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29. August 2006, 13:11 Uhr

US-Golfküste

Kloake als Lebenselixier

Von Volker Mrasek

Bereits sieben Jahre vor "Katrina" forderten Forscher und Politiker: An der US-Golfküste muss wieder ein natürlicher Hurrikan-Schutzwall wachsen. Nun wird die arg lädierte Marsch an der Mississippi-Mündung tatsächlich wieder aufgeforstet - mit Dreckwasser aus New Orleans.

Der erste Reflex ist ein Naserümpfen. Ökologen im US-Bundesstaat Louisiana schlagen einen anrüchig anmutenden Weg ein, um die Küste am Golf von Mexiko zu renaturieren. Sie wollen Teile des Mississippi-Deltas, in denen in der Vergangenheit Feuchtgebiet verloren gegangen ist, mit Abwasser aus New Orleans fluten. Durch die Kneipp-Kur der etwas anderen Art sollen die natürlichen Sumpfzypressenwälder und Marschwiesen wieder mit dringend benötigtem Süßwasser umspült werden.

Das Binnen-Ökosystem leidet seit Jahrzehnten unter eindringendem Meerwasser aus dem Golf von Mexiko. Die Gezeiten drücken es durch künstlich angelegte Schifffahrtskanäle und Gräben für Öl-Pipelines landeinwärts. Das Salz lässt die auf Süßwasser angewiesenen Zypressen und Gräser im Schwemmland der Mississippi-Mündung eingehen.

Ganze Sumpfwälder seien auf diese Weise abgestorben, ärgert sich John Day, bis vor kurzem Professor an der Louisiana State University. "Hätte es im vergangenen Sommer noch einen kompletten Küstenwaldsaum gegeben, dann", so der Ökologe, "wären die Deiche in New Orleans wahrscheinlich nicht gebrochen."

Ein intaktes Feuchtgebiet bremst nämlich Hurrikanes aus, die - wie damals "Katrina" und nun womöglich bald "Ernesto" - vom Atlantik her einfallen. Die Wirbelstürme verlieren an Geschwindigkeit, ihre Flutwellen an Höhe, wenn sie nach dem Landgang an der US-Golfküste zunächst einen Kilometer breiten Wald- und Wiesenriegel durchpflügen müssen. Durch die Injektion von Abwasser soll nun das kränkelnde Hurrikan-Schutzspalier wieder üppiger wuchern - eine Kloake als neues Lebenselixier.

Problemstoff als Ressource

"Was normalerweise als Problemstoff gilt, ist für uns eine willkommene Ressource", sagt Day und denkt dabei nicht etwa an die giftgeschwängerte Brühe, die sich nach der "Katrina"-Katastrophe auch in Sumpfgebiete ergoss. Nein, das Abwasser aus New Orleans werde geklärt und von Schadstoffen befreit, ja sogar desinfiziert. Niemand müsse sich Sorgen um die Umwelt machen, beruhigt der Küstenkenner, der zu den Mitinitiatoren des gewöhnungsbedürftigen Projektes zählt.

Im Herbst soll es richtig losgehen, zunächst einmal mit einer Machbarkeitsstudie. Als Erstes müssen Pipelines für den Transport des Abwassers aus New Orleans verlegt werden. Anschließend soll es in vorgelagerte Sumpfabschnitte fließen. Während der Pilotphase werden das wahrscheinlich eine Fläche von 30 bis 40 Hektar sein. Damit die Süßwasser-Spülung auch wirklich verschwundenen Wald wieder sprießen lässt, denken die Ökologen an flankierende Aufforstung. Sie wollen dort, wo die Pipelines enden, Sumpfzypressen und auch schnellwachsende Gummibäume neu pflanzen. Das kommunale Süßwasser soll dann dafür sorgen, dass der Jungwald zügig Fuß fasst.

"Zypressen- und Gummibaum-Keimlinge können zehn Meter in einem einzigen Jahrzehnt schaffen", erläutert Gary Shaffer, Biologieprofessor an der Southeastern Louisiana University in Hammond. Die Hoffnung ist, dass binnen kurzer Zeit die Lücken im natürlichen Hurrikan-Schutzwall an der US-Golfküste wieder geschlossen werden. Laut Day ist die Finanzierung des Projektes inzwischen gesichert, so dass in drei, vier Jahren noch größere Flecken degradierten Feuchtgebietes im Mississippi-Delta in den Genuss der Abwasser-Kur kommen könnten.

Die Forscher sind zuversichtlich, dass ihr Vorhaben funktioniert. In kleinerem Maßstab laufen Day zufolge schon länger einschlägige Versuche an Orten mit wenige krassem Salzanteil, "und das sind die Stellen, an denen Zypressen überlebt haben".

Aktionsplan schon sieben Jahre vor "Katrina"

Bereits vor Jahren bildeten mehrere US-Ministerien, die nationale Umweltbehörde EPA, das Ingenieurkorps der Armee und der Gouverneur von Louisiana eine Task Force zur Restaurierung des Ökosystems im Mississippi-Delta. 1998 legte das Gremium einen Maßnahmenkatalog mit dem Titel "Coast 2050" vor. Alle 30 Minuten gehe in Louisiana Feuchtgebiet von der Größe eines Fußballfeldes verloren, mahnte der Report damals schon. Die Autoren pochten auf einschneidende Veränderungen. Es sei längst überfällig, schrieben sie etwa, den Mississippi River Gulf Outlet (MRGO) dichtzumachen. Vor allem durch diesen Schifffahrtskanal zwischen dem Golf und dem Hafen von New Orleans gelange Salzwasser in die Küstenmarschen und zerstöre sie.

Doch diesem dringenden Rat wird erst jetzt - nach der "Katrina"-Katastrophe - gefolgt. Der Kongress gab dem Armee-Ingenieurkorps jüngst den Auftrag, einen Plan für die Schließung des mehrere hundert Meter breiten MRGO vorzulegen.

Auch am Mississippi selbst soll Hand angelegt werden. Der "Old Man River" ist fast vollständig eingedeicht. Die Unmengen Geröll und Sediment, die der Megastrom mit sich führt, werden deshalb weit hinaus ins Meer getragen, statt sich über das Feuchtgebiet im Flussdelta zu verteilen. Auch das ist ein Grund, warum das Marschland schwindet: Ihm fehlt der Sediment-Nachschub aus dem Mississippi. Nun aber sollen die Deiche südlich von New Orleans an mehreren Stellen durchstochen und mit Schleusen ausgestattet werden - damit von Zeit zu Zeit wieder Sediment in die benachbarten Marschen gelangt.

Bisher existiert erst ein solcher Deich-Durchstich. In diesem Jahr habe man ihn permanent offen gehalten, und schon jetzt zeichne sich ab, "dass sich das Marschland langsam wieder erholt", wie John Day und andere Ökologen feststellen können: "Wo vorher Schlammflächen waren, wächst jetzt wieder Gras."

Was bleibt, sind aber acht verlorene Jahre, seit "Coast 2050" veröffentlicht wurde und seine Autoren reklamierten, die Zeit zum Handeln sei "jetzt". So bleiben New Orleans und auch andere Städte an der Golfküste noch eine ganze Weile besonders anfällig für starke Hurrikanes. Bis der licht gewordene natürliche Schutzriegel wieder dicht wird, werden auf jeden Fall Jahrzehnte vergehen.

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