Konferenz in Nairobi Die Welt versinkt im Plastik - und die Uno schaut zu

Europa kann Wattestäbchen, Wegwerfgabeln oder Tüten verbieten. Doch die Hauptursache für das globale Problem mit dem Kunststoff liegt woanders. Welche Staaten die Meere vermüllen.
Schildkröte schwimmt zwischen Plastiktüten (Symbolbild)

Schildkröte schwimmt zwischen Plastiktüten (Symbolbild)

Foto: Getty Images/iStockphoto

Auch nach 50 Jahren sieht die Plastikflasche aus wie neu. "Mild und sanft, besonders zu Ihren Händen", steht auf der leicht verbeulten Packung, die Umweltschützer vor ein paar Monaten an einem Strand im englischen Somerset gefunden haben. Eine Flasche an einem Strand, das macht nichts, oder? Doch, denn die Flasche aus Somerset verdeutlicht gleich zwei globale Probleme: Plastik verrottet nur langsam und landet zu oft in der Umwelt, besonders in den Meeren und Ozeanen.

Im kenianischen Nairobi haben Staaten aus aller Welt eine Woche lang darüber beraten, wie die Menschheit das Plastikproblem in den Griff bekommen kann. Herausgekommen ist bei der vierten Uno Environment Assembly: wenig. Umweltstaatsekretär Jochen Flasbarth hatte bereits vor Ende der Verhandlungen die Erwartungen gebremst. "Dass wir jetzt schon eine Konvention oder auch nur den Einstieg in Verhandlungen bekommen, das wird hier nicht gelingen", sagte er im ZDF-Morgenmagazin.

Ob das reichen wird? Plastik hat sich mittlerweile auf der gesamten Erde breitgemacht, in der Arktis, im 11.000 Meter tiefen Marianengraben, selbst im menschlichen Blut finden sich Bestandteile von Kunststoffen. Plastik füllt die Mägen von Seevögeln, Delfinen, Walen. Eine PET-Flasche braucht etwa 450 Jahre, um zu verrotten. Ganz genau lässt sich das jedoch nicht vorhersagen, denn es gibt noch keine Plastikflasche, die so alt wäre. Der Kunststoff ist eine relativ neue Erfindung. Im großen Stil wird er erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs genutzt.

Eine Übersicht der Onlineplattform "Ourworldindata" zeigt, wie die Produktion von Plastik in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Allein im Jahr 2015 wurden weltweit 381 Millionen Tonnen Plastik produziert, fast 50 Mal so viel wie vor 60 Jahren. Vier bis 13 Millionen Tonnen davon gelangen jährlich in die Meere - je nach Schätzung. Der Rest landet auf Deponien oder wird verbrannt. Nur neun Prozent des bisher produzierten Kunststoffabfalls wurde recycelt, schätzt die Uno. Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben inzwischen in fünf riesigen Strudeln durch die Meere.

Wer trägt die Schuld daran, dass die Ozeane vermüllen?

Ein Großteil des Plastikmülls in den Ozeanen stammt aus Flüssen. Forscher der Ocean Cleanup Foundation haben in einer "Nature"-Studie  hochgerechnet, welche Flüsse im Jahr 2015 die Weltmeere besonders verschmutzt haben.

Mit Abstand am meisten Plastikmüll hat demnach der Jangtse - der längste Fluss Chinas - in die Ozeane gespült, schätzungsweise 333.000 Tonnen. Auf dem zweiten Rang folgt der Ganges mit etwa 115.000 Tonnen. Laut Schätzungen stammen 86 Prozent des Plastiks, das über Flüsse in die Ozeane gelangt, aus Asien - vor allem aus China. Zum Vergleich: Flüsse in Afrika trugen knapp acht Prozent zur Verschmutzung der Weltmeere mit Kunststoff bei, europäische 0,28 Prozent.

Dass Europa scheinbar wenig zur Plastik-Verschmutzung der Weltmeere beiträgt, liegt an der im internationalen Vergleich hoch entwickelten Abfallwirtschaft. Selbst der geringe Teil des Mülls, der nicht verbrannt oder recycelt wird, landet nicht in der Natur, sondern in streng kontrollierten Deponien. In Entwicklungs- und Schwellenländern sieht das ganz anders aus. Meist gibt es auch dort eine Art offizielle Müllabfuhr und Bereiche, wo der Abfall gesammelt wird. Doch häufig werden die Deponien kaum kontrolliert und nicht von der sie umgebenden Natur abgeschirmt. Dadurch steigt das Risiko, dass der Abfall unbeabsichtigt in Flüsse und dadurch ins Meer gelangt.

Im Video: Die Müllkippen der Meere

SPIEGEL ONLINE

Eine Weltkarte der Onlineplattform "Our world in data"  prognostiziert, wie hoch der Anteil eines Landes am globalen Missmanagement in der Abfallwirtschaft im Jahr 2025 sein wird. Missmanagement beschreibt in diesem Fall das Risiko, dass Kunststoffabfall unkontrolliert in die Weltmeere gelangt. Etwa, weil er weggeworfen wird oder in offenen Deponien landet. Berücksichtigt wurde vor allem Müll, der voraussichtlich in Regionen anfallen wird, die maximal 50 Kilometer von der Küste entfernt liegen. Demnach werden allein auf China 25 Prozent des globalen Missmanagements bei Plastikmüll entfallen.

Es gibt für die Industriestaaten jedoch keinen Grund mahnend auf Asien zu blicken und sich selbst zurückzulehnen. China war jahrelang die Müllkippe der Welt und importierte Kunststoffabfälle aus aller Welt, um daraus neue Rohstoffe zu gewinnen. Gerade Deutschland nutzte das Angebot gern und verschiffte gut zehn Prozent seines Plastikmülls ins Reich der Mitte.

Doch oft hatte der Müll nicht die versprochene Qualität - Recycling war unmöglich. China zog deshalb die Reißleine und hat 2018 den Import von Plastikmüll verboten. Seitdem exportiert Deutschland vermehrt in andere asiatische Länder oder muss mehr Plastikmüll verbrennen. Ohnehin steht es um das Recyclingsystem in Deutschland nicht zum Besten, obwohl kaum ein Land so emsig seinen Müll trennt. Laut Schätzungen werden hierzulande nur fünf bis sechs Prozent des Abfalls wiederverwertet. (Mehr dazu lesen Sie hier). Gleichzeitig fällt nirgendwo in der EU mehr Verpackungsmüll an als in Deutschland. Allein 2016 verbrauchte jeder Mensch in Deutschland im Schnitt 220 Kilogramm an Verpackungen.

Die Daten zeigen: Das Plastikproblem kann nur global gelöst werden. Plastikgabeln und Ohrstäbchen zu verbieten, reicht nicht. Umso bedauerlicher ist es, dass der Gipfel in Nairobi vor allem Absichtserklärungen eingebracht hat und keine verbindlichen Verpflichtungen.

Zusammengefasst: Die Uno-Umweltkonferenz im kenianischen Nairobi geht ohne eine verbindliche Einigung zur Bekämpfung von Plastikmüll zu Ende. Nicht einmal auf die Aufnahme von Verhandlungen konnte sich die Staatengemeinschaft einigen. Dabei kann das Kunststoffproblem nur global gelöst werden. Daten zeigen: Ein Großteil des Plastikmülls in den Weltmeeren stammt aus Asien, vor allem China. Häufig gibt es dort kein effizientes Abfallmanagement. Dadurch gelangen jedes Jahr laut Schätzungen Millionen Tonnen an Kunststoff in die Weltmeere. Industriestaaten verschärfen das Problem noch, indem sie Plastikmüll dorthin exportieren.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Plastik habe sich im 11.000 Kilometer tiefen Marianengraben breitgemacht. Richtig sind 11.000 Meter. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.