US-Klimaunterhändler "China muss sich zur CO2-Minderung verpflichten"

Im Eiltempo versuchen die USA in der Klimapolitik nachzuholen, was unter Präsident George W. Bush versäumt wurde. Jonathan Pershing, stellvertretender Chefunterhändler der US-Regierung, erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wie er Länder wie China auf den Klimaschutz einschwören will.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Pershing, die USA und China sind zusammen für 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Sollten die beiden Länder da nicht einfach unter sich eine Lösung für das Klimaproblem erarbeiten?

Chemiefabrik in China: In Entwicklungs- und Schwellenländern wachsen die Wirtschaft und die CO2-Emissionen rasant
DPA

Chemiefabrik in China: In Entwicklungs- und Schwellenländern wachsen die Wirtschaft und die CO2-Emissionen rasant

Pershing: Mein Eindruck von unseren Gesprächen in Peking ist, dass China die Klimaverhandlungen nicht auf US-chinesische Verhandlungen reduzieren will. Ebenso wie wir sehen es auch die Chinesen als enorm wichtig an, dass eine Einigung unter dem Dach der Vereinten Nationen gefunden wird. Es gibt Vorhaben, die wir bilateral mit China vorantreiben, aber letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass sich die ganze Welt auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Erderwärmung verständigt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es bei den Gesprächen in Peking denn greifbare Ergebnisse?

Pershing: Wir sind nicht mit einem fertigen Vertrag nach Hause gekommen, aber wir verstehen jetzt viel besser als zuvor, was den Chinesen wichtig ist und warum es ihnen wichtig ist. Zugang zu den grünen, effizienten Technologien hat für China große Bedeutung. Die Chinesen halten diese Technologien für zu teuer - das geht uns genauso. Deshalb strengen wir uns jetzt gemeinsam an, das zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Unternimmt China im eigenen Land genug, um die CO2-Emissionen zu reduzieren?

Pershing: Die Chinesen sind sehr aktiv, sie gehen so aggressiv an die CO2-Minderung heran wie die aktivsten Länder der Welt. Im nächsten Fünf-Jahres-Plan wollen sie zusätzliche Maßnahmen verankern. Es ist aber noch nicht klar, wie stark die CO2-Reduktion ausfallen und ob das genug sein wird. Die chinesische Wirtschaft wächst so schnell, dass es enorm wichtig ist, gemeinsam mit uns und anderen Partnern das Wachstum von Wirtschaft und CO2-Emissionen zu entkoppeln. Sonst wird es gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: China will aber keine bindenden CO2-Ziele im Rahmen eines internationalen Abkommens akzeptieren. Beharrt die US-Regierung weiter darauf, dass sie es dennoch tut?

Pershing: Ja, absolut. Wir verlangen von China, sich als Teil des Abkommens von Kopenhagen zur CO2-Minderung zu verpflichten.

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SPIEGEL ONLINE: Bis zum Kopenhagener Gipfel sind es nur noch fünf Monate. Glauben Sie, dass ein Kompromiss in so kurzer Zeit gelingen kann?

Pershing: Wir arbeiten sehr hart an einer guten Lösung. Die USA konzentrieren sich weiterhin darauf, dass es ein weltweit verbindliches Klimaabkommen gibt und dass dieses Abkommen in Kopenhagen unter Dach und Fach gebracht wird. Wir erwarten von allen Industrieländern, dass sie sich vergleichbare Reduktionsziele setzen und treten dafür ein, dass mehr Länder als heute unter die Rubrik der Industrieländer fallen, zum Beispiel Korea. Große Volkswirtschaften mit erheblichen Emissionen wie China sollten zusätzliche Maßnahmen ergreifen, und die sollten quantifizierbar und verpflichtend sein.

SPIEGEL ONLINE: Sollen alle Entwicklungsländer die gleichen CO2-Ziele verfolgen?

Pershing: Nein, natürlich können die Maßnahmen von Fall zu Fall anders aussehen. Brasilien mit seinen riesigen Wäldern wird etwas anderes unternehmen als Indien, wo die Waldfläche im Vergleich kleiner ist. Aber beide Länder sollten sich verbindlichen Zielen stellen, die Teil eines Langzeitplans sind, die globalen CO2-Emissionen angemessen zu reduzieren. Jedes dieser Länder muss einen Teil der globalen Bemühungen übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für Länder wie China?

Pershing: Es ist sehr wichtig, dass der nächste Fünf-Jahres-Plan zu den langfristigen Klimaschutzzielen passt. Wenn sie bei der Energieeffizienz, also der Energie, die man für jeden Dollar Volkseinkommen braucht, eine Verbesserung um 20 Prozent anstreben, wäre das eine herausragende, eine starke Zahl. Fünf Prozent dagegen wären nicht ausreichend. Um die Veränderungen zu bewirken, die in China notwendig sind, wollen wir die Schäden durch Klimawandel auf einem nachhaltigen Niveau begrenzen.

SPIEGEL ONLINE: Die führenden Umweltorganisationen schlagen ein CO2-Budget für den Planeten vor, eine maximale Menge, die bis 2050 in die Atmosphäre gelangen darf. Ist das eine gute Idee?

Pershing: Diese Idee entstammt der Klimaforschung, sie ist eine nähere Untersuchung wert. Ich glaube aber nicht, dass es eine exakte Zahl gibt, wie viel CO2 die Atmosphäre noch verträgt. Eine Bandbreite für ein solches Budget wäre realistischer. Aber ich bin nicht sicher, ob das Konzept bei den globalen Verhandlungen wirklich das nützlichste ist. Ich werde darüber mit den Umweltgruppen diskutieren und dann werden wir die Idee innerhalb der US-Regierung prüfen. Ich hoffe, andere Länder tun das auch.

SPIEGEL ONLINE: Warum können Industrieländer wie die USA bei der CO2-Reduktion nicht einfach vorangehen, warum sollen Entwicklungsländer unbedingt mit ins Boot?

Pershing: Wenn die USA ihre Emissionen auf Null reduzieren würden, würde das die erwartete Erderwärmung nur um einige Jahre verzögern, eben weil die Emissionen der Entwicklungsländer so schnell wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Am Mittwoch hat die japanische Regierung angeboten, die nationalen CO2-Emissionen bis 2020 um acht Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Umweltschützer sind sehr enttäuscht und sagen, dass dies eine direkte Folge der US-Politik ist, die bis 2020 auch nur ein Minus von vier Prozent vorsieht.

Pershing: Wir in den USA haben aggressive Ziele, sowohl kurz- als auch langfristig. Präsident Bush plante, dass die US-Emissionen erst irgendwann in den zwanziger Jahren ihren Höhepunkt erreichen. Wir dagegen wollen dies beinahe sofort tun. Unsere Anstrengungen sind durchaus vergleichbar mit dem, was die EU verfolgt. Bei dem japanischen Vorschlag ist wichtig, dass das Minus von acht Prozent für die Anstrengungen allein im eigenen Land gilt. Das EU-Ziel von minus 20 Prozent beinhaltet dagegen, dass die Hälfte davon durch Projekte im Ausland, etwa in Entwicklungsländern, erreicht werden kann. Man sollte den japanischen Vorschlag also nicht unterschätzen. Wenn die Japaner auch noch gute neue Energietechnologien auf den Tisch legen und erhebliche Mittel für den Klimaschutz in Entwicklungsländern, sieht das Bild ganz anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Umweltschützer verlangen, dass US-Präsident Obama sich deutlicher zum Klimaschutz bekennen muss als bisher. Sie erwarten etwa eine Rede, die für den Klimaschutz so wichtig ist wie die Kairoer Rede für die Aussöhnung zwischen den USA und den Muslimen. Ist so etwas denkbar?

Pershing: Präsident Obama ist überzeugt, dass der Klimawandel eine der zentralen Herausforderungen ist, denen die Welt gegenübersteht. Er wird sich weiter sehr deutlich für ernsthaftes Handeln stark machen und versuchen, andere Staats- und Regierungschefs zu überzeugen. Beim Staatentreffen im Juli in Italien wird er die nächste Gelegenheit dazu haben, da kommen die G8 und die größten Volkswirtschaften der Welt zusammen.

Das Interview führte Christian Schwägerl

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