Unterwasser-Archäologie PC-Tauchgang zu geheimnisvollen Schiffswracks

Zeitzeugen auf dem Meeresgrund: Oft warten Schiffwracks Jahrhunderte darauf, ihre Geheimnisse preis zu geben. Ihre Erkundung bleibt jedoch meist Spezialisten vorbehalten. Das dürfte sich bald ändern: Eine Gratis-Software soll jedem die Chance zum Trip in die Tiefe geben.


Langsam gleitet der Tauchroboter aus dem Transportschiff ins Meer. Die Wasseroberfläche glitzert im Sonnenlicht. Der Tiefenmesser beginnt zu zählen - einen Meter, zwei Meter, drei Meter, bis schließlich bei 36 Metern der Meeresboden erreicht ist. Der Tauchort: Ein Gebiet vor der kleinen Insel Pianosa westlich vor Italien, zwischen toskanischer Küste und der Insel Elba gelegen.

Der Roboter gleitet über den Meeresboden. Im Kegellicht der beiden Scheinwerfer sind Steine zu sehen, Steine und Sand, sonst nichts. Plötzlich eine Unebenheit - irgendetwas liegt im Sand. Beim Herangleiten sieht man: Es sind Amphoren. Viele Amphoren, überall verstreut. Der Roboter gleitet über sie hinweg. Langsam formieren sich in der Dunkelheit hinter dem Amphorenfeld Umrisse. Ein Wrack, Reste eines römischen Schiffs, das seit fast 2000 Jahren hier unten liegt. Entdeckt wurde es im Jahr 1989.

Normalerweise bekommen solche Szenen nur Unterwasser-Archäologen zu sehen. Und das meist auch nur an ihrem Monitor, der an die Kamera des Tauchroboters gekoppelt ist. Doch diesmal handelt es sich nicht um einen echten Tauchgang, sondern um eine Computersimulation (siehe Video), programmiert von Paul Chapman von der britischen University of Hull. Grafisch ist sie auf dem Niveau heutiger Computerspiele.

Die Wracks sollen auch virtuell konserviert werden

Inzwischen nutzen auch Archäologen moderne Computertechnik und virtuelle Realität. So haben Forscher etwa mit Hilfe der 3D-Engine des Egoshooters "Far Cry" die versunkene Landbrücke zwischen England und dem europäischen Festland rekonstruiert. Von Schiffswracks würden Archäologen normalerweise Handzeichnungen, Fotos und Videoaufnahmen anfertigen. Chapmans Simulation aber soll Untersuchungen von Wracks in aller Welt auch dann ermöglichen, wenn die Archäologen gar nicht selbst vor Ort sind - und die Erforschung, bislang weitesgehend nur anhand von Fotos möglich, optimieren.

Hintergrund der Aktion ist das europäische Projekt "Venus" (Virtual Exploration of Underwater Sites). In seinem Rahmen sollen die Wracks nicht nur zur wissenschaftlichen Analyse digitalisiert, sondern auch virtuell konserviert werden. "Dunkelheit, niedrige Temperaturen und geringe Sauerstoffkonzentrationen sind gute Bedingungen für die Erhaltung der Schiffswracks", erklärt Chapman. "Leider aber sind die Wracks durch Fischernetze bedroht."

Um ein Wrack im Rechner zu simulieren, braucht man jede Menge Daten. Die stammen aus Sonaranalysen, die von dem Schiff von der Wasseroberfläche aus gemacht werden. Kombiniert mit Unterwasserfotos kann man dann aus ihnen eine realistische dreidimensionale Simulation basteln.

2,2 Millionen Euro lässt die EU sich das Projekt kosten. Elf Partner-Institute arbeiten daran. In den vergangenen drei Jahren haben die "Venus"-Leute zwei Wracks digital rekonstruiert: neben dem römischen Schiff vor Pianosa noch ein portugiesisches in 55 Metern Tiefe vor der Südwestküste Portugals. Es könnte Mitte des 18. Jahrhunderts oder sogar noch früher dort gesunken sein. In Zukunft werden noch mehr Wracks hinzukommen. Das nächste, das im "Venus"-Projekt digitalisiert werden soll, wird wieder ein römisches Schiff sein. Es liegt vor Marseille.

Schon sehr bald kann jeder zum Unterwasser-Archäologen werden und auf Tauchfahrt zu den antiken Schiffen gehen - am heimischen PC. Denn Chapman will die Simulations-Software veröffentlichen, und das kostenlos. "Die Software wird Anfang Dezember auf www.venus-project.eu und www.marinevis.com zum Download verfügbar sein", sagte Chapman SPIEGEL ONLINE.

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