, ebenso Mikroskope, Dutzende Fachbücher und etwa 10.000 Gläser, Flaschen und Schalen, um die erwarteten Funde in Alkohol einlegen zu können. Drei Jahre lang, so lautete der Auftrag, sollten die Wissenschaftler die Meere erkunden, Tiefe und Temperaturen aufzeichnen, Strömungen erfassen und Lebewesen erforschen. Sie sollten Südamerika genauso anlaufen wie das Horn von Afrika, Australien und das bis vor kurzem völlig abgeschottete Japan. Bis ans ewige Eis am Südpol sollte sich die "Challenger" wagen.



insgesamt 7 Beiträge
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rubbeldikatz 15.05.2011
1. Immer dann wenn man keine Ahnung hat
kann es passieren, dass Photo und Text absolut nichts miteinander zu tun haben. Denn der australische Fetzenfisch lebt nur wenige Meter unterhalb der Wasserobfläche. Hat also mit der Tiefsee absolut nichts zu tun. Aber man hat wohl in Verbindung mit "Tiefsee" eine skurile Aufnahme benötigt.
team_frusciante 15.05.2011
2.
Zitat von rubbeldikatzkann es passieren, dass Photo und Text absolut nichts miteinander zu tun haben. Denn der australische Fetzenfisch lebt nur wenige Meter unterhalb der Wasserobfläche. Hat also mit der Tiefsee absolut nichts zu tun. Aber man hat wohl in Verbindung mit "Tiefsee" eine skurile Aufnahme benötigt.
Das ist die Bildstrecke vom "Census of Marine Life", einer Expedition der Neuzeit. Aber richtig, eine Bilderstrecke, die die Forscher von damals und ihre Funde zeigt, wäre viel interessanter gewesen. Wurden keine Fotos gemacht damals? WEnn nicht, wenigstens Zeichnungen?
raju1956 15.05.2011
3. interessant...
Zitat von sysopBis weit ins 19. Jahrhundert glaubte man, in der Tiefe der Meere sei nichts als Wasser. Doch dann startet 1872 ein britisches*Schiff zu einer Forschungsfahrt über die Ozeane - und liefert erstmals den fundamentalen Beweis. "Mare"-Autorin Marike Frick über die Pioniere der modernen Ozeanografie. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,759614,00.html
Danke für den interessanten Bericht. Es war damals halt noch zu teuer und wahrscheinlich zu uninteressant, die Meere zu erforschen. Man hat da nichts vermutet was Geld bringen könnte. Jetzt, wo man weiss, wieviel Geld da unten für die Unternehmen schlummert, wird das Interesse natürlich riesengross. Man denke nur an die Mangan-Knollen, deren Einsammlung sich langsam für die Konzerne lohnen wird. Und es gibt noch viel mehr aus der Tiefsee zu holen. Das wird bald - oder ist schon - ein riesen Wettbewerb. Und es wird den Lebensraum Tiefsee nachhaltig verändern!
bagasso 15.05.2011
4. Unwissenschaftlich
Ironischerweise enthält diese Bilderstrecke "Vermessung..." so gut wie keine Größenangaben (Ausnahme Bild 24/32. Ach ja, Bild 8 zeigt keinen Ruderfußkrebs sondern eine Qualle. Auch der Text hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Typisches Beispiel für nichtssagendes Gelaber in diesem 'Nachrichtenmagazin': "...Es ist ein Festtag, eine kurze Freude auf dieser sonst so mühsamen Fahrt. Nicht nur die Matrosen sind der immer gleichen Vorgänge müde, auch die Forscher müssen sich wieder und wieder ihre Pflicht klarmachen...". Gibt es denn gar keine Naturwissenschaftler beim SPIEGEL?
Montanabear 16.05.2011
5. De Vermessng der Unterwelt
Zitat von raju1956Danke für den interessanten Bericht. Es war damals halt noch zu teuer und wahrscheinlich zu uninteressant, die Meere zu erforschen. Man hat da nichts vermutet was Geld bringen könnte. Jetzt, wo man weiss, wieviel Geld da unten für die Unternehmen schlummert, wird das Interesse natürlich riesengross. Man denke nur an die Mangan-Knollen, deren Einsammlung sich langsam für die Konzerne lohnen wird. Und es gibt noch viel mehr aus der Tiefsee zu holen. Das wird bald - oder ist schon - ein riesen Wettbewerb. Und es wird den Lebensraum Tiefsee nachhaltig verändern!
Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass die Technik seit damals enorm entwickelt wurde. Während das Vermessungsschiff Meteor vor und während des II. Weltkrieges seine Proben noch nach Hamburg schicken musste, besteht jetzt ein grosses Labor an Bord des Nachfolgeschiffes, sodass die Proben sofort am Ort untersucht werden können.
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