Uno-Klimakonferenz Drama Sekunden vor dem Hammerschlag

Die Klimakonferenz in Warschau ist kurz vor dem Abschluss noch einmal ins Stocken geraten. Der Erfolg des Gipfels hängt nun an einem einzigen Wort - doch das ist für die Entwicklungsländer von zentraler Bedeutung.

Delegierte in Warschau: Stress bis zum Schluss
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Delegierte in Warschau: Stress bis zum Schluss

Aus Warschau berichtet


Es sah schon so aus, als sollten die internationalen Klimaverhandlungen zu Ende gehen, einen Tag nach dem geplanten Abschluss. In allen wichtigen Punkten hatten sich die Delegierten nach zähen Verhandlungen endlich geeinigt, so schien es jedenfalls. Doch dann zogen die Entwicklungsländer im letzten Moment die Handbremse: Gerade als der polnische Konferenzpräsident Marcin Korolec die Entscheidung für gefallen erklärte und den Hammer auf sein Pult senken wollte, ergriff der Vertreter der Fidschi-Inseln das Wort im Namen der Entwicklungsländer (G77).

Er erklärte, dass es doch keinen Konsens gebe. Ein einziges Wort störte. Es stand für einen zentralen Punkt: den Hilfen für arme Länder, die von Wetterkatastrophen heimgesucht werden - und durch den Klimawandel künftig womöglich noch öfter als bisher. Die Debatte über die Schäden und Verluste, im Uno-Jargon "Loss and Damage", hatte sich zuvor bereits als umstrittenster Punkt der Verhandlungen herauskristallisiert.

Die Industriestaaten, allen voran die USA, hatten eine rote Linie gezogen: "Loss and Damage" wird nicht in einer komplett neuen Infrastruktur unter Uno-Ägide behandelt, sondern im Rahmen bereits beschlossener Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Zuletzt hieß es aus Delegiertenkreisen, dass den Entwicklungsländern die Pistole auf die Brust gesetzt worden sei: "Take it or leave it" - entweder ihr nehmt dieses Angebot an, oder es wird überhaupt keine Einigung zu "Loss and Damage" geben.

Doch die Entwicklungsländer spielten überraschenderweise nicht mit. Vertreter gleich mehrerer dieser Staaten schritten nun im Plenum ein: Man sei genau ein Wort von einer Einigung entfernt. Das Wort lautet "unter" und bezieht sich auf den zentralen Satz, nämlich dass "Loss and Damage" unter den Anpassungsmaßnahmen abgehandelt werden sollte. Die Sitzung wurde für 15 Minuten unterbrochen, um doch noch einen Kompromiss zu finden. Beobachter gingen davon aus, dass eine Einigung nur noch von der Zustimmung der USA abhängt.

"Dieses Abkommen wird nicht ambitioniert sein"

In anderen Punkten gab es zuvor Einigungen. Die vielleicht wichtigste: Die starre Trennung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern fällt weg. Bei der Uno-Konferenz im polnischen Warschau haben sich die Staaten darauf geeinigt, dass ein künftiges Klimaschutzabkommen "für alle Parteien" gelten werde. In den zähen Verhandlungen in Warschau hatten sich große Länder wie China und Indien, die bisher offiziell zu den Entwicklungsländern gehörten, gegen die Neuordnung gewehrt. Der Grund: Bisher waren diese Staaten von verbindlichen Klimaschutzzielen ausgenommen.

Im Gegenzug wurden allerdings die Ambitionen für den neuen internationalen Klimavertrag, der 2015 in Paris verabschiedet werden soll, heruntergeschraubt: Während in früheren Entwürfen noch von "Verpflichtungen" die Rede war, sind diese nun durch "Beiträge" ersetzt worden. "Damit ist formal der Weg zu einem neuen Abkommen im Jahr 2015 geebnet", kommentierte Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch. "Aber dieses Abkommen wird wahrscheinlich nicht besonders ambitioniert ausfallen."

Offen ist zudem, wie die neue Weltordnung in Sachen Klimaschutz aussehen wird. Die beiden alten Blöcke gibt es nicht mehr. Doch wodurch sie ersetzt werden, weiß niemand. Sicher ist nur, dass arme Entwicklungsländer nicht die gleichen Aufgaben erfüllen müssen wie reiche Industriestaaten - und dass Länder wie China und Indien stärker in die Verantwortung genommen werden dürften.

Historische Emissionen: China überholt EU im Jahr 2025

Große Schwellenländer wie China und Indien hatten es bisher abgelehnt, sich auf verbindliche Ziele zur Senkung ihres Treibhausgas-Ausstoßes festzulegen. Ihr Argument: Da der Westen für den bisherigen Klimawandel verantwortlich sei, müsse er auch beim Klimaschutz vorangehen. "Die Aufteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sollte bestehen bleiben", sagte Chinas Delegierter Su Wie noch kurz vor dem Kompromiss.

Es war der letzte Versuch, die alte Aufteilung in die Zukunft zu retten. Denn China führt die Liste der größten CO2-Emittenten längst mit großem Abstand vor den USA an; auf Rang drei folgt bereits Indien. Beim Pro-Kopf-Ausstoß, der als ein Indikator für individuellen Wohlstand gilt, hat China inzwischen mit der EU gleichgezogen.

Selbst der Hinweis auf die historischen Emissionen und die daraus erwachsende Verantwortung des Westens wird bald nicht mehr ziehen: Nach neuesten Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sind die 27 EU-Staaten für 17 Prozent der Emissionen seit dem Jahr 1850 verantwortlich - und China bereits für elf Prozent. Um das Jahr 2025, so eine grobe Schätzung, wird Chinas Anteil an der Summe aller bis dahin aufgelaufenen CO2-Emissionen den der EU übersteigen.

Mitarbeit: Axel Bojanowski

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
syracusa 23.11.2013
1.
Ich verstehe nicht, warum die UNO sich immer auf die Emissionen einzelner Nationen bezieht und diese vergleicht. Das ist ziemlich sinnfrei. Der einzig vertretbare Maßstab ist der Bezug auf den einzelnen Bürger, also die CO2-Last je Kopf.
cato. 23.11.2013
2. ...
Zitat von sysopREUTERSDie Klimakonferenz in Warschau ist kurz vor dem Abschluss noch einmal ins Stocken geraten. Der Erfolg des Gipfels hängt nun an einem einzigen Wort - doch das ist für die Entwicklungsländer von zentraler Bedeutung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/uno-klimakonferenz-in-warschau-drama-sekunden-vor-dem-hammerschlag-a-935263.html
Tja dann gibt es eben kein Abkommen ... so what. Ums Klima geht es dabei ohnehin nicht, um die Umwelt schon gar nicht und das Schlimmste was für die Industrienationen dabei rauskommt sind weniger Verpflichtungen, für die es ohnehin keine Grundlage gab und gibt. Denn es gibt keinen Anspruch auf ein bestimmtes Klima.
braamsery 23.11.2013
3. Überraschung?
Die kleinen ärgern die großen, find ich nicht sonderlich überraschend. Irgendwann musste es schließlich so kommen. - Was mich aber überrascht hat war folgender Satz "Um das Jahr 2025, so eine grobe Schätzung, wird Chinas Anteil an der Summe aller bis dahin aufgelaufenen CO2-Emissionen den der EU übersteigen." - China hat über 2 1/2 mal so viele Einwohner wie die EU. Da ist eine überholte CO2 Bilanz kaum überraschend wie ich finde.
atech 23.11.2013
4. irrwitzige Forderung
Zitat von sysopREUTERSDie Klimakonferenz in Warschau ist kurz vor dem Abschluss noch einmal ins Stocken geraten. Der Erfolg des Gipfels hängt nun an einem einzigen Wort - doch das ist für die Entwicklungsländer von zentraler Bedeutung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/uno-klimakonferenz-in-warschau-drama-sekunden-vor-dem-hammerschlag-a-935263.html
die Forderung der Entwicklungsländer, dass die Industrienationen sich auf Schadensersatz für künftige Naturkatastrophen verpflichten sollen, ist eine geradezu aberwitzige Forderung. Unter dem Klimawandel leiden wir alle. Es wird künftig garantiert noch mahr Naturkatastrophen wie Dauerregen, gefolgt von Überschwemmungen, Wirbelstürmen, usw., geben. Sicher muss da etwas getan werden. Aber mit erzwungenen Geldzahlungen, die in den Entwicklungsländern auch nicht immer dort ankommen, wo sie gebraucht werden, ist auch niemandem geholfen. Weltweit müssen Vorsorgemaßnahmen getroffen werden, höhere Deiche gebaut werden, Menschen, die zu nah am Wasser wohnen, umgesiedelt werden. Hier könnte man helfen. Mit Know-how und Geld. Freiwillig. Aber ansonsten brauchen die Industrienationen ihre Steuergelder, um ihre eigenen Probleme zu lösen. Die Bürger spenden auch gerne, wenn andere Menschen wieder einmal eine unverschuldete Katastrophe trifft. Aber ausbeuten lassen wir uns auch nicht gerne.
klfm01 23.11.2013
5.
Ich glaube nicht, daß ein Zwergstaat wie Fidschi, mit gerade mal 800.000 Einwohnern und ohne Industrie, beurteilen kann, was für große Industrienationen gut und zumutbar ist. Nebenbei bemerkt spricht es sich auch immer mehr herum, daß es den behaupteten Klimawandel in dieser Form gar nicht gibt.
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