US-Wahlkampf 76 Nobelpreisträger trommeln für Obama

Ein Novum im US-Wahlkampf: 76 Nobelpreisträger sprechen sich offen für Barack Obama als nächsten US-Präsidenten aus, denn sie hegen Zweifel an der Wissenschaftspolitik der Republikaner. Das ist weniger McCains Schuld als die von George W. Bush und Sarah Palin.


Wer wird der nächste Präsident der USA? Würde die Wissenschaftselite darüber entscheiden, wäre das Votum wohl vernichtend für McCain: In einem " offenen Brief an das amerikanische Volk" haben sich 76 Nobelpreisträger für Obama ausgesprochen.

Obama oder McCain? Klares Votum von 76 Nobelpreisträgern
REUTERS; AFP

Obama oder McCain? Klares Votum von 76 Nobelpreisträgern

"Diese Präsidentenwahl ist eine der entscheidensten in der Geschichte unserer Nation", schreiben die Wissenschaftler darin. "Das Land braucht dringend einen visionären Führer, der die Zukunft unserer traditionellen Stärken in Wissenschaft und Technik bewahren kann […] Wir sind überzeugt, dass Senator Barack Obama solch ein Führer ist."

In der Liste der Unterzeichner finden sich Namen wie Eric Kandel, Nobelpreis für Medizin 2000, der deutschstämmige Günther Blobel, Nobelpreis für Medizin 1999, Murray Gell-Mann, Nobelpreis für Physik 1969, und auch die frischgebackenen Nobelpreisträger dieses Jahres, Roger Tsien (Chemie), Yoichiro Nambu (Physik) und Martin Chalfie (Chemie).

Es ist ein historisch einmaliger Vorgang: Noch nie in der Geschichte Amerikas haben so viele Nobelpreisträger offen Partei für einen Präsidentschaftskandidaten ergriffen. Selbst nicht 2004, als immerhin 48 Nobelpreisträger den Demokraten John Kerry bei seinem Versuch unterstützten, George W. Bush im Weißen Haus abzulösen.

Dabei ist die Einseitigkeit der Parteinahme eigentlich unverhältnismäßig.

Auf der wissenschaftlichen Plattform Science Debate 2008 stellten Wissenschaftler beiden Kandidaten 14 Fragen zu ihren Positionen in wichtigen wissenschaftlichen Themengebieten. Dabei zeigt sich: Die Standpunkte der beiden Kandidaten unterscheiden sich nicht so fundamental, dass sie solch eine Polarisierung rechtfertigen könnten.

Sowohl Obama als auch McCain sehen die Notwendigkeit, etwas gegen den Klimawandel zu tun, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Um das zu erreichen, wollen beide ein Handelssystem mit Emissionsrechten einführen. Oder im Bereich Energie: Beide wollen weniger Abhängigkeit vom Öl und eine nachhaltige Energiewirtschaft. Obama will das vorwiegend mit dem Ausbau alternativer Energien erreichen, McCain hingegen mit mehr Atomkraftwerken.

Sarah Palin findet Fruchtfliegenforschung nutzlos

In der Biomedizin befürworten beide Kandidaten eine staatliche Förderung der umstrittenen embryonalen Stammzellforschung, wenngleich McCains Standpunkt gegenüber Stammzellen und Gentechnik reservierter ist. In Sachen Weltraum will McCain die Bush-Linie weiterverfolgen und Nasa-Missionen zum Mond und zum Mars starten. Obama hingegen will den Fokus der Nasa wieder auf die irdischen Probleme richten. Und beide Kandidaten versprechen, die Grundlagenforschung zu stärken.

Von einer wissenschaftsfeindlichen Position John McCains kann also keine Rede sein. Wie also begründet sich die so einseitige Unterstützung der Wissenschaftselite für Obama?

Der Wissenschaftsjournalist Chris Mooney glaubt, dass McCains Wissenschaftspolitik "nicht annähernd so sein wird wie die Bushs", wie er SPIEGEL ONLINE sagt. "Aber er hat Sarah Palin ausgewählt." Und die ist schon jetzt mit ihren kruden Thesen ein rotes Tuch für Wissenschaftler. Palin hatte mit einigen Bemerkungen im Fernsehen kürzlich für Spott und Entrüstung in der Wissenschaftsgemeinde gesorgt: Forschungsprojekte an Fruchtfliegen im französischen Paris seien komplett nutzlos, sagte sie.

Weitere Positionen Palins: Der Mensch habe mit dem Klimawandel nichts zu tun. Statt Klimaschutz möchte sie lieber in der Arktis nach Öl bohren lassen.

Die Ernennung Sarah Palins als Vize war somit womöglich John McCains größter Fehler - mit ihren Einstellungen knüpft sie nahtlos an die wissenschaftsfeindlichen Positionen der Regierung Bush an.

Wie kein anderer US-Präsident hat George W. Bush in seiner achtjährigen Amtszeit die Wissenschaftler gegen sich aufgebracht. Jahrelang blockierte der Klimawandelskeptiker Bush jedwede internationale Bestrebung, ein Abkommen zur Reduzierung von Treibhausgasen zu beschließen. Erst beim Klimagipfel auf Bali lenkte die US-Delegation unter dem geballten Druck der internationalen Gemeinschaft in letzter Minute noch ein und erkannte die Verpflichtung zur Reduktion an. Kurze Zeit später ruderte das Weiße Haus jedoch zurück und widerrief die Zusagen wieder.

Die Regierung Bush ließ alarmierende Klimagutachten unter den Tisch fallen, manipulierte und zensierte sie. Klimaforscher wurden gegängelt und unter Druck gesetzt, missliebige Erkenntnisse totzuschweigen.

Das führte im Jahr 2006 schließlich dazu, dass 10.000 Forscher und 52 Nobelpreisträger in einer beispiellosen Aktion öffentlich gegen die wissenschaftsfeindliche Haltung der Bush-Regierung protestierten und eine Liste der Beeinflussungen veröffentlichten.

28 der Nobelpreisträger, die nun Obama unterstützen, haben auch die Protestnote gegen Bush aus dem Jahr 2006 unterzeichnet.

Bush förderte die Kreationisten

Ein weiterer sensibler Punkt, mit dem Bush die Wissenschaftler auf die Palme brachte: Der strenggläubige Bush war ein großer Förderer der Kreationisten. Diese bestreiten das Prinzip der Evolution und manche Hardliner vertreten gar die absurde Auffassung, dass die Welt nur rund 6000 Jahre alt ist. Bush setzte sich dafür ein, dass Kreationismus in den Schulen neben der Evolutionstheorie gleichberechtigt unterrichtet werden sollte. Dafür hat sich auch McCains Vize Sarah Palin ausgesprochen.

Auch die Stammzellforschung behinderte Bush, indem er die staatliche Förderung für die Erforschung embryonaler Stammzellen komplett zusammenstrich.

"Während der Regierung von George W. Bush haben wichtige wissenschaftliche Projekte unseres Landes durch stagnierende oder abnehmende staatliche Unterstützung Schaden genommen", schreiben die Nobelpreisträger in ihrem offenen Brief. Das Ergebnis: "Unsere einstige Spitzenposition in der wissenschaftlichen Welt ist erschüttert, und die Grundlage für unseren Wohlstand ist in Gefahr."

Doch es ist nicht nur die Person Bush, die die Wissenschafts-Community aufgebracht hat. Chris Mooney glaubt, dass ein struktureller Konflikt zwischen Republikanischer Partei und Wissenschaft besteht. In seinem Buch "The Republican War Against Science" aus dem Jahre 2005 vertritt er die These, dass die Republikaner gegen politisch unbequeme wissenschaftliche Erkenntnisse sogar einen regelrechten Krieg führen würden - und das schon seit vielen Jahren.

"Die Republikanische Partei von heute ist die Partei der modernen Konservativen in Amerika, und zwei ihrer wichtigsten Wählergruppen sind die Wirtschaft und die christliche Rechte", sagte er im Jahr 2005 in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Die Wirtschaft kämpfe beispielsweise gegen den unliebsamen Klimaschutz, weil sie staatliche Vorschriften fürchtete. Bei dem ehemaligen Öl-Manager Bush fand sie offenbar immer ein offenes Ohr. Die christliche Rechte bekämpfe seiner Ansicht nach gezielt Evolutionslehre und Stammzellforschung. Und das nicht erst seit Bush - auch Ronald Reagan habe sich schon zum Kreationismus bekannt.

McCain hat es versäumt, sich von Bush abzusetzen

So habe es McCain also mit der Ernennung Palins versäumt, sich von der wissenschaftsfeindlichen Politik der Bush-Regierung klar abzugrenzen - wenngleich er das in seinen eigenen Statements getan hat. Außerdem, so Mooney, habe sich Obama hinsichtlich seiner wissenschaftspolitischen Pläne viel klarer positioniert als sein Gegenspieler. "Er hat ein wissenschaftliches Beraterteam mit guten Leuten. Von McCain ist mir davon nichts bekannt." Seine Pläne, vor allem bei der Bekämpfung des Klimawandels, seien viel weitreichender als die John McCains. Und das, so Mooney, sei nun mal das Thema Nummer eins in der Wissenschaft.

Das Votum der Wissenschaft ist also klar: Barack Obama soll Präsident werden. Ja, seine Präsidentschaft sei sogar eine Notwendigkeit, denn es stehe viel auf dem Spiel:

"Die USA sind führend in der Wissenschaft und ihrer Anwendung, aber andere Staaten arbeiten hart daran, uns diesen Spitzenplatz streitig zu machen", schreiben die Wissenschaftler. Ihr Fazit: "Barack Obamas Regierung wird uns die Bewunderung der Welt erhalten."

Um ihr Ziel zu erreichen, trauen sich die sonst eher medienscheuen Wissenschaftler sogar vor die Kamera. Einer der Nobelpreisträger von 2008, Martin Chalfie, hat auf YouTube ein Pro-Obama-Video eingestellt.

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