Uno-Umweltchef Steiner "Verhandlungen bis 2020 kann sich die Menschheit nicht leisten"

Verhandlungen statt Entscheidungen: Bis 2020 soll die Weltgemeinschaft über neue Klimaziele feilschen, diese Richtung zeichnet sich beim Gipfel in Durban ab. "Unverantwortlich", nennt das der Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Achim Steiner, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.
Unep-Chef Steiner (im Mai 2009): "Das gefährdet den Klimaschutz"

Unep-Chef Steiner (im Mai 2009): "Das gefährdet den Klimaschutz"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Bei den Klimaverhandlungen in Durban wird nun das Jahr 2020 als neues Zieldatum für einen verbindlichen Weltklimavertrag genannt. Was halten Sie davon?

Steiner: Wenn die Menschheit die Erderwärmung einigermaßen begrenzen will, dann können wir es uns nicht leisten, nun acht Jahre lang zu verhandeln. Der Weltklimarat IPCC legt glasklar dar, dass die globalen CO2-Emissionen schon vor dem Jahr 2020 sinken müssen. Und die Internationale Energie-Agentur warnt, dass bis 2020 die wichtigsten Entscheidungen über die Energieversorgung der Zukunft schon gefallen sind. Jetzt alles bis 2020 auf die lange Bank zu schieben, wäre also unverantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark müssen die globalen Emissionen von Treibhausgasen bis 2020 sinken?

Steiner: Wir sind heute auf einem Niveau von rund 50 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr und auf dem Weg dazu, bis 2020 auf 56 Milliarden Tonnen zu kommen. Bis dahin muss diese Menge aber auf 44 Milliarden Tonnen gesunken sein, wenn eine Chance bestehen soll, dass sich die Atmosphäre nicht über die gefährliche Schwelle von zwei Grad Celsius im Durchschnitt erwärmt. Um das zu erreichen, muss sofort gehandelt werden, nicht erst 2020.

SPIEGEL ONLINE: Könnten angesichts der verfahrenen Verhandlungen ein paar Jahre des Nachdenkens nicht nützlich sein?

Steiner: Wenn man jetzt den Druck aus dem Verhandlungsprozess nimmt, dann wird zum Beispiel der Preis für CO2-Emissionen überall sinken, wo Abgas-Verursacher Zertifikate erwerben müssen. Wenn der Preis für Emissionen im Keller ist, dann lohnen sich viele Investitionen in erneuerbare Energien nicht mehr. Zu langes Abwarten gefährdet nicht nur den Klimaschutz, sondern auch die Fähigkeit der Wirtschaft, zu handeln.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es ökonomisch nicht sinnvoller, zu warten, bis neue Technologien verfügbar sind?

Steiner: Nein, es wird im Gegenteil immer teurer, den Klimawandel zu begrenzen, je länger man wartet. Wenn in den kommenden Jahren neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen, die dann wieder abgeschaltet werden müssen, kann dies sehr kostspielig werden.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste also geschehen?

Steiner: Was nicht geschehen darf, ist, dass nun bis 2020 nur weiter verhandelt wird. Doch auch wenn ein Weltklimavertrag bis 2020 bereits in Kraft tritt, könnte es für die nötigen Veränderungen bereits zu spät sein. Es braucht in Durban auf jeden Fall einen verlässlichen Plan, wie die Emissionen in den kommenden Jahren wieder zu sinken beginnen. Der beste Anreiz dafür bleibt ein Weltklimavertrag.

SPIEGEL ONLINE: China hat angekündigt, dass das Land bis 2020 Teil eines Weltklimavertrags werden könnten. Ist das ein wichtiger Umschwung?

Steiner: China signalisiert damit eine wichtige Richtungsänderung. Das gilt umso mehr, als wichtige Industrieländer wie Kanada und Japan sich vom einzigen verbindlichen Vertrag, dem Kyoto-Protokoll, verabschieden. Ich denke, dass hinter der chinesischen Ankündigung mehr steckt als Verhandlungstaktik. Entscheidend wird aber sein, was das in den kommenden Jahren praktisch bedeutet und ob es China dauerhaft gelingt, das Wirtschaftswachstum von den CO2-Emissionen zu entkoppeln.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte aus Ihrer Sicht die EU jetzt in Durban tun?

Steiner: Die EU kann hier als Vorreiter auftreten und sich überzeugter zeigen, dass man mit der Green Economy den Wohlstand von morgen generieren kann. Jetzt eine ambitionierte Zielmarke für einen Weltklimavertrag weit vor 2020 zu fordern, wäre der richtige Schritt.

Das Interview führte Christian Schwägerl