Uno-Diplomat de Boer "Die Krise wird Folgen für die Klimapolitik haben"

Kaum Anreiz zum Energiesparen, wenig Geld für Hilfsprojekte: Die Finanzkrise macht dem Klimaschutz zu schaffen, sagt Yvo de Boer, der Chef des Klimasekretariats der Vereinten Nationen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum er trotzdem an ein Erreichen der Klimaschutzziele glaubt.

Yvo de Boer (in Bonn, November 2008): "Es steht weniger Geld für den Klimaschutz zur Verfügung"
dpa

Yvo de Boer (in Bonn, November 2008): "Es steht weniger Geld für den Klimaschutz zur Verfügung"


SPIEGEL ONLINE: Herr de Boer, die Treibhausgasemissionen der Industrieländer steigen seit dem Jahr 2000 wieder an. Hat die Welt beim Klimaschutz versagt?

de Boer: Das glaube ich nicht. Wir haben Daten aus dem Jahr 2006 präsentiert, also nur ein Jahr nach der Einführung des Kyoto-Protokolls. Noch steigen die Emissionen an, doch sie werden heruntergehen. Die Kyoto-Länder sind imstande, ihre Ziele noch zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint eher so, als ob sich viele Staaten überhaupt nicht um ihre Klimaschutzverpflichtungen kümmern - Japan zum Beispiel.

de Boer: Japan ist weit entfernt vom Ziel, das stimmt. Das Land ändert aber seine Politik und will auch international Emissionsrechte kaufen. Ich glaube deswegen, dass Japan das Kyoto-Ziel sicher erreichen wird.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es mit Kanada aus?

de Boer: Kanada hat sehr große Probleme, das stimmt. Hier gibt es eine etwas eigenartige Situation. Das Land hat gesagt, dass es das Kyoto-Ziel nicht erreichen wird, will aber auch nicht aus dem Vertrag aussteigen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, inmitten der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise könnten wir uns Klimaschutz derzeit nicht leisten, weil das die Industrie weiter schwächen würde.

de Boer: Ich glaube ganz sicher, dass die Finanzkrise Folgen für die Klimapolitik haben wird. Es steht weniger Geld für den Klimaschutz zur Verfügung, weil Länder viel ausgegeben haben, um ihre Banken zu retten. Gleichzeitig sinkt der Ölpreis - und das ist schlecht für erneuerbare Energien und Energieeinsparung. Aber auf dem G-20-Gipfel in Washington am vergangenen Wochenende haben die Staaten sehr deutlich gesagt, dass langfristige Probleme wie der Klimawandel nicht vergessen werden dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sollte das tatsächlich passieren?

de Boer: Vor einem Jahr haben die Staaten beim Klimagipfel in Bali versprochen, einen Verhandlungsprozess zu starten, der nächstes Jahr zu Ende sein soll. Die Warnungen der Wissenschaftler werden sehr ernst genommen. Die Staaten sehen ein, dass wir jetzt Investitionsentscheidungen für die nächsten 30 bis 50 Jahre treffen. Wenn man da nicht auf den Klimawandel achtet, ist das nicht vernünftig.

SPIEGEL ONLINE: Apropos vernünftig: Wie halten Sie es eigentlich ganz persönlich mit dem Klimaschutz? Fahren Sie einen CO2-armen Dienstwagen?

de Boer: Ich habe einen Toyota Prius, ein Hybridauto. Das empfehle ich auch anderen weiter.

Das Interview führte Christoph Seidler



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