Uno-Bericht Klimawandel hat die Welt schon jetzt im Schwitzkasten

Der Klimawandel ist viel weiter fortgeschritten als bisher bekannt. Das zeigt ein bisher geheimer Teil des Uno-Weltklimareports, für den 30.000 Messreihen ausgewertet wurden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist das Fazit: Keine Weltregion wird verschont - und vier trifft es besonders hart.
Von Volker Mrasek

Ist das Wetter, das wir heute auf der Erde beobachten, schon aus den Fugen? Wirkt sich die Luftverschmutzung der vergangenen Jahrzehnte schon in der Gegenwart aus? Genau davon geht der Weltklimarat der Uno aus: Menschliche Einflüsse aus den vergangenen drei Jahrzehnten "hatten eine erkennbare Auswirkung auf viele physikalische und biologische Systeme", folgern die Autoren des bislang geheimen zweiten Teils des Weltklimareports 2007.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die Lage so zusammenfassen: Der Klimawandel hat die Erde schon heute fest im Schwitzkasten. Das geht aus dem Schlussentwurf der Summary for Policymakers hervor, der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger.

Der Band, an dem mehrere hundert Wissenschaftler mitgewirkt haben, soll Anfang April in Brüssel nach einer letzten Erörterung mit Regierungsvertretern aus aller Welt veröffentlicht werden. Die Metastudie wird erhebliches politisches Gewicht in der laufenden Klimadebatte haben.

Lange Indizienliste: Wir sind mittendrin

Ihr Hauptbefund ist, dass sich auf allen Kontinenten die Erdoberfläche und die Ökosysteme schon jetzt unter dem Druck regionaler Klimaerwärmung wandeln. Die in dem Entwurf ausgebreitete Indizienliste ist lang:

  • Gletscherseen nehmen an Zahl und Größe zu, ihr Überlaufen könnte fatale Überschwemmungen auslösen.
  • Im Gebirge und in hohen Breiten weicht der Dauerfrost auf, Eis- und Gesteinslawinen nehmen zu.
  • Flüsse und Binnenseen erwärmen sich, ihre thermische Schichtung und die Wasserqualität verändern sich.
  • Die Abflussrate in Strömen, die sich im Frühjahr aus schmelzenden Gletschern und Eisfeldern speisen, nimmt zu.
  • Der Frühlingsbeginn wandert im Kalender immer weiter nach vorne, Pflanzenblüte und Vogelzug verschieben sich.
  • Viele Pflanzen- und Tierarten dehnen ihr Verbreitungsgebiet in die milder werdenden höheren Breiten und Gebirgszonen aus.

Für den zweiten Teilbericht dieses Jahres haben die Autoren fast 30.000 Datensätze aus mehr als 70 internationalen Studien überprüft. Diese Messreihen dokumentieren die Veränderungen des Wasserkreislaufs, der Kryosphäre (Eiszonen), der Flora und Fauna über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren.

"Mehr als 85 Prozent" der Datensätze zeigen laut IPCC "Veränderungen in einer Richtung, wie sie als Reaktion auf eine Erwärmung zu erwarten sind". Mit anderen Worten: In fast neun von zehn Datensätzen fanden die Forscher Hinweise für Umweltveränderungen infolge des vom Menschen forcierten Treibhauseffekts.

Die Forscher halten es für "sehr unwahrscheinlich", dass die geschilderten Phänomene maßgeblich auf natürliche Prozesse zurückgehen. Ihre beiden Hauptargumente: Die räumlichen Muster von regionalen Klimaerwärmungen und Umweltänderungen stimmen sehr gut überein. Eine ähnliche Konsistenz gebe es zwischen den Beobachtungen und dem, was Klimamodelle als Veränderungen infolge einer Temperaturzunahme prognostizierten.

Bedrohte Naturschätze

Die Uno-Sachverständigen schildern nicht nur den Ist-Zustand. Gestützt auf Zukunftsszenarien gehen sie auch der Frage nach, wie sich menschliche Lebensräume und Ökosysteme in einer wärmer werdenden Welt entwickeln werden.

Viele Naturschätze werden dem Klimawandel zum Opfer fallen, schreiben die IPCC-Autoren in dem Entwurf:

  • Für 20 bis 30 Prozent aller Arten bestehe ein "hohes Risiko der Auslöschung", sollte die globale Mitteltemperatur um weitere 1,5 bis 2,5 Grad Celsius im Vergleich zu 1990 steigen. Schon ab 2050 könnte es soweit sein.
  • Korallenriffe werden "wahrscheinlich starke Rückgänge erleben".
  • Salzmarschen und Mangrovenwälder könnten bei steigenden Meerespegeln versinken.
  • Tropischer Regenwald werde dort, wo der Bodenwassergehalt stark zurückgehe, durch Savanne ersetzt.
  • Zugvögel und Säugetiere litten unter der Verschiebung der Vegetationszonen in der Arktis.

Am stärksten werden nach Ansicht des IPCC vier Weltregionen zu leiden haben:

  • die Arktis (Ursache: stärkste relative Erwärmung),
  • kleine Inselstaaten im Pazifik (Meeresspiegelanstieg),
  • Afrika südlich der Sahel-Zone (Dürren)
  • und die dichtbevölkerten Flussmündungen Asiens (Überschwemmungen).

Schon diese Aufzählung macht deutlich: Auch der Mensch wird kaum ungeschoren davonkommen.

Hitzetote, Überflutungen, Dürren, Stürme

Der Uno-Klimarat erwartet "steigende Zahlen von Todesfällen, Verletzungen und Erkrankungen durch Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände und Dürren". Der Entwurf der Politiker-Zusammenfassung spricht von "hitzebedingter Sterblichkeit" speziell in Europa und Asien.

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Mehrere hundert Millionen Menschen in dicht besiedelten Küstenregionen seien allein durch den Meeresspiegelanstieg und das damit verbundene höhere Überflutungsrisiko bedroht, hauptsächlich in den Deltagebieten Asiens. Mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt laut dem Papier in Regionen, wo Gletscher und Schnee wichtige Wasserspeicher darstellen - die aber "sehr wahrscheinlich" weiter schwinden.

Detailliert listen die Sachverständigen die möglichen Folgen für unterschiedliche Weltregionen auf: Europa, Afrika, Asien, Nordamerika, Mittel- und Südamerika, Australien und Neuseeland, Polargebiete und kleine pazifische Inseln. In vielen Weltgegenden wird die Erwärmung Mensch und Umwelt demnach hauptsächlich Nachteile bringen. Die positiven Effekte wie höhere Erträge in der Land- und Forstwirtschaft Nordeuropas verblassen angesichts der bedrohlichen Szenarien (siehe interaktive Grafik).

In dem Entwurf machen die Autoren jeweils kenntlich, wie sicher sie sich in ihren Aussagen sind. Der weitaus größte Teil der Feststellungen fällt dabei in die Kategorie zwei, was bedeutet, dass die Forscher sie mit "großer Gewissheit" verkünden. Einen Teil ihrer Schlüsse ziehen die Sachverständigen aber auch mit "sehr großer Gewissheit", zum Beispiel, dass Nordamerika in Zukunft noch stärkere Waldbrände und Hitzewellen in verschiedenen Großstädten erleben wird. Oder dass der Klimawandel für kleine Inselstaaten die größten Risiken birgt.

Mehr Nahrung im Norden, Erde könnte grüner werden

Das Papier nennt auch einzelne erfreuliche Entwicklungen. Diese könnten aber von nur kurzer Dauer sein.

Die Experten machen sich offenbar keine direkten Sorgen um die Nahrungsmittelproduktion. In hohen Breiten werden sich die landwirtschaftlichen Anbaubedingungen wahrscheinlich verbessern, so dass die Ernteerträge global gesehen bis auf weiteres steigen. Dessen ungeachtet dürften zahlreiche Entwicklungsländer künftig häufiger von Dürren heimgesucht werden - und ihre Bevölkerung stärker unter Hungersnöten leiden. Erst bei einem Temperaturanstieg von drei Grad Celsius und mehr sieht der Klimarat das Risiko, dass sich das Ertragsplus im hohen Norden und tiefen Süden wieder umkehren könnte. Generell haben die Autoren in die Prognosen zur Ernährungsituation nur "mittleres Vertrauen".

Steigende Kohlendioxid-Konzentrationen in der Erdatmosphäre düngen die Pflanzenwelt zunächst geradezu. Die Vegetation sprießt stärker, die Erde wird grüner. Diese CO2-Einlagerung in pflanzlicher Biomasse wirkt der Klimaerwärmung entgegen - jedoch nicht unbegrenzt. "In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden terrestrische Ökosysteme zu einer Quelle von Kohlenstoff werden", warnen die IPCC-Autoren, "was den Klimawandel dann noch beschleunigt."

Auch von den Ozeanen wird angenommen, dass sich ihre bisher große Aufnahmekapazität für CO2 noch im Laufe des 21. Jahrhunderts erschöpft. Dann könnten sie anfangen, zusätzliches Klimagas freizusetzen, statt es zu schlucken.

Auch reiche Länder verwundbar

Zwar dürften unter den beschriebenen Folgen vor allem die Bewohner armer, unterentwickelter Länder leiden. Aber die IPCC-Autoren weisen auch Industrienationen wie die USA auf ihre Verwundbarkeit hin: Nordamerika sei kaum auf "zunehmende Risiken und wirtschaftliche Verluste durch den Anstieg des Meeresspiegels, Unwetter und Sturmfluten" vorbereitet. Explizit nennt der neue IPCC-Report die Bedrohung durch tropische Wirbelstürme: Die Zahl besonders starker Hurrikane werde infolge des Klimawandels zunehmen. Denkbare Folge: Versicherungen könnten für Gefahrenzonen wie New Orleans bald die Schadensdeckung verweigern.

Wie im Anfang Februar in Paris veröffentlichten ersten IPCC-Teilbericht warnen die Autoren des zweiten Bands: Die Luftverschmutzung mit Treibhausgasen wird lange nachwirken, weil das Klimasystem äußerst träge auf Störungen reagiert. Allein durch die bisherigen Emissionen sei ein weiterer Anstieg der globalen bodennahen Mitteltemperatur um 0,6 Grad Celsius bis 2100 "beschlossene Sache", steht im Entwurf. Die Menschheit müsse sich dem globalen Wandel auf jeden Fall anpassen.

Nach Informationen, die SPIEGEL ONLINE Ende Februar vorlagen, werden die Autoren des ebenfalls bislang unveröffentlichten dritten Teils des IPCC-Reports im Mai in Bangkok gigantische Investitionen und einen radikalen Politikwechsel fordern: Bis 2030 müssten 16 Billionen US-Dollar investiert werden, nur bis 2020 habe die Menschheit noch Zeit für die Trendwende.

Ob die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger in der nun vorliegenden Entwurfsfassung veröffentlicht wird, ist unsicher. Schon bei der Zusammenfassung des ersten Teilberichts hatten Delegierte verschiedener Länder bis zum letzten Moment um einzelne Wörter gerungen. Denn ob eine Folge des Klimawandels "wahrscheinlich", "sehr wahrscheinlich" oder "praktisch sicher" ist, macht für Wissenschaftler wie Politiker im Zweifelsfall einen großen Unterschied.

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