Ungleicher Sex Löcherkraken haben die mickrigsten Männchen

Der Löcherkrake hält einen Rekord in der Tierwelt: Das Männchen, das jetzt erstmals lebend beobachtet wurde, ist 40.000-mal leichter als seine Partnerin - und hat beim Sex vermutlich keine Überlebenschance.

Ein Löcherkraken-Männchen zu sein, ist kein Vergnügen: Der Kopffüßer-Casanova ist seinem weiblichen Gegenpart größenmäßig hoffnungslos unterlegen und muss wahrscheinlich schon beim ersten Sex sein Leben lassen. Ganz genau wissen das die Meeresbiologen allerdings nicht, denn bislang hatten sie die Männchen der Weichtierart Tremoctopus violaceus nur als Kadaver zu Gesicht bekommen.

Jetzt ist Wissenschaftlern erstmals gelungen, einen Löcherkraken männlichen Geschlechts vor seinem Ableben zu beobachten. Der Biologe Tom Tregenza von der University of Leeds begegnete dem Tier, das üblicherweise sein ganzes Leben im offenen Ozean verbringt, beim Tauchen im australischen Great Barrier Reef. "Tote Männchen haben sich schon in Netzen verfangen, doch dieses ist das erste Mal, dass ein lebendes Exemplar gesehen wurde."

Wie Tregenza gemeinsam mit australischen Kollegen berichtet, war der glubschäugige, vom Licht der Taucher angezogene männliche Löcherkrake gerade einmal 2,4 Zentimeter lang und wog ein läppisches Viertelgramm - obwohl der voll entwickelte Reproduktionsapparat bewies, dass er bereits ausgewachsen war. "Im Gegensatz dazu können erwachsene Weibchen bis zu zwei Meter lang und zehn Kilogramm schwer werden", so Tregenza.

Damit ergibt sich ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das unter ähnlich großen Tieren einzigartig ist. Das Löcherkraken-Männchen ist fast hundertmal kleiner als das Weibchen, bei einer Konfrontation von Angesicht zu Angesicht wäre es gerade einmal so groß wie das Auge seiner Partnerin. Der Gewichtsvergleich fällt noch extremer aus: Das Männchen ist, wie die Forscher im "New Zealand Journal of Marine and Freshwater Research" vorrechnen, bis zu 40.000-mal leichter.

Entsprechend unausgewogen läuft der Sex ab. In einer Körpertasche entwickelt das Männchen einen zusätzlichen Arm eigens für die Fortpflanzung. Dieses Begattungsorgan, der so genannte Hectocotylus, wird bei der Paarung abgetrennt und vom Weibchen bis zur Befruchtung der Eier in der Mantelhöhle verstaut. Bislang sind keine toten Männchen mit nachgewachsenem Hectocotylus gefunden worden. Die Forscher vermuten deshalb, dass der männliche Löcherkrake, wie bei anderen Octopus-Arten auch, nach dem Akt sein Leben aushaucht.

Bislang ist unklar, warum der Größenunterschied bei Tremoctopus violaceus so enorm ist. Tregenza: "Eine Theorie ist, dass das Männchen einen Vorteil davon hat, klein zu bleiben, weil sich dadurch die Zeit bis zur Geschlechtsreife verkürzt." Denn die Mickerlinge befinden sich in einem erbarmungslosen Wettstreit um die Weibchen, wie Untersuchungen von Krakendamen gezeigt haben. "Weibchen werden", so Tregenza, "oft mit mehreren Begattungsarmen in der Mantelhöhle gefunden."

Martin Paetsch

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