Bericht zum Klimaschutz Uno warnt vor menschlicher Tragödie

Ein neuer Uno-Bericht zum Klimaschutz zeigt, wie viel die Staaten der Welt noch tun müssen, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen - und wie schnell das passieren muss.
Solarpark in China (2014)

Solarpark in China (2014)

Foto: REUTERS

Seit ein paar Tagen hat sogar Nordkorea einen. In insgesamt 163 einzelnen Plänen haben die Staaten der Welt dargelegt, wie sie das Weltklima im kommenden Jahrzehnt schützen wollen. Eine Datenbank der Uno  sammelt die oft detailliert ausgearbeiteten Zusagen - die freilich bisher alle ein Problem haben: Zusammengerechnet reichen sie nicht ansatzweise aus, um die selbst gesetzten Klimaziele zu erreichen.

"Deutlich unter zwei Grad" soll die vom Menschen verursachte Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts liegen. So steht es im historischen Klimavertrag von Paris, der am Freitag in Kraft tritt. Schon 92 Vertragsparteien haben das erste weltweit gültige Klimaabkommen in Rekordgeschwindigkeit ratifiziert. Im Text ist dabei neben der Zwei-Grad-Marke noch ein weiteres ehrgeiziges Ziel festgeschrieben: Die Welt will sich darum bemühen, das Temperaturplus im Vergleich mit der vorindustriellen Zeit sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Ein am Donnerstag vorgestellter Bericht des Uno-Umweltprogramms (Unep) zeigt nun eindrücklich, wie viel dafür noch zu tun ist - und wie schnell das passieren muss. Laut der aktuellen Ausgabe des jährlich vorgestellten "Emissions Gap Report" führen die von den Staaten gemachten Zusagen bisher zu einem Temperaturplus von 2,9 bis 3,4 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Insgesamt 34 Forscher aus 17 Ländern haben für die Analyse zusammengearbeitet - und grundsätzlich neu ist ihre Botschaft nicht. Sie ist nur angesichts des Jubels über den Vertrag von Paris etwas in den Hintergrund geraten. Es geht nicht darum, ob das Glas halb leer oder halb voll ist - die Welt tut schlicht noch immer nicht genug, um auch nur die dramatischsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. Auch in Deutschland können sich Politiker in diesen Tagen nicht auf einen nationalen Klimaschutzplan einigen .

Um das Problem besser zu verstehen, stelle man sich ein Haus mit einem Loch im Dach vor. Wenn es regnet, wird das Wasser mit einem Eimer aufgefangen. Der wird regelmäßig in eine - zunächst kaum gefüllte - Badewanne ausgeleert, die dabei nach und nach voller wird.

Dabei lässt sich ausrechnen, wie viele Eimer man in die Wanne kippen kann, bis diese überläuft - oder anders ausgedrückt: wie viel Zeit man zur Reparatur des Daches hat, wenn man das Haus nicht überfluten möchte.

Einen vergleichbaren Budgetansatz gibt es auch für die Erdatmosphäre und die Frage, wie viel CO2 die Menschheit noch ausstoßen kann, wenn sie die ärgsten Folgen des Klimawandels vermeiden will. Hier hat der Uno-Klimarat ausgerechnet, dass die Menschheit nach dem Jahr 2011 noch ungefähr 1000 Gigatonnen CO2 emittieren darf, um eine realistische Chance zu haben, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Und um ein 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, liegt die Grenze bei deutlich unterhalb von 600 Gigatonnen. Dann läuft - um im Bild zu bleiben - die Badewanne über.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Unter einer Gigatonne CO2 kann sich natürlich niemand etwas vorstellen. Und vielleicht ist genau das das Problem: Die Zahlen bleiben abstrakt - obwohl sie konkrete Auswirkungen haben. Vielleicht hilft ein weiterer Vergleich: Eine Gigatonne CO2, so viel stößt nach Unep-Angaben der Verkehrssektor in Europa jedes Jahr aus, die Luftfahrt mit eingerechnet.

Insgesamt liegen die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen derzeit bei rund 52,7 Gigatonnen pro Jahr. Im Jahr 2030 dürften es nach Unep-Schätzungen 54 bis 56 Gigatonnen sein. Das Problem: Will die Menschheit das Zwei-Grad-Ziel erreichen, dürften zu diesem Zeitpunkt nur noch 42 Gigatonnen zusammenkommen.

Das heißt: Die Emissionen müssten bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts noch einmal um ein Viertel sinken. Und das ist nur die Zahl für das Zwei-Grad-Ziel. Für ein Plus von nur anderthalb Grad wäre es bei den derzeitigen Emissionen im Jahr 2030 schon längst zu spät.

"Wir müssen uns viel schneller bewegen"

"Wenn wir jetzt keine zusätzlichen Aktionen starten, beginnend mit dem bevorstehenden Klimagipfel in Marrakesch, werden wir eine vermeidbare menschliche Tragödie zu beklagen haben", beschwört Unep-Chef Erik Solheim deshalb die Staaten. Der Klimavertrag von Paris und das unlängst in Kigali ausgehandelte Übereinkommen zu klimaschädlichen Kühlmitteln verlangsamten den Klimawandel zwar - aber: "Die Wissenschaft zeigt, dass wir uns viel schneller bewegen müssen."

Zur Erinnerung: Auch bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad haben viele Korallenriffe wohl kaum eine Chance zu überleben, warnen Experten. Das sommerliche Meereis in der Arktis wird nach Ansicht vieler Wissenschaftler bei solchen Temperaturen mit großer Wahrscheinlichkeit komplett verschwinden. Ozeanversauerung und Meeresspiegelanstieg durch Tauende Gletscher und Eisschelfe werden auf lange Sicht weitergehen. Menschen werden sich eine neue Heimat suchen, die Flüchtlingsbewegungen zunehmen.

Klar ist: Der Klimavertrag von Paris tritt erst 2020 in Kraft, auch wenn interessierte Staaten ihre Beiträge zum Klimaschutz bereits vor dem Start erhöhen können. Auch die Vereinbarung von Kigali, ein Zusatz zum Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht, bringt erst ab 2025 ernsthafte Reduktionen bei den Klimagasen.

Gleichzeitig eilt die Welt von Hitzerekord zu Hitzerekord - dafür war im vergangenen Jahr auch das pazifische Wetterphänomen El-Niño verantwortlich. Aber auch die erste Hälfte dieses Jahres brachte weltweite Hitzerekorde.

Warnung vor "hochspekulativer Technologie"

Immerhin: Im vergangenen Jahr sind die globalen CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe und der Industrie nicht gestiegen, sogar minimal zurückgegangen. In den Jahren davor hatten Forscher bereits ein abnehmendes Wachstum erkennen können. Ob das der Beginn eines globalen Trends ist, lässt sich derzeit noch nicht sagen.

Bei der Uno hofft man nun auf Klimaschutzinitiativen nichtstaatlicher Akteure, also von Privatunternehmen, Städten, Regionen und einzelnen Bürgern. Sie könnten mehrere Gigatonnen CO2 einsparen. Auch durch die massive Förderung von Energieeffizienz ließe sich viel erreichen.

Auf eine scheinbar attraktive Alternative zum Klimaschutz sollte sich die Menschheit dagegen nicht verlassen, wie Forscher unlängst warnten: Technische Verfahren zum Entfernen von CO2 aus der Erdatmosphäre und zur dauerhaften Speicherung des Klimagases im Boden seien noch längst nicht ausgereift. Das Ganze sei eine "hochspekulative Technologie", so Glen Peters vom Center for International Climate and Environmental Research in Oslo und sein Kollege Kevin Anderson vom Tyndall Centre for Climate Change Research in Manchester.

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