US-Ölpest Experten kritisieren Entwarnung als vorschnell

Die Versiegelung des Öllecks im Golf von Mexiko rückt näher: Der BP-Konzern pumpt jetzt Zement in das beschädigte Bohrloch. Doch für eine Entwarnung ist es viel zu früh, sagen Experten. Sie kritisieren die US-Regierung dafür, vorschnell allzu optimistische Zahlen veröffentlicht zu haben.


Plötzlich schien die Ölpest ihren Schrecken verloren zu haben. 74 Prozent der fast 800 Millionen Liter Öl, die nach der Havarie der Bohrplattform "Deepwater Horizon" ins Meer gelangt waren, seien bereits verschwunden. Der Rest werde vermutlich keine größeren Schäden anrichten, hieß es in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA.

Zugleich macht die Versiegelung des Öllecks im Golf von Mexiko Fortschritte. Der BP-Konzern hat am Donnerstag angefangen, Zement in den Bohrschacht zu pumpen. Zuvor waren mehr als 300 Tonnen Schlamm in das Steigrohr eingeleitet und damit das unter Hochdruck aufsteigende Öl zurückgedrängt worden. Der Zement soll nun verhindern, dass sich das gestoppte Öl wieder löst und nach oben steigt.

Doch inzwischen melden sich immer mehr Experten zu Wort, die den Optimismus der US-Regierung und der NOAA nicht teilen wollen. "Ich bezweifle, dass der Bericht präzise ist", sagte etwa Ronald Kendall, Direktor des Institute of Environmental and Human Health an der Texas Tech University, der "Seattle Times". "Es ist nur eine Schätzung. Und selbst wenn sie zutrifft, sind noch 190 bis 230 Millionen Liter Öl in der Umwelt. Für eine Entwarnung ist es noch zu früh."

Wie das Öl verschwinden konnte

Die NOAA-Wissenschaftler hatten das überraschend schnelle Verschwinden des Öls unter anderem auf Bakterien zurückgeführt, die im Golf von Mexiko beste Bedingungen vorfinden. Seit Jahrmillionen gelangen in der Region auf natürliche Weise Öl und Gas ins Wasser, so dass sich dort lebende Mikroorganismen auf deren Vertilgung spezialisiert haben. Auch die Temperaturen und der Sauerstoffgehalt des Wassers bieten Winzlingen eine günstige Umgebung. Hinzu kommt, dass Öl in Meerwasser verdunstet und sich so binnen etwa einer Woche die Hälfte des ursprünglichen Volumens auflöst.

Der Großteil des ausgelaufenen Öls sei deshalb wohl weniger gefährlich, sagte Ronald Atlas, Präsident der American Society for Microbiology, der "New York Times". "Das war bei Ölmassen, die nicht ans Ufer gelangt sind, auch früher schon der Fall." Ähnlich optimistisch äußerte sich die US-Regierung. "Ich glaube, man kann ziemlich sicher sagen, dass viele der Weltuntergangsszenarien, über die wir gesprochen haben, nicht eingetreten sind und nicht eintreten werden", sagte Regierungssprecher Robert Gibbs.

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Ölkatastrophe: Hoffen und Bangen am Golf
Andere Fachleute betonen dagegen, dass die Langzeitfolgen der Ölpest kaum absehbar seien und sich eine Abschätzung der wahren Schäden deshalb verbiete. Neben Kendall kritisierte auch James Cowan von der Louisiana State University den NOAA-Bericht: "In den Zahlen steckt eine große Unsicherheit." So bleibe offen, wie die Autoren zwischen natürlich und chemisch zersetztem Öl unterschieden hätten. Auch bleibe offen, wie sie die Rate der Ölverdunstung berechnet hätten - was auf großen Meeresflächen äußerst schwierig sei.

Wie gefährlich sind die mikroskopischen Tröpfchen?

Der US-Umweltexperte Rick Steiner betonte, dass keineswegs drei Viertel des Öls verschwunden seien, sondern nur die Hälfte. Die NOAA hatte angegeben, dass 24 Prozent der Ölmenge chemisch oder natürlich zersetzt worden seien. Steiner und andere Fachleute halten diesen Teil aber mitnichten für verschwunden, da das Öl in mikroskopischen Tröpfchen weiterexistiert. Ihre Wirkung auf die Tierwelt, insbesondere in den Küstengebieten, sei unklar.

Auch bei der Exxon-Valdez-Katastrophe von 1989 habe die Regierung früh Entwarnung gegeben, sagte Steiner. "Aber ein großer Teil des Schadens wurde erst zwei oder drei Jahre später sichtbar." Auch Ronald Atlas räumte ein, dass der Ölabbau durch Mikroben in den verschmutzten Sumpfgebieten vermutlich "deutlich langsamer" vonstatten gehe als im offenen Ozean.

Die amtlichen Berechnungen beruhen auf Messungen der rund 68 Millionen Liter Öl, die verbrannt oder abgeschöpft wurden. Die übrigen Zahlen seien "wissenschaftlich geraten", wie NOAA-Wissenschaftler Bill Lehr einräumte. Öl, das sich aufgelöst hat, lasse sich eben nicht messen.

Genau das macht anderen Wissenschaftlern Sorgen. "Das ist ein wackeliger Bericht. Je öfter ich ihn lese, desto unzufriedener bin ich mit der Gründlichkeit der Darstellung", sagte der Ozeanografie-Professor Ian MacDonald aus Florida. "Hier werden großzügige Annahmen getroffen."

Vor allem bei den Fischern in der Golfregion traf der NOAA-Bericht auf erhebliches Misstrauen. "Das Öl ist nicht verschwunden", sagte George Barisich von der United Commercial Fisherman's Alliance. "Mutter Natur hat es nicht einfach geschluckt und wieder ausgespuckt."

Die zehn größten Öl-Unfälle auf dem Meer

Datum Bezeichnung Eigner Unglücksort Freigesetzte Ölmenge (Tonnen) Ursache
April 2010 Deepwater Horizon BP Golf von Mexiko 670.000 (Stand 2. August 2010) Unglück auf Bohrinsel Deepwater Horizon. Blowout.
Juni 1979 Ixtoc I Pemex Golf von Mexiko 450.000 bis 480.000 Unglück auf einer Ölplattform. Blow-out.
Juli 1979 Atlantic Empress griechisches Schiff, in Liberia registriert vor Tobago, Karibische Inseln 287.000 Tankerunglück. Kollision mit dem Tanker "Aegean Captain".
Februar 1983 Nowruz-Ölfeld ? Persischer Golf 260.000 Kollision Tanker mit Bohrinsel, Kriegsfolgen des ersten Golfkriegs.
August 1983 Castillo De Bellver ? Saldanha Bay, Südafrika 252.000 Tankerunglück. Brand.
März 1978 Amoco Cadiz BP (GB) / Amoco (USA) vor der bretonischen Küste 223.000 Tankerunglück. Ruderausfall mit anschließendem Felsenauflauf.
Mai 1991 ABT Summer ? 1000 km vor Angola 49.000 bis 255.000 Tankerunglück.
April 1991 Haven Amoco (USA) Golf von Genua, Italien 144.000 Tankerunglück. Brand.
November 1988 Odyssey ? Kanada 132.000 Tankerunglück. Brand.
März 1967 Torrey Canyon Unocal (USA), gechartert von BP (GB) vor der Küste Südenglands 119.000 Tankerunglück. Kollision mit Riff.

Quelle: Wikipedia

mbe/apn/dpa

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