Ungewöhnliche Augen Navi bringt schwimmende Giftpakete auf Kurs

Vor allem ihr fieses Gift hat Würfelquallen bekannt gemacht, doch nun beeindrucken die Tiere auch noch auf andere Weise: Sie können sich nämlich an Gegenständen außerhalb des Wassers orientieren - mit vier ihrer insgesamt 24 Augen.

Würfelqualle: "Augen mit jeweils ganz speziellen Aufgaben"
Corbis

Würfelqualle: "Augen mit jeweils ganz speziellen Aufgaben"


Wohl dem, der ihnen nie begegnet. Wegen ihres Giftes sind manche Arten der Würfelqualle extrem gefürchtet. Einige sind so klein wie ein Fingernagel, haben aber bis zu drei Meter lange Tentakeln. Das Gift ist für den Menschen so schmerzhaft, dass viele Opfer eines Angriffs im Wasser in einen Schockzustand verfallen, einen Herzinfarkt erleiden und ertrinken. Forscher haben nun herausgefunden, wie sich die wehrhaften Tiere orientieren - und sind dabei zu einem verblüffenden Ergebnis gekommen: Die Quallen benutzen vier ihrer 24 Augen speziell zur Navigation.

Die Tiere können sogar über die Wasseroberfläche hinausblicken und Bäume und Wurzeln erkennen - und sich mit ihrer Hilfe in trüben Mangrovensümpfen orientieren. Mit ihrem eingebauten Navi sind die Quallen in der Lage, eine für den Nahrungserwerb optimale Wasserzone anzusteuern, berichten dänische Biologen.

Es sei erstaunlich, dass diese lediglich einen Zentimeter großen Tiere, die nur ein einfaches Nervensystem entwickelt haben, zu einem so komplexen Verhalten fähig sind, schreiben Forscher um Anders Garm von der Universität Kopenhagen in "Current Biology". Möglich werde diese Sinnesleistung wahrscheinlich dadurch, dass die unterschiedlichen Augentypen der Quallen auf jeweils nur eine Aufgabe spezialisiert sind.

"Würfelquallen verfügen nicht wie die meisten anderen Tiere über ein einzelnes Augenpaar, das vielfältige Funktionen übernimmt. Stattdessen besitzen sie mehrere unterschiedliche Typen von Augen mit jeweils ganz speziellen Aufgaben", erklärt Garm. Die ungewöhnliche Organisation der Sehorgane mache komplexe Sinnesleistungen auch ohne Signalverarbeitung durch ein großes Gehirn möglich. Die oberen Linsenaugen der Würfelqualle Tripedalia cystophora seien ein Beispiel dafür, sagt Garm. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, unabhängig von der Körperlage des Tieres visuelle Signale von oben zu empfangen.

Sinnesleistung bisher unterschätzt

Die untersuchten Quallen haben alle etwas gemeinsam: Sie leben in Mangroven-Küstengewässern. Nur in einem etwa zwei Meter breiten Bereich an der Grenze zum offenen Meer finden sie ein ausreichendes Angebot an Beute - Kleinkrebse und Fischlarven. Bisher war Forschern nicht klar, wie die Tiere diese Wasserzone gezielt ansteuern können. Garm und seine Kollegen schlossen zunächst aus, dass ein Sonnenkompass oder der Blick durchs trübe Wasser den Tieren behilflich sind.

Freilandexperimente an karibischen Küsten zeigten dann, dass die Tiere sich an Strukturen außerhalb des Wassers orientieren - und zwar an Bäumen und deren Stützwurzeln. Dazu nutzen die Quallen einen ihrer vier verschiedenen Augentypen. Die Würfelquallen - sie verdanken ihren Namen ihrem würfelförmigen Schirm - haben im unteren Bereich jeder der vier Seitenflächen eine Ansammlung von Sehorganen.

Dabei sind jeweils sechs separaten Augen ausgebildet: ein oberes und ein unteres Linsenauge sowie zwei schlitzförmige und zwei grubenförmige Pigmentaugen. Die Forscher stellten fest, dass die vier oberen Linsenaugen auch in Quer- oder Kopflage der Quallen immer so ausgerichtet waren, dass sie optische Signale von Strukturen über der Wasseroberfläche empfangen können. Das ermöglicht es den Tieren, eine ganz bestimmte Entfernung vom Ufer einzuhalten.

War die Sicht nach oben versperrt, wurden die Quallen orientierungslos. Die Forscher wollen nun herausfinden, wie das sehr einfach aufgebaute Nervensystem der Quallen diese Sinnesleistung ermöglicht. Bisher, sagt Garm, habe man die Tiere in dieser Hinsicht wohl unterschätzt.

chs/dapd



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