Untreue Vögel Schlechte Sänger provozieren Seitensprünge

Wenn männliche Meisen beim Singen versagen, kann das auf Weibchen einen verheerenden Eindruck machen: Die Partnerinnen werden regelrecht zu einem sexuellen Abenteuer animiert.

Von Alexander Stirn


Seit langem rätseln Biologen darüber, was die wirkliche Qualität eines Vogelmännchens ausmacht: das Durchsetzungsvermögen, das Aussehen oder doch die Sangeskraft? Gleich zwei wissenschaftliche Studien deuten nun darauf hin, dass das Trällern der Vögel weit mehr darstellt als leere Lockrufe.

Zwitschernde Schwarzkopfmeise: Mehr als leere Lockrufe
Daniel Mennill

Zwitschernde Schwarzkopfmeise: Mehr als leere Lockrufe

Denn das Leben an der Spitze ist hart - auch bei den Meisen. Wie kanadische Wissenschaftler herausgefunden haben, reagieren die Weibchen ranghoher Männchen besonders dreist auf das Versagen ihrer Partner: Sie suchen sich einfach einen neuen Vater für ihre Kinder.

Daniel Mennill hat zusammen mit seinem Team von der Queen's University im kanadischen Ontario das Paarungsverhalten der - eigentlich monogamen - Schwarzkopfmeise detailliert untersucht. Dazu spielte er den Meisenpaaren zuvor aufgezeichnete Gesänge vor, die entweder eine aggressive oder unterwürfige Haltung des Konkurrenten ausdrückten.

Wie die Biologen im US-Wissenschaftsmagazin "Science" schreiben, konnten es sich hochgestellte Männchen kaum leisten, gegen ihren Tonbandrivalen zu verlieren. Denn nach einer derartigen Niederlage müssen die einst stolzen Vögel damit rechnen, dass die Zahl der von anderen Vogelmännchen gezeugten Nachkommen im eigenen Nest stark ansteigt.

In der Hierarchie weiter unten angesiedelte Meisenmännchen mussten sich solche Sorgen nicht machen. Nachdem die Tiere mit den Tonbandstimmen konfrontiert worden waren, konnten die Forscher kein übermäßig häufiges Fremdgehen der Partnerinnen ausmachen.

Mennill hat dafür eine einfache Erklärung: Die Gefährtinnen der unterprivilegierten Männchen sind bereits daran gewöhnt, dass ihre Partner im Sangeswettstreit manchmal gewinnen, manchmal aber auch verlieren. Eine Niederlage gegen das Tonband reicht daher nicht aus, um die Einstellung der Weibchen zu ändern. Die Tiere bleiben mehr oder weniger treu.

Auch eine zweite jetzt veröffentlichte Studie stellt eine Relation zwischen Gesang und Paarungsbereitschaft her. Forscher der Johns Hopkins University im US-amerikanischen Baltimore haben herausgefunden, dass die Sangeskünste von männlichen Staren in direktem Zusammenhang mit der Gesundheit des tierischen Immunsystems stehen. Wer gut trällern kann, ist somit der ideale Partner zur Fortpflanzung.

Vogelforscher Mennill: Konfrontation mit dem Tonbandrivalen
Stéphanie Doucet

Vogelforscher Mennill: Konfrontation mit dem Tonbandrivalen

"Wählerische Weibchen fahren gut, wenn sie sich mit Männchen paaren, die ein besonders starkes Immunsystem haben - schließlich erben die Nachfahren meist einen Teil der Widerstandskraft", schreibt Deborah Duffy in der britischen Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society of London".

Die zusammen mit Greg Ball veröffentlichte Studie scheint somit eine Theorie zu bestätigen, die Biologen bereits vor zehn Jahren formuliert haben. Demnach sorgt das Immunsystem dafür, dass männliche Vögel die Partnerinnen nicht über ihre tatsächliche Reproduktionskraft täuschen können. Über die Jahrtausende hinweg hat die Evolution, so die Hypothese, einen Weg gefunden, Schummeln im Sexleben zu unterbinden.

In der Praxis könnte das auf einem einfachen Weg geschehen: Exakt die Hormone, die Männchen zum ideal erscheinenden Partner werden lassen, unterdrücken auch die Funktion des Immunsystems. Damit wäre es für beinahe alle Vögel zu gefährlich, viel Energie - und damit Hormone - in ein tolles Federkleid oder eine attraktive Stimme zu stecken. Einzig die gesündesten Männchen könnten sich diesen Aufwand gesundheitlich leisten.

Genau diesen Zusammenhang haben die US-Forscher nun feststellen können - zumindest in Bezug auf die Sangeskraft. Duffy und Ball haben 16 Stare in einer Voliere beobachtet und dabei Frequenz sowie Dauer der Gesänge notiert. Als sie die Fähigkeiten des jeweiligen Immunsystems testeten, war ein Zusammenhang nicht zu übersehen. Bereits zuvor konnten Wissenschaftler nachweisen, dass die Blutkonzentration des Sexualhormons Testosteron die Sangeskünste von Vögel beeinflussen kann.



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