Uno-Konferenz in Bonn Was macht China beim Klimaschutz besser, Herr Xie?

Wann immer es um China und das Weltklima geht, sitzt er mit am Tisch: Chefunterhändler Xie Zhenhua. Meint es das Riesenland, größter CO2-Emittent der Erde, ernst mit dem Wandel hin zu mehr Umweltschutz?

Peking im Smog
imago/ China Foto Press

Peking im Smog

Ein Interview von


Die schlechte Nachricht platzte mitten hinein in die Uno-Klimakonferenz in Bonn: China werde im Jahr 2017 wahrscheinlich 3,5 Prozent mehr CO2 ausstoßen als im Jahr zuvor. Weil auch andere Länder wie Indien beim Treibhausgas zulegen, dürfte die gesamte Menschheit 2017 auf ein Plus von zwei Prozent kommen - so die Prognose des Global Carbon Project.

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Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Insbesondere für die ambitionierten Chinesen waren die Zahlen ein Dämpfer. Viele Delegierte hatten erwartet, dass sich das bevölkerungsreichste Land der Erde in Bonn als neue Führungsmacht im Kampf gegen die Erderwärmung präsentiert. Doch welche Rolle spielt es wirklich? Ist es mit seiner neuen Rolle bei den Klimaverhandlungen überfordert?

Schon seit Jahren leitet der Diplomat Xie Zhenhua die chinesische Delegation auf Klimatagungen. Er kennt Angela Merkel persönlich seit den Neunzigerjahren, als sie beide gleichzeitig Umweltminister ihrer Länder waren. Im SPIEGEL-Interview erzählt er von Chinas neuer Rolle bei den Klimaverhandlungen und gibt eine optimistische Prognose für die USA ab.

Zur Person
  • DPA
    Xie Zhenhua, Jahrgang 1949, ist Chinas prominentester Klimapolitiker und -diplomat: Er leitete die Umweltschutzbehörde und war Vizechef der mächtigen Entwicklungs- und Reformkommission. Seit elf Jahren führt er die chinesische Delegation bei den jährlichen Klimakonferenzen.

SPIEGEL: Xie Zhenhua, was erwarten Sie konkret vom Klimagipfel in Bonn?

Xie Zhenhua: Dass wir leisten, was wir uns letztes Jahr in Marrakesch vorgenommen haben: Also erstens, dass wir uns im Detail darauf einigen, wie wir das Pariser Klimaabkommen umsetzen, und zweitens, dass wir festlegen, wie der "förderliche Dialog" aussieht, den wir 2018 in Kattowitz beginnen werden: Dabei geht es ausdrücklich nicht um Verhandlungen, sondern darum auszutauschen, welche Erfolge und welche Probleme einzelne Länder haben und wie sie sich gegenseitig helfen können. Und drittens geht es in Bonn um die Fortschritte der Industrienationen - ob sie ihren Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll nachgekommen sind, ob sie die 100 Milliarden Dollar pro Jahr aufgebracht und ob sie ihre Emissionsziele eingehalten haben. Darüber wollen wir einen Bericht erstellen.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Leistungen der Industrienation Deutschland ein?

Xie: Deutschland spielt eine sehr konstruktive Rolle. Sowohl Bundeskanzlerin Merkel, ihre Regierung wie auch die deutsche Gesellschaft nehmen den Klimawandel sehr ernst. Das Land ist ein Vorreiter bei der Reduktion des CO2-Ausstoßes, und es stellt Entwicklungsländern finanzielle Hilfen und Knowhow zur Verfügung.

SPIEGEL: Was kann Deutschland zum Erfolg der Bonner Konferenz beitragen?

Xie: Deutschland hat schon sehr früh an der Entwicklung des Emissionsmarktes gearbeitet. Vieles von dem, was wir in China später auf diesem Feld gemacht haben, beruht auf den Erfahrungen Deutschlands und anderer europäischer Länder. Heute muss man leider sagen, dass Europas Emissionshandel nicht wirklich erfolgreich ist - auch weil einige Länder ihren Ausstoß nicht ausreichend vermindert haben. Der Preis pro Tonne ist von 40 auf 2 Euro gesunken. Ein solcher Preis reicht nicht aus, um Innovation anzustoßen.

SPIEGEL: Und China macht das besser? Ihr Land ist der mit Abstand größte CO2-Emittent, vor allem wegen seiner vielen Kohlekraftwerke.

Xie: Chinas Kohleverbrauch betrug 2014 etwa 4,12 Milliarden Tonnen, im vergangenen Jahr war er auf 3,78 Millionen Tonnen, in den ersten drei Quartalen 2017 ist er auf 2,81 Milliarden Tonnen gesunken. Gleichzeitig verändern wir unseren Energiemix: Da ist der Kohle-Anteil von 66,2 Prozent im Jahr 2013 auf 62 Prozent im letzten Jahr zurückgegangen. Der Anteil der nicht-fossilen Energieträger stieg von 9,8 auf 13,3 Prozent an.

SPIEGEL: Und diese Entwicklung ist unumkehrbar? Der Kohleverbrauch wird nicht wieder ansteigen?

Xie: Wir hoffen, dass unsere Wirtschaft weiter stabil wächst und wir die Struktur unserer Industrie und Energieversorgung weiter verbessern können. Das ist unsere Strategie. Aber natürlich ist ökonomisches Wachstum immer mit Unsicherheit behaftet. Was ich Ihnen genannt habe, sind jedenfalls die Fakten.

SPIEGEL: Chinas Rolle hat sich sehr verändert. Vor wenigen Jahren noch galt China als Bremser, heute sieht sich das Land als "Fackelträger" beim Klimaschutz. Wie ist es dazu gekommen?

Xie: Für China ist die wirtschaftliche Entwicklung der Schlüssel, um alle unsere Probleme zu lösen. Aber wir müssen gleichzeitig die Armut besiegen, ein gesellschaftliches Gleichgewicht herstellen, mehr Arbeitsplätze schaffen, die Gesundheit der Menschen verbessern - und deshalb die Umwelt beschützen. Es ist ziemlich viel, was wir zu tun haben. An manchen Stellen haben wir die Wirtschaft vorangetrieben, dabei den Schutz der Umwelt vernachlässigt. Unser relativ grobes Entwicklungsmodell und unsere technische Rückständigkeit haben zu schwerer Umweltverschmutzung geführt und ökologischen Schaden angerichtet.

SPIEGEL: Und dieses "grobe" Entwicklungsmodell stellt China jetzt um?

Xie: Es gibt immer noch die Vorstellung, zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und dem Schutz der Umwelt bestehe ein Widerspruch. Nach all den Jahren haben wir aber erkannt, dass diese beiden Ziele sehr wohl vereinbar sind. Präsident Xi Jinping sagt: Beim Umgang mit dem Klimawandel geht es nicht darum, was andere von uns wollen, sondern um das, was wir selbst wollen. Der Klimaschutz ist aber nicht nur unsere innere Angelegenheit, sondern auch unsere Verantwortung als großes Entwicklungsland für die Menschheit. Dass Xi Jinping das so sieht, hat uns eine klare Ausrichtung gegeben.

SPIEGEL: Was haben Sie konkret erreicht?

Xie: Unsere Wirtschaft ist allein in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent gewachsen. Trotzdem ist es uns gelungen, unsere Ressourcen besser zu nutzen, Energie zu sparen und unseren Energiemix umzustellen. China hat in den vergangenen 20 Jahren 58 Prozent zur globalen Energie-Ersparnis beigetragen, und wir sind Weltspitze bei den erneuerbaren Energien, wir stellen inzwischen ein Drittel der globalen Kapazität.

SPIEGEL: Treten Sie in Verhandlungen heute anders auf als früher?

Xie: Ich führe Chinas Delegation jetzt zum elften Mal an. Früher waren wir eher passiv, heute sind wir aktiv. Früher haben wir oft nur zugehört, was andere für Ideen haben, heute machen wir selbst mehr Vorschläge.

SPIEGEL: Begegnen Ihnen Ihre Kollegen als chinesischem Verhandlungsführer heute anders als früher?

Xie: Meine Kolleginnen und Kollegen waren immer höflich zu mir. Aber wenn heute ein neues Problem auftaucht, wollen sie wissen: Was denkst du darüber? Dieser Unterschied zu früher ist sehr offensichtlich. Ich kriege inzwischen fast jede Woche Besuch von ausländischen Gästen, Ministern, Verhandlern, Vertretern internationaler Organisationen.

Die Hintergründe der Erderwärmung

SPIEGEL: Mit Todd Stern, dem US-Chefverhandler unter Präsident Obama, hatten Sie auch persönlich ein gutes Verhältnis. Stimmt es, dass dieser gute Draht das Pariser Abkommen erst möglich gemacht hat?

Xie: Dafür waren vor allem die Präsidenten unserer beiden Länder wichtig. Die haben sehr viel zum Konsens von Paris beigetragen. Aber es stimmt, Todd Stern und ich waren zugleich Gegenspieler und sind doch sehr gute Freunde geworden. Wir haben die Interessen unserer beiden Nationen abgesichert und verfolgten doch das gleiche globale Ziel. Wir hatten viele Meinungsverschiedenheiten, suchten aber immer eine Übereinkunft.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die USA nach ihrem Rückzug aus dem Pariser Abkommen wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren? Vielleicht nach der Präsidentschaft von Donald Trump?

Xie: Das Pariser Abkommen ist ein Meilenstein, es spiegelt Weltgeschichte wider, und es weist uns den richtigen Weg. Auf diesen richtigen Weg werden am Ende alle einschwenken. Die USA sind ein sehr wichtiges Mitglied der Klimarunde. Sie mögen einen Umweg nehmen, aber die USA werden zurückkommen, weil es wichtig ist, die Verantwortung für die ganze Welt zu übernehmen.

SPIEGEL: Wird das Ausscheiden der USA China und Europa näher zusammenführen?

Xie: Wir haben immer eng mit Europa zusammengearbeitet, im Frühjahr erst war Klimakommissar Miguel Arias Cañete in Peking. Aber auch mit den USA hatten wir uns vor der Konferenz in Paris auf drei gemeinsame Erklärungen zum Klimaschutz geeinigt - und wir halten den Kontakt auch nach ihrem Rückzug aufrecht. Mit Europa stehen wir in noch engerer Verbindung.

SPIEGEL: Bislang betrachtet sich China in den Klimaverhandlungen als Entwicklungsland und nimmt in Anspruch, nicht so streng beurteilt zu werden wie die Industriestaaten. Wie lange wollen Sie diesen Anspruch noch aufrechterhalten?

Xie: Unser Bruttoinlandsprodukt beträgt heute etwa 8000 Dollar pro Kopf. Die OECD-Staaten liegen im Schnitt bei 33.000 Dollar. An die 400 Millionen Menschen haben in China die Armut überwunden, aber mehrere Dutzend Millionen sind immer noch arm. Also ist China nach wie vor ein Entwicklungsland. Bis 2020 aber wollen wir die Armut besiegen, bis 2035 die Modernisierung abschließen. Was den Klimawandel angeht, haben wir versprochen, dass unser CO2-Ausstoß vor 2030 seinen Höhepunkt überschreitet, sich stabilisiert und dann sinkt. Wir arbeiten hart daran, dass wir dieses Ziel schon früher erreichen.

SPIEGEL: Das nächste große Land, das sich auf diesen Weg machen wird, ist Indien. Wie lange wird es dauern, bis Neu-Delhi gute Luft hat?

Xie: Ich bin jedes Jahr zu Beratungen in Delhi. Es verändert sich jedes Jahr, es wird besser. Doch Indien hat einen noch größeren Anteil an armen Menschen. Und 100 Millionen Menschen leben in der Dunkelheit, haben keinen elektrischen Strom. Auch China ist durch diese Phase gegangen und hat Verständnis. Das Chinesische hat einen Ausdruck für diese Empfindung: Gan tong shen shou - wir spüren, was ihr durchmacht.

Video: Superstau bei Kohlelieferung in Richtung China

REUTERS
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melnibone 15.11.2017
1. China hustet.
Das Riesenland hat nicht nur in seinen Megastädten Probleme. Auch in diversen Provinzen ... siehe Kohleabbau, siehe Kohlebrände, siehe Industriewachstum/Industriestandorte ohne ´echte´ Umweltstandards. Man sollte Chinas Ankündigungen zwar nicht eins zu eins ... registrieren. Aber dieses Land scheint sich mehr als andere Nationen zu bewegen ... auch aus den bekannten Gründen. Die Bewegen sich.
hausfeen 15.11.2017
2. Vorallem möchte Herr Xie Klimaschutzprodukte verkaufen.
Deswegen sitzt er am Tisch. Und Trump ist so dumm, das Geschäft der Zukunft zu verpassen und in der Erde zu buddeln. Wie hier übrigens die CSU und FDP auch.
Darwins Affe 15.11.2017
3. Andere Prioritäten
China hat andere Prioritäten. Es geht um die politische, wirtschaftliche und militärische Weltherrschaft. Das Klima spielt dort nur eine Rolle, solange die Leute im Smog mit Mundtüchern herumlaufen müssen. Wie schon Mao demonstrierte: Wenn hundert Millionen ins Gras beissen, ist`s der KPCh ein Schulterzucken wert. Es bleiben ja noch einige ( 1,2 Milliarden) übrig.
jupiter_jones 15.11.2017
4. Elektro Fortbewegung
War vor ein paar wochen wieder in china. Ich merke jedes jahr, dass es in den metropolen leiser wird. Das liegt an der steigenden anzahl an e-scootern. Mittlerweile sind otto motor betriebenen nur noch in ausnahmefaellen erlaubt. Es bewegt sich also was in china.
label.michael 15.11.2017
5. An die eigene Nase fassen
Der CO2 Emission pro Kopf ist hier in Deutschland sehr viel höher als in China. Was soll es dann mit dem Finger auf andere zu zeigen? So zu tun als währe hier alles in Butter ist doch wohl nur Selbstbetrug.
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