Unwetter am Wochenende »Welche Orte betroffen sein werden, wissen wir erst 30 bis 90 Minuten vorher«

In Deutschland sind erneut Gewitter und Starkregen angekündigt. Die Lage unterscheidet sich aber deutlich von der Situation vor der jüngsten Katastrophe, sagt ein DWD-Experte. Worauf jetzt zu achten ist.
Ein Interview von Julia Merlot
Unwetter in Essen Anfang Juli 2021: »Mit Blick auf betroffene Orte will ich nichts verharmlosen.«

Unwetter in Essen Anfang Juli 2021: »Mit Blick auf betroffene Orte will ich nichts verharmlosen.«

Foto: Gottfried Czepluch / imago images

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SPIEGEL: Herr Friedrich, steht uns am Wochenende die nächste Katastrophe bevor?

Andreas Friedrich: Es kommen neue Unwetter, ja. Insgesamt haben wir aber eine andere Großwetterlage als bei den Überschwemmungen durch Tief »Bernd«. Da kamen mehrere Tage Starkregen und vor allem Dauerregen mit riesigen Niederschlagsmengen über einem größeren Gebiet zusammen, was dann zum Übertreten von Flüssen und Bächen und den heftigen Überschwemmungen geführt hat. Jetzt am Wochenende erwarten wir zwar auch wieder feuchtwarme Luft und ein Tief, das wird sich im Gegensatz zu »Bernd«  aber nicht über Tage festsetzen, sondern angetrieben von stärkeren Luftströmungen durchziehen.

Zur Person
Foto: Deutscher Wetterdienst

Andreas Friedrich hat Meteorologie studiert und ist Pressesprecher und Tornadobeauftragter beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Friedrich: Wir kriegen typische Sommergewitter. Es wird am Samstag im Südwesten und am Alpenrand kurzzeitig und lokal begrenzt Unwetter geben, die sich abends und in der Nacht zum Sonntag nordostwärts ausbreiten, das heißt auch in Richtung Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Dabei kann es auch zu Hagel, Sturmböen und Starkregen kommen mit mehr als 40 Litern Regen pro Quadratmeter in einer oder zwei Stunden. Die Unwetter treten aber so stark örtlich begrenzt auf, dass es an einem Ort schütten und gewittern wird und im nächsten womöglich schon wieder die Sonne scheint.

»Wir können nur sagen, wie viel Regen vom Himmel kommt.«

SPIEGEL: Nach den jüngsten Erfahrungen klingeln beim Theme Starkregen bei vielen Menschen die Alarmglocken. Zu Recht?

Friedrich: Es gibt keinen Grund zur Panik, man sollte Unwetter aber auch nicht verharmlosen. In Deutschland ist bis weit in die kommende Woche hinein mit feuchtwarmer Luft und entsprechend auch immer wieder mit Schauern und Gewittern zu rechnen. Wir werden die Lage die kommenden Tage weiter genau beobachten und gegebenenfalls kurzfristig warnen.

SPIEGEL: Woran erkennt der Normalverbraucher, ob bei einer Unwetterwarnung Überschwemmungen mit ernsten Folgen drohen?

Friedrich: Das ist schwierig. Letztlich geht es dabei um die Frage, wie sich der erwartete Niederschlag auf die Pegelstände von Flüssen und Bächen auswirkt. Das geht auch über die Zuständigkeit von uns Meteorologen hinaus. Wir können nur sagen, wie viel Regen vom Himmel kommt. Einen groben Hinweis auf die Gesamtlage liefert das aber zumindest.

SPIEGEL: Welchen?

Friedrich: Wenn man sich vor einem Unwetter die Wetterkarten auf der Seite des Deutschen Wetterdienstes (DWD)  oder in der Warnwetterapp anschaut, sieht man wie die lila eingefärbten Gebiete verteilt sind. Das sind die Regionen mit der höchsten Warnstufe, in denen mit Gewittern und sehr viel Niederschlag in kurzer Zeit zu rechnen ist. Auf der Übersicht ist beispielsweise zu erkennen, wenn Unwetter nur örtlich auftreten, also vielleicht in zwei, drei Gemeinden. Dann ist mit keiner größeren Flutkatastrophe durch Flutwellen in Flüssen zu rechnen.

»Es macht einen Unterschied, ob jemand auf einem Hügel ohne Wasserlauf wohnt oder in einem Tal in der Nähe eines kleinen Bachs«

SPIEGEL: In den betroffenen Orten fällt dennoch sehr viel Wasser in kurzer Zeit. Was bedeutet eine Unwetterwarnung für Gemeinden?

Friedrich: Lokal kann es durch starken Regen zu Erdrutschen kommen, auch kleinere Bäche können über die Ufer treten, Keller überflutet werden. Was genau passiert, hängt aber von den konkreten Gegebenheiten vor Ort ab.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Friedrich: Es macht einen Unterschied, ob jemand auf einem Hügel ohne Wasserlauf wohnt oder in einem Tal in der Nähe eines kleinen Bachs, in dem es zu einer Sturzflut oder im Extremfall zu einem Erdrutsch kommen kann. Was immer gilt: Keller sollte man in solchen Extremwettersituationen meiden. Die können durch eine überlastete Kanalisation auch dann volllaufen, wenn kein Fluss oder Bach in der Nähe ist. Für alle weiteren Maßnahmen sollte man auf die örtlichen Hinweise der Katastrophenstäbe achten. Die werden jetzt sicher genau hinschauen.

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SPIEGEL: Welche Rolle spielt es für die aktuelle Gefahreneinschätzung, dass es in Nordrhein-Westfalen zuletzt bereits viel geregnet hat?

Friedrich: Erneut starker Regen würde sich dort schneller negativ auswirken, weil die Böden schon sehr mit Wasser gesättigt sind. Neuer Niederschlag versickert dann schlecht und läuft oberirdisch in Bäche oder Flüsse. Das ist jetzt zwar weniger brisant als beim Tief »Bernd«, weil es, wie gesagt, nur sehr lokal passiert. Mit Blick auf betroffene Orte will ich aber nichts verharmlosen. Da kann es Erdrutsche geben, ein kleiner Bach kann über die Ufer treten und eine Schlammlawine durch den Ort gehen. Solche Bilder hatten wir in den vergangenen Wochen immer wieder. Noch wissen wir aber gar nicht, ob es in den zuletzt betroffenen Regionen am Wochenende überhaupt erneut Unwetter geben wird. Wenn wir Glück haben, ziehen die Gewitter einfach vorbei.

»Deutlich konkreter wird es wohl erst am Samstagvormittag.«

SPIEGEL: Wann wird klar sein, wo sich die Gewitter entladen?

Friedrich: Deutlich konkreter wird es wohl erst am Samstagvormittag. Dann können wir die vom Unwetter betroffenen Regionen und die Dauer der Ereignisse genauer eingrenzen und geben dann auch eine Vorabinformation heraus. Welche genauen Orte in welchem Umfang betroffen sein werden, wissen wir, anders als beim Tief »Bernd«, aber erst 30 bis 90 Minuten vorher. Dafür müssen wir Unwetterzellen kurzfristig auf dem Radar beobachten.

SPIEGEL: Im Zusammenhang mit der jüngsten Flutkatastrophe wird derzeit viel über ein Versagen beim Katastrophenschutz diskutiert. Hätte der Deutsche Wetterdienst klarer warnen müssen?

Friedrich: Als Bundesbehörde diskutierten wir natürlich über das Thema. Da wird es in den kommenden Wochen noch zahlreiche Sitzungen geben, auch mit den Hochwasserzentralen der Länder. Die analysieren vor Ort auf der Basis von unseren Niederschlagvorhersagen, wie sich die Pegelstände von Flüssen verändern werden. Im Gegensatz zu dem europäischen Hochwasserwarnsystem, über das man gerade viel liest, ermitteln sie die Werte auch für kleinere Flüsse.

Woran es jetzt im aktuellen Fall gehapert hat, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich nicht genau weiß, wie in den betroffenen Orten informiert wurde. Man muss sich aber wohl klarmachen, dass die Flut ein Ereignis war, das in dem Ausmaß in der Region deutlich seltener als alle hundert Jahre zu erwarten ist. Das haben unsere Klimatologen gerade analysiert . Sicher hat das dazu beigetragen, dass die Regionen auf eine Flut solchen Ausmaßes nicht vorbereitet waren.

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