US-Ölpest BP startet entscheidenden Absaugtest

Kann der BP-Konzern das Ölleck im Golf von Mexiko endlich schließen? Eine neue Auffangglocke steht unmittelbar vor dem entscheidenden Test. In wenigen Stunden werden die Ingenieure wissen, ob ihre riskante Aktion erfolgreich ist - oder ob sie die Ölpest sogar noch verschlimmern wird.

REUTERS

Washington/New Orleans/Brüssel - Der Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko wird von immer neuen Problemen verzögert. In der Nacht zum Donnerstag musste die Belastungsprobe für die neue Abdichtung des ramponierten Bohrlochs zunächst abgebrochen werden. In einer der Leitungen, die zu dem rund 70 Tonnen schweren Metallzylinder führen, klaffte ein Leck. Inzwischen habe man die defekte Leitung ausgetauscht, sagte Kent Wells, Vizepräsident des Ölkonzerns BP. Der Test der Auffangglocke könne voraussichtlich noch im Laufe des Donnerstags beginnen.

Knapp drei Monate nach Beginn der verheerenden Umweltkatastrophe unternimmt das Unternehmen nun einen neuen Versuch, das unablässig ausströmende Öl endlich einzudämmen. Die heikle Prozedur war zunächst verschoben worden, weil Experten befürchtet hatten, der entstehende Druck könne zu noch größeren Schäden führen. Die US-Regierung hatte BP dann die Weisung erteilt, in der Nacht zum Donnerstag mit dem Belastungstest für die neue Abdichtung zu beginnen.

Die Aktion begann mit dem Schließen der Leitungen, durch die ein Teil des ausströmenden Öls zu Schiffen an der Oberfläche geleitet wurde - so dass die neue Metallkappe den vollen Druck des Lecks abbekam. Dann schlossen Tiefsee-Roboter nacheinander die drei Ventile des Zylinders. Die ersten beiden funktionieren wie Lichtschalter und sind sofort vollkommen dicht, das dritte dagegen arbeitet eher wie ein Dimmer: Es soll die ausströmende Ölmenge nach und nach verringern, bis nichts mehr ausläuft.

Alle sechs Stunden wollten Experten den Druck messen, um den Erfolg des Vorgehens zu überprüfen. Dabei stellte sich heraus, dass es in einer der Zuleitungen zum dritten Ventil ein Leck gibt.

Nach der Reparatur hofft man bei BP, dass die endlos erscheinende Pannenserie nun ein Ende hat. Wann immer der Konzern verschiedene Kappen oder Absaugsysteme installierte, Schäden an der Quelle reparieren oder das Leck verstopfen wollte, brauchte der Konzern länger als geplant. Entweder machten den Arbeitern technische Probleme oder die geringe Erfahrung in solch großer Tiefe einen Strich durch die Rechnung - oder das Wetter machte Ärger, etwa als Ausläufer des Hurrikans "Alex" den Golf von Mexiko aufwühlten.

Doch selbst wenn die neue Vorrichtung funktioniert, wäre sie nur eine vorübergehende Lösung. Erst Entlastungsbohrungen mehrere Kilometer unter dem Meeresboden sollen die Quelle endgültig verschließen. Damit wird aber frühestens Ende Juli oder Anfang August gerechnet.

Biologen finden Hunderte ölverschmierte Vögel

Die Folgen für die Tierwelt an der Golfküste werden immer dramatischer. Biologen der renommierten Cornell University haben auf Raccoon Island 300 bis 400 Pelikane und Hunderte von Seeschwalben ölverschmiert aufgefunden. Die Fachleute befürchten, dass die Zahl der durch die Ölpest verendeten Vögel bisher stark unterschätzt wird, da die Regierung in ihren Statistiken nur solche Tiere erfasse, die tot aufgefunden oder zur Rettung eingesammelt werden. So hat der U.S. Fish and Wildlife Service bisher nur 68 ölverschmierte Pelikane auf Raccoon Island dokumentiert.

Auf der Insel befinden sich etwa 10.000 Brutstätten. Der Cornell-Biologe Marc Dantzker, der als einer der führenden Vogelexperten der USA gilt, sprach von 30 bis 40 Pelikanen, die komplett von Öl bedeckt gewesen seien. Viele weitere hätten sichtbare Ölflecken. "Diese Flecken sind tödlich", sagte Dantzker. Schon eine kleine Menge Öl im Gefieder schmälere die Fähigkeit der Vögel, ihre Körpertemperatur zu regulieren. "Viele dieser Vögel werden schon bald tot sein. Das ist ein großer Ölunfall in einer unglaublich wichtigen Vogelkolonie." Die Raccoon-Island-Kolonie wurde in den achtziger Jahren aufgebaut und führte unter anderem dazu, dass der Braune Pelikan im vergangenen Jahr von der Liste der bedrohten Tierarten genommen werden konnte.

Unterdessen rechnet man in Taiwan damit, dass am kommenden Wochenende die Entscheidung über den Einsatz des Supertankers "A Whale" fallen könnte. Die jüngsten Einsatztests des Schiffes seien positiv verlaufen. Allerdings sei jetzt schon so lange Öl ins Meer gelaufen, dass es immer problematischer werde, die schmutzige Brühe aufzusaugen.

Die "A Whale" soll täglich knapp 80 Millionen Liter verdrecktes Wasser aufnehmen und es vom Öl trennen können. Der Tanker wurde noch nie unter realen Bedingungen getestet. Küstengemeinden von Louisiana bis Florida macht der mögliche Schiffseinsatz Hoffnung, dass ihre Strände dann doch nicht vollends ruiniert werden. Laut Schätzungen der US-Regierung strömen nach wie vor täglich 5,7 bis 9,5 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko. Insgesamt sind seit dem Untergang der Bohrplattform "Deepwater Horizon" zwischen 348 und 689 Millionen Liter Öl ins Meer gelangt.

EU-Kommission will Tiefseebohrungen in der Nordsee stoppen

Als Konsequenz aus der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko fordert die EU-Kommission einen Stopp für Tiefseebohrungen in der Nordsee. "Neue Bohrungen können für die Zukunft und den Markt wichtig sein, aber sie müssen nicht zwingend in diesem Jahr sein", sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Mittwoch nach einem Treffen mit Managern von Ölkonzernen in Brüssel. "Ein Moratorium wäre eine gute Idee." Nach dem Vorschlag der EU soll der Stopp vorübergehend gelten, bis die Ursache der Ölkatastrophe in den USA geklärt ist.

Die Genehmigung und die Kontrolle von Ölbohrungen und Ölplattformen sind Sache der Mitgliedstaaten. Die EU-Kommission kann daher nur Empfehlungen abgeben. Oettinger verwies auf den EU-Partner Norwegen, wo bereits ein Moratorium gilt. "Ich denke: Was gut ist für Norwegen, sollte auch gut sein für die europäischen Mitgliedstaaten", sagte der Kommissar. Nach Kommissionsangaben stehen in der Nordsee rund 400 Ölförderanlagen.

Die Ölindustrie lehnt einen Genehmigungsstopp jedoch ab. "Unsere Empfehlung lautet, das Antragsverfahren wie in der Vergangenheit fortzusetzen", sagte der Chef der Internationalen Vereinigung der Öl- und Gasproduzenten (OGP), Michael Engell-Jensen, nach dem Gespräch mit Oettinger in Brüssel.

Bei den Gesprächen mit den Ölmanagern ging es auch um strengere Kontrollen und Sicherheitsauflagen - die bestehenden reichen der EU-Kommission nicht aus. Oettinger kündigte für Ende September einen Vorschlag der Brüsseler Behörde über bessere Standards an. "Wir brauchen ein System der Prüfung der Prüfer", hatte Oettinger in der vergangenen Woche bei der Präsentation seines Fünf-Punkte-Plans im Europaparlament gesagt. Zur besseren Sicherheit sollte die EU die nationalen Behörden zusätzlich kontrollieren.

Nach den EU-Plänen sollen alle großen Ölfirmen ihre Sicherheitsmaßnahmen und Notfallpläne an die weltweit höchsten Standards anpassen. Bei Unfällen soll das Verursacherprinzip gelten, so dass die Konzerne für die Kosten aufkommen müssen.

mbe/dpa/AP

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Seite 1
fenstergugger, 15.07.2010
1. Warum...
Zitat von sysopDie Pannenserie im Kampf gegen die Ölpest in den USA reißt nicht ab. Beim Test des neuen Metallzylinders, der die sprudelnde Quelle am Meeresboden verschließen soll, wurde ein Leck gefunden. Zugleich haben Biologen Hunderte ölverschmierte Vögel in einer riesigen Brutkolonie entdeckt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,706616,00.html
... haben die denn noch nicht bei Sly Stallone angerufen! Der hätte mit einem Torpedo das Bohrloch zugesprengt! Bums und Schluß. So bekommen die dort ein "schwarzes Meer 2.0"!
Schinkenfisch 15.07.2010
2. Loch im Loch
Zitat von sysopDie Pannenserie im Kampf gegen die Ölpest in den USA reißt nicht ab. Beim Test des neuen Metallzylinders, der die sprudelnde Quelle am Meeresboden verschließen soll, wurde ein Leck gefunden. Zugleich haben Biologen Hunderte ölverschmierte Vögel in einer riesigen Brutkolonie entdeckt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,706616,00.html
Moment... heißt das jetzt, dass die für mehrere Millionen einen Deckel mit Loch darunter gebracht haben um ein Loch zu stopfen?
archelys, 15.07.2010
3. B P...
Zitat von fenstergugger... haben die denn noch nicht bei Sly Stallone angerufen! Der hätte mit einem Torpedo das Bohrloch zugesprengt! Bums und Schluß. So bekommen die dort ein "schwarzes Meer 2.0"!
Und wenn`s so weitergeht einen BPetrocean.
prophet46 15.07.2010
4. Komplexes Problem
Zitat von sysopDie Pannenserie im Kampf gegen die Ölpest in den USA reißt nicht ab. Beim Test des neuen Metallzylinders, der die sprudelnde Quelle am Meeresboden verschließen soll, wurde ein Leck gefunden. Zugleich haben Biologen Hunderte ölverschmierte Vögel in einer riesigen Brutkolonie entdeckt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,706616,00.html
Klammheimliche Schadensfreude oder Rechthaberei ist nicht angebracht. Die technologsichen Herausforderungen zum Schließen dieses Leck sind überaus komplex und groß. Das Öl schießt bekanntermaßen 100 Grad heiß mit 900 Bar aus dem Steigrohr in 1500 Meter Tiefe. Hunderte Ingenieure und Wissenschaftler sind mit dem Problem beschäftigt. Man wird das Loch in den nächsten 4 Wochen sicher schließen. Die Technik musste neu entwickelt werden, Erfahrungswerte lagen nicht vor. Daher sind wohl mehrere Anläufe notwendig. Man wird daraus Lehren ziehen und nach einiger Zeit Tiefbohrungen wieder fortführen. Der Hunger nach Öl, der Lebenssaft unserer Zivilisation, ist einfach zu groß.
Peter Pwn 15.07.2010
5. Es ...
... ist unglaublich, wie unprofessionell diese Dilettanten da vorgehen. Alle an die Wand stellen ... Bei der Pfuscherei und Vertuscherei geht mir echt der Hut hoch!
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