Uno-Konferenz in Nairobi Globales Abkommen gegen Plastikmüll in Sicht

Wie beim Klimaschutz bereiten die Vereinten Nationen auch zum Thema Plastik einen verbindlichen Vertrag vor. Der Umweltversammlung in Nairobi liegt ein Entwurf vor, der große Änderungen für die Industrie bedeuten würde.
Inger Andersen, Exekutivdirektorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), spricht am Samstag mit Richard Kainika, Generalsekretär der Vereinigung der kenianischen Abfallverwerter, während einer Exkursion zur Dandora-Mülldeponie in Nairobi

Inger Andersen, Exekutivdirektorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), spricht am Samstag mit Richard Kainika, Generalsekretär der Vereinigung der kenianischen Abfallverwerter, während einer Exkursion zur Dandora-Mülldeponie in Nairobi

Foto: James Wakibia / dpa

Am Montag haben sich die Umweltminister der Welt zur Umweltversammlung der Vereinten Nationen (Unea) in Kenias Hauptstadt Nairobi getroffen. Zentrales Thema der bis Mittwoch dauernden Konferenz: der weltweite Umgang mit Plastik und die Verschmutzung der Meere damit. Zahlreiche Umweltorganisationen, darunter Greenpeace und WWF, riefen die Uno-Mitgliedsländer dazu auf, ein Verhandlungsmandat für ein rechtsverbindliches, globales Plastikabkommen auf den Weg zu bringen.

Über eine entsprechende Resolution, über die bis Montagmorgen noch die von den Ministerien entsandten Fachleute verhandelten, soll in den kommenden Tagen abgestimmt werden. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Montag, die Unterhändler hätten sich auf einen Zeitplan für ein ambitioniertes Abkommen geeinigt, das auch die Produktion von Kunststoffen regeln solle. Im Entwurf für den Beschlusstext stehe, der Vertrag solle »den gesamten Lebenszyklus von Plastik« umfassen.

Niederlage für die Industrielobby

Eine entsprechende Resolution hatten Ruanda und Peru in die Verhandlungen eingebracht, unterstützt von 60 verschiedenen Staaten. Es gab jedoch auch konkurrierende Entwürfe wie einen Vorschlag von Japan, sich nur auf die Verwertung von Plastikmüll zu konzentrieren. Indien brachte eine freiwillige Absichtserklärung ohne Rechtsverbindlichkeit ins Spiel.

Inger Andersen, die Generaldirektorin des Uno-Umweltprogramms Unep, sagte am Montag, die informellen Gespräche hätten »sehr bedeutsame Ergebnisse gebracht«. Zur Eröffnung der Konferenz sagte sie den Delegierten, sie habe »völliges Vertrauen, dass wir etwas wirklich Historisches in unseren Händen halten werden, sobald das Abkommen von dieser Versammlung beschlossen wird«. Andersen betonte: »Wir alle wissen, dass ein Abkommen nur zählt, wenn es rechtsverbindlich ist; wenn es den Ansatz des vollen Lebenszyklus wählt, von der Förderung über die Produktion bis zum Abfall.«

Für Öl- und Chemieunternehmen wäre ein solcher Beschluss eine herbe Niederlage. Hinter den Kulissen setzte sich die Industrielobby dafür ein, die Gespräche auf das Müllproblem zu beschränken und die Produktion auszusparen. Auch Konsumgüterkonzerne müssten sich nun umstellen. Dem Entwurf zufolge solle der Vertrag auch auf nachhaltiges Verpackungsdesign hinwirken und Einwegverpackungen beschränken.

Deutschland sprach sich als eines der ersten Länder für eine globale Konvention aus und wird auf der Unea durch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) vertreten. Die Uno-Umweltversammlung tagt normalerweise alle zwei Jahre. Wegen der Coronapandemie wurde die Konferenz zweigeteilt. Das erste Treffen fand vor einem Jahr statt. Nairobi ist der Sitz des Uno-Umweltprogramms (Unep).

Nur neun Prozent des Mülls werden recycelt

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen werden mittlerweile jährlich 400 Millionen Tonnen Plastikmüll weltweit produziert. Dieser lässt sich nur noch bedingt wegrecyclen: Nur neun Prozent des Mülls werden laut Uno wiederverwertet. Der Rest landet in Deponien, wird verbrannt oder treibt über Flüsse in die Meere. Oft, so lautet der Vorwurf, richtet der exportierte Müll reicher Länder wie Deutschlands in den ärmeren Ländern großen Schaden an, weil er dort nicht angemessen entsorgt werden kann, da die Infrastruktur fehlt.

Jenseits des Mülls warnen Wissenschaftler vor den gesundheitlichen Auswirkungen, die die Plastikproduktion und der allgegenwärtige Umgang mit Plastik auf die menschliche Gesundheit hat. Kleinste Plastikteilchen, sogenanntes Mikro- und Nanoplastik, gelangen über Nahrungsmittel wie Fisch, Honig oder Salz, aber auch die eingeatmete Luft in den menschlichen Körper. Plastik konnte beispielsweise in der Plazenta schwangerer Frauen, in der Lunge und in der Leber nachgewiesen werden, hieß es in einem Bericht des wissenschaftlichen Beratungskomitees des Uno-Umweltprogramms (Unep) im Oktober. Kunststoffe und Chemikalien wie Weichmacher, die in der Plastikproduktion verwendet werden, stehen im Verdacht, krebserregend zu sein und die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit negativ zu beeinflussen.

In den Tagen vor Beginn der Unea wurde in Nairobi bis tief in die Nacht um jedes Wort gerungen. Sollte die Resolution tatsächlich am Mittwoch einstimmig verabschiedet werden, ist das Ziel, bis 2024 einen Vertrag zu beschließen, der dann noch von den Staaten ratifiziert werden müsste.

ak/dpa-AFX/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.