Uno-Prognose 50:50-Chance für mehr als 1,5 Grad Erderwärmung bis 2026

Die Vereinten Nationen sind alarmiert: Die wichtige Temperaturschwelle von mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau könnte bald gerissen werden. Doch wie dramatisch ist das konkret?
Lagune von Aculeo in Chile: Das Land erlebte zuletzt die schlimmste Dürre seiner Geschichte

Lagune von Aculeo in Chile: Das Land erlebte zuletzt die schlimmste Dürre seiner Geschichte

Foto: Matias Basualdo / dpa

Etwa 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau der Jahre 1850 bis 1900: Bislang hält das Jahr 2016 den Rekord für die höchste weltweit registrierte Durchschnittstemperatur. Doch das dürfte sich einer neuen Prognose zufolge bald ändern. Die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf berichtet, dass die globale Durchschnittstemperatur eines einzelnen Jahres zwischen 2022 und 2026 erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen könnte.

Im Jahr 2015 galt es noch als praktisch ausgeschlossen, dass die Marke von 1,5 Grad innerhalb von fünf Jahren erreicht wird. In dem Jahr einigte sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen, die dauerhafte Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad und möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Wie schwer insbesondere das zweite Ziel noch zu erreichen ist, zeigt die neue Vorhersage .

Denn nun heißt es bei der WMO: Die Wahrscheinlichkeit, dass im Fünf-Jahres-Zeitraum 2022 bis 2026 mindestens ein Jahr ein Temperaturplus von mehr als 1,5 Grad erreicht, liegt bei fast 50 Prozent. Das heißt aber nicht, und das ist wichtig, dass die 1,5-Grad-Marke in diesem Fall auch dauerhaft überschritten wird – in den Folgejahren könne der Wert auch wieder niedriger liegen, erklärte die WMO.

»Die Zahl von 1,5 °C ist keine zufällige Statistik. Sie ist vielmehr ein Indikator für den Punkt, an dem die Klimaauswirkungen für die Menschen und den gesamten Planeten zunehmend schädlich werden«, so  WMO-Generalsekretär Petteri Taalas.

Das Pariser Klimaabkommen soll die Erderwärmung langfristig begrenzen. Und das wäre unter großen Anstrengungen durchaus machbar. Dem WMO-Bericht zufolge gibt es derzeit nur eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent, dass der Fünfjahresdurchschnitt der Erderwärmung schon die Schwelle von 1,5 Grad überschreitet.

Das Problem: Im Schnitt rechnen Experten für die kommenden Jahre mit weiter steigenden Temperaturen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Rekord von 2016 innerhalb der nächsten fünf Jahre gebrochen wird, liege bei 93 Prozent, so die WMO. Genauso wahrscheinlich sei es, dass die durchschnittliche Temperatur über den Fünf-Jahres-Zeitraum 2022 bis 2026 höher liege als in den fünf Jahren davor. Die Berechnungen hat das britische Met Office für die Vereinten Nationen vorgenommen.

Die Meldung aus Genf kommt zur Halbzeit zwischen der vergangenen Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow und der nächsten Konferenz COP27 in Ägypten. Im November werden dazu im Badeort Scharm al-Scheich rund 30 000 Teilnehmer erwartet, darunter 120 Staats- und Regierungschefs. Beobachter ziehen zur COP-Halbzeit eine ernüchternde Bilanz beim Klimaschutz, auch wegen des Kriegs in der Ukraine.

»Solange wir weiterhin Treibhausgase ausstoßen, werden die Temperaturen weiter ansteigen«

Im vergangenen Jahr lag die globale Durchschnittstemperatur nach dem vorläufigen Klimabericht der WMO 1,1 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Den endgültigen Wert veröffentlicht die WMO am 18. Mai. Die britischen Meteorologen gehen davon aus, dass die Durchschnittstemperatur in diesem und den kommenden vier Jahren zwischen 1,1 und 1,7 Grad über vorindustriellem Niveau liegen wird.

Indien und Pakistan hatten zuletzt mit einer schweren Hitzewelle  zu kämpfen. Für dieses Jahr rechnen die Meteorologen damit, dass es in Südwesteuropa und im Südwesten Nordamerikas trockener ist als im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. In Nordeuropa, der Sahel-Zone, Nordostbrasilien und Australien dürfte es dagegen feuchter werden.

»Solange wir weiterhin Treibhausgase ausstoßen, werden die Temperaturen weiter ansteigen«, so WMO-Chef Taalas. »Gleichzeitig werden sich unsere Ozeane weiter erwärmen und versauern, Meereis und Gletscher werden weiter schmelzen, der Meeresspiegel wird weiter steigen und unser Wetter wird extremer werden.«

chs/dpa