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IPCC-Bericht: Nahrungsnot wird durch Klimawandel verschärft

Foto: A2800 epa Stephen Morrison/ dpa

Uno-Entwurf Klimawandel verschärft weltweite Nahrungsnot

Die Menschheit wächst, gleichzeitig könnten Nahrungsmittel knapper werden. Das geht aus einem noch unveröffentlichten Kapitel des Uno-Klimareports hervor. Der vertrauliche Entwurf zeigt: Die Erderwärmung hat dramatische Folgen für die Landwirtschaft.

Hamburg - Nach einem halben Jahrhundert des Hawaii-Toasts beschäftigt sich ein nennenswerter Teil der Deutschen im 21. Jahrhundert ernsthaft mit seiner Ernährung: Bio- und Öko-Labels machen sich in konventionellen Supermärkten breit, mehr Menschen als zuvor denken darüber nach, was und wie sie essen. Doch die spät entdeckte Ernsthaftigkeit könnte sich schon in einigen Jahren als völlig belanglos erweisen.

Denn in Zukunft geht es, glaubt man dem unveröffentlichten Entwurf für den zweiten Teil des Uno-Klimareports, nicht so sehr um die Frage, wie ökologisch nachhaltig Lebensmittel hergestellt werden, sondern ob die Welt überhaupt ausreichend Nahrung für die bis 2050 prognostizierten über neun Milliarden Erdenbewohner produzieren kann.

Wie wirkt sich die Erderwärmung auf die Landwirtschaft aus?

Schon heute werden die Ressourcen der Erde von den mehr als sieben Milliarden Menschen nicht optimal genutzt. Nun diskutieren die Autoren des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC) im zweiten Teil des aktuellen Klimareports unter anderem die Frage, wie sich die Erderwärmung auf die Landwirtschaft auswirkt.

Die letzte Entwurffassung des für März 2014 angekündigten Reports kursiert seit einigen Tagen im Internet, SPIEGEL ONLINE berichtete. Neben den Auswirkungen auf Infrastruktur, Industrienationen und Entwicklungsländer kommen die Autoren - Dutzende Wissenschaftler aus aller Welt - zu folgenden Ergebnissen für die Nahrungsmittelversorgung:

  • Bereits heute sind mehr negative als positive Effekte des Klimawandels auf die Nahrungsmittelsicherheit feststellbar, zum Beispiel stark und schnell steigende Lebensmittelpreise.
  • Der Klimawandel könnte die Ernteerträge bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um bis zu zwei Prozent pro Jahrzehnt schrumpfen lassen.
  • Gleichzeitig könnte die Nachfrage nach Getreide bis 2050 um geschätzte 14 Prozent pro Jahrzehnt steigen.
  • Lokale Temperaturerhöhungen um ein Grad Celsius oder mehr - im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten - könnten die Erträge von Weizen, Reis und Mais in tropischen und gemäßigten Zonen negativ beeinflussen. Der Effekt könnte die erwarteten positiven Auswirkungen steigender Temperaturen in anderen Regionen übertreffen.
  • Die Variabilität der Erträge könnte von Jahr zu Jahr durch den Klimawandel zunehmen. Die Erderwärmung könnte die Unsicherheit bei der Lebensmittelversorgung vor allem ärmerer Bevölkerungen unter anderem durch Hitze, Trockenheit und sich ändernde Niederschlagsmengen erhöhen.
  • Ertragssteigerungen im Vergleich zu heute um geschätzte 15 bis 18 Prozent erscheinen möglich, doch die Effektivität noch zu treffender Maßnahmen ist fraglich.
  • Steigt die Durchschnittstemperatur lokal um rund zwei Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten, dann könnte das mit einiger Wahrscheinlichkeit durch effektivere Landwirtschaft ausgeglichen werden. Steigt die Temperatur lokal dagegen um vier Grad oder mehr, könnte die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in vielen Regionen selbst durch ertragssteigernde Maßnahmen vermutlich nicht ausgeglichen werden.
  • In ländlichen Regionen könnten die Folgen des Klimawandels nicht nur bei der Wasser- und Nahrungsmittelversorgung, sondern auch beim Einkommen aus landwirtschaftlicher Arbeit spürbar sein.
  • Die Gesundheit könnte in ärmeren Regionen durch das steigende Risiko von Unterernährung gefährdet werden.
  • Mehr Menschen könnten von Armut und Hunger bedroht sein, vor allem in Metropolen, wo viele Menschen steigenden Lebensmittelpreisen ausgesetzt sein könnten.


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Können Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft und eine effektivere Nutzung der Ressourcen die angenommenen negativen Auswirkungen der Erderwärmung ausgleichen? Bereits in den Jahren nach dem letzten großen IPCC-Bericht von 2007 hatten Wissenschaftler Schreckensszenarien von bevorstehenden Völkerwanderungen und Hungersnöten entworfen.

In ihrem aktuellen Berichtsentwurf verschweigen die IPCC-Wissenschaftler keineswegs, dass ihre Schlussfolgerungen auf Annahmen beruhen, die weder eindeutig noch unumstößlich sind. Nur einige der aufgeführten Ergebnisse tragen den Vermerk "mit großer Sicherheit", viele sind dagegen als nur mittelmäßig sicher eingestuft. Hintergrund ist, dass gerade die Projektionen künftiger landwirtschaftlicher Erträge unsicher sind: Es fehlt an Wissen darüber, wie sich Getreide außerhalb der Dürrezonen infolge des Klimawandels entwickeln wird.

Doch die Unsicherheit der wissenschaftlichen Modelle entlässt Zivilgesellschaft und Politik nicht aus der Pflicht, sich Gedanken über die Lebensmittelsicherheit in den nächsten Jahrzehnten zu machen. Dabei gibt es weder regionale, noch schnelle oder einfache Lösungen: Der IPCC-Berichtsentwurf erwähnt als technische Lösungsmöglichkeit zum Beispiel die Entwicklung weniger empfindlicher Getreidesorten. Das allerdings kann Jahre oder Jahrzehnte dauern. Zudem könnte die Lebensmittelproduktion verändert werden, ebenfalls ein gesellschaftliches Großprojekt. Seit Jahren beklagen Experten, dass bereits heute eine Milliarde Menschen auf der Erde ständig Hunger habe und nur knapp die Hälfte der produzierten Lebensmittel überhaupt gegessen würde.

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Und auch die Zukunftsaussichten erscheinen düster: Das Potential, das langfristige Risiko für die Nahrungsmittelsicherheit durch Maßnahmen zu reduzieren, schätzen die IPCC-Autoren bei einer angenommenen Erwärmung um zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter immerhin als mittelmäßig ein. Sollte die Temperatur allerdings um vier Grad ansteigen, würden selbst entschiedene Maßnahmen das bestehende sehr hohe Risiko für die Lebensmittelversorgung nur noch wenig verändern.

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