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Census of Marine Life: Inventur in den Tiefen der Meere

Foto: AFP / Census of Marine Life / Chih-Lin Wei / Gilbert T. Rowe

Unentdeckte Arten Nie gesehen - und schon ausgestorben

Wie viele Tier- und Pflanzenarten gibt es? Diese Frage beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. Nun legen Wissenschaftler eine neue Schätzung vor. Sie zeigt: Neun von zehn Spezies sind noch gar nicht bekannt - viele könnten aussterben, bevor sie überhaupt entdeckt werden.

Auf der Erde gibt es insgesamt rund 8,7 Millionen Arten von Organismen. Davon leben 6,5 Millionen an Land und 2,2 Millionen in den Ozeanen. Diese Zahlen haben Forscher des internationalen Projekts "Census of Marine Life" jetzt mit Hilfe einer neuen Methode der Stammbaumanalyse ermittelt. Damit sei ihnen die genaueste jemals gemachte Schätzung der Artenzahl gelungen, so die Wissenschaftler.

Bisher schwankten Angaben dazu zwischen 3 und 100 Millionen Arten. Ein Großteil aller Organismen sei heute der Wissenschaft noch völlig unbekannt, schreiben die Forscher im Fachmagazin "PloS Biology" . Lediglich 1,25 Millionen Arten seien bereits beschrieben und katalogisiert. 86 Prozent der Landlebewesen und 91 Prozent der im Meer lebenden warteten dagegen noch immer auf ihre Entdeckung.

"Die Frage, wie viele Arten existieren, beschäftigt Wissenschaftler seit Jahrhunderten", sagt Studienleiter Camilo Mora von der University of Hawaii. Die Antwort darauf sei heute wichtiger denn je, weil menschliche Eingriffe das Artensterben immer stärker vorantreiben. Für die offizielle Rote Liste der bedrohten Arten werden heute rund 59.508 Spezies erfasst. Dies mache nicht einmal ein Prozent der gesamten weltweiten Lebenswelt aus - doch zahlreiche noch unbekannte Spezies dürften ebenfalls vom Aussterben bedroht sein. "Viele Arten könnten verschwinden, bevor wir überhaupt von ihrer Existenz und von ihren einzigartigen Nischen und Funktionen im Ökosystem erfahren", sagt Mora.

Um die großen Lücken im derzeitigen Wissen zu schließen, sei es nötig, die Suche nach neuen Arten und die biologische Systematik mehr als bisher zu fördern, schreiben die Forscher. Das Wissen um die Artenvielfalt lohne sich nicht nur für die Grundlagenforschung, sondern auch ganz konkret beispielsweise für die Züchtung neuer Nutzpflanzensorten oder zur Gewinnung von Medikamenten. Als reichhaltigste noch zu erforschende Lebensräume nennen die Wissenschaftler Korallenriffe, den Schlamm des Meeresgrunds und die tropischen Böden.

Mengenverhältnis aus Stammbaum ermittelt

Für ihre Studie analysierten die Forscher die Verteilung der heute bekannten Organismenarten auf die verschiedenen Zweige des Stammbaums. Sie berücksichtigten dabei nur die Arten, die Zellen mit einem Zellkern besitzen - also sogenannte Eukaryoten von einzelligen Algen bis zum Säugetier. Bakterien, Viren und andere zellkernlose Mikroorganismen blieben außen vor.

Ähnlich einem sich immer feiner verzweigenden Baum besitzt auch der Stammbaum der Lebewesen mehr kleinere Äste (Arten) als dickere (Familien, Ordnungen). Das typische Mengenverhältnis zwischen diesen Ebenen des Stammbaums rechneten die Forscher aus und nutzten es, um die Artenzahlen auch der weniger vollständigen Zweige des Organismenreichs zu schätzen. So kamen sie auf 8,7 Millionen Arten, plus/minus 1,3 Millionen.

Noch mit am kleinsten sei die Kluft zwischen bekannten und unbekannten Arten bei den Pflanzen, schreiben die Forscher. Hier sind bereits 215.644 von geschätzten 298.000 Arten erfasst. Anders sieht es dagegen bei den Tieren aus: Die Forscher schätzen die tatsächliche Zahl der Tierarten auf 7,77 Millionen - katalogisiert sind davon nur 953.434. Bei den Pilzen liegt der Anteil der bekannten Arten sogar noch niedriger: Hier sind nur 43.271 von geschätzten 611.000 bekannt.

Um die noch fehlenden Spezies mit traditionellen Methoden zu finden, müssten 300.000 Forscher noch mindestens 1200 Jahre arbeiten, rechnen die Wissenschaftler vor. Ein solches Vorhaben würde 364 Milliarden Dollar (rund 250 Milliarden Euro) verschlingen. Doch neue Technologien wie der DNA-Vergleich könnten Zeit und Kosten drastisch reduzieren.

mbe/dapd/dpa