US-Wetterphänomen Am Wochenende gibt es viel mehr prima Klima

Verkehrte Welt? Im Südwesten der USA regnet es an Sommerwochenenden deutlich weniger als unter der Woche. In Deutschland ist es umgekehrt. Forscher glauben, dass beide Phänomene den gleichen Grund haben: die Abgasemissionen an Werktagen.

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Das Leben ist ungerecht. Man sitzt die Woche über im Büro und draußen ist blauer Himmel und die Sonne scheint. Am Samstag schließlich, wenn endlich die Zeit da ist, das herrliche Wetter zu genießen, verdunkeln plötzlich dicke Wolken den Himmel und es regnet. Diese Beobachtung ist übrigens durchaus typisch für Deutschland, wie Meteorologen der Universität Karlsruhe erst unlängst festgestellt haben. Am Wochenende ist das Wetter nachweisbar schlechter als unter der Woche, wie mehrjährige Statistiken zeigen.

Aufgehende Sonne in Kalifornien (Archivbild): Prima Wetter an Samstagen
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Aufgehende Sonne in Kalifornien (Archivbild): Prima Wetter an Samstagen

Noch ungerechter aus Sicht deutscher Arbeitnehmer erscheint dieses Schlechtwetterphänomen, wenn man es mit der Situation im Südwesten der USA vergleicht. Auch dort ändert sich das Wetter an Samstagen und Sonntagen, wie US-Forscher nun durch Beobachtungen per Satellit herausgefunden haben. Allerdings wird es an den freien Tagen besser: Es klart an Sommerwochenenden auf und regnet deutlich weniger. Die Deutschen müssen samstags zum Regenschirm greifen, die Amerikaner sonnen sich.

Thomas Bell und seine Kollegen vom Goddard Space Flight Center der Nasa in Greenbelt, Maryland, haben Daten des Satelliten "TRMM" aus den Jahren 1998 bis 2005 ausgewertet, um die tägliche Regenmenge an Sommertagen im Südwesten der USA abzuschätzen. "TRMM" steht für Tropical Rainfall Measuring Mission. Zusätzlich wurden diese Daten mit Messungen von Bodenstationen verglichen.

Das Ergebnis war eindeutig: Bei Sommergewittern fielen zur Mitte der Woche deutlich mehr Niederschläge als gegen Ende der Woche. Gewitter an Wochenenden waren weniger heftig, das Wetter an Samstagen und Sonntagen insgesamt trockener, berichten die Forscher im Fachblatt "Journal of Geophysical Research - Atmospheres".

1,8-mal mehr Niederschläge

Von Dienstag bis Donnerstag regne es im Durchschnitt mehr als von Samstag bis Montag. Das Maximum der Niederschläge werde am späten Donnerstag erreicht, schreiben Bell und seine Kollegen. Dienstagsnachmittags fielen die meisten Tropfen vom Himmel – und zwar 1,8 mal mehr als an Samstagnachmittagen.

Was zunächst wie das Gegenteil der Situation in Deutschland aussieht, stellt sich bei näherer Betrachtung jedoch anders dar. "Die Ergebnisse passen zusammen", sagte Dominique Bäumer vom Karlsruher Institut für Meteorologie und Klimaforschung im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bell und seine Kollegen hätten nur die Sommerwochen betrachtet, "wir hingegen das ganze Jahr", erklärt der Forscher.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Bernhard Vogel hatte er bereits vor einem Jahr Daten von zwölf Stationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) analysiert. Samstag und Sonntag sind demnach im langjährigen Mittel der Jahre 1991 bis 2005 die Tage der Woche mit dem schlechtesten Wetter. Die Niederschläge sind höher, die Temperaturen niedriger, die Sonne scheint seltener.

"Wir haben die Statistik für Deutschland nun auch nach Jahreszeiten ausgewertet und kommen auf ein ähnliches Ergebnis wie die US-Kollegen", erklärte Bäumer. "Im Sommer liegt das Niederschlagsmaximum schon vor dem Wochenende." Interessant aus wissenschaftlicher Sicht sei, dass sich auch in großen Teilen der USA ein Muster mit einer Periode von einer Woche finde.

Periodisches Muster

Der Verdacht, dass diese Regenhäufung an Arbeitstagen diesseits wie jenseits des Atlantik mit Emissionen von Verkehr und Industrie zusammenhängt, liegt nahe. Und tatsächlich zeigen Statistiken aus Deutschland und von der amerikanischen Environmental Protection Agency (EPA), dass die Emissionen Mitte der Woche ihren Höhepunkt erreichen. "Wenn zwei Dinge zugleich passieren, muss das nicht heißen, dass das eine die Ursache des anderen ist", erklärte Bell. "Aber wir wissen, dass bestimmte Stoffe das Potential haben, das Verhalten von Wolken zu beeinflussen." Das spreche dafür, dass Emissionen hinter der Regenhäufung Mitte der Woche steckten.

Feine Staubpartikel bilden sogenannte Kondensationskeime. Wasser und Eis sammeln sich an den kleinen Teilchen, Regentropfen entstehen. Die Forscher glauben allerdings, dass mehr Kondensationskeime die Niederschlagsmenge sogar vermindern, weil sich das Wasser auf mehr Partikel verteilt, so dass sich keine großen Tropfen bilden können, die als Regen zu Boden fallen können.

Frühere Studien hätten jedoch gezeigt, dass es auch entgegengesetzt wirkende Faktoren gebe, die diesen Dispersionseffekt kompensieren könnten, schreiben die US-Forscher. Dies bestätigt auch der Karlsruher Meteorologe Bäumer: "Mehr Aerosole, mehr Tröpfchen, mehr Niederschlag - so einfach sind die Vorgänge nicht. Auch die Temperatur spielt eine wichtige Rolle".

Höhere Wolken, mehr Regen

Im Sommer, bei höheren Temperaturen, würden die Tröpfchen in höhere Atmosphärenschichten transportiert, erklärte der Forscher. Nach den aktuellen Modellen sei dies möglich, weil durch mehr Aerosolpartikel ein frühes Abregnen von Wolken unterdrückt werde. Die Folge: "Es gibt mehr hochreichende Wolken und tatsächlich mehr Regen." Diese Theorie wird auch durch Messungen des "TRMM"- Satelliten bestätigt. Gewitterwolken seien Mitte der Woche tatsächlich in höheren Atmosphärenschichten zu finden, schreiben die US-Meteorologen. Diese durch Emissionen verstärkten Wolken seien für den nachweisbar höheren Niederschlag verantwortlich.

Im Winter ist die Situation etwas anders: Mehr Aerosole hätten mehr kleine Tropfen in niedrigen Höhen zur Folge, erklärte Bäumer. Es regne deshalb an Werktagen tendenziell eher weniger. "Beide Effekte sind Gegenspieler. Im Jahresdurchschnitt fällt in Deutschland am Samstag aber mehr Regen als Mitte der Woche."

Die Wissenschaftler hoffen, den kurzfristigen Einfluss des Menschen auf das Wetter künftig immer besser verstehen zu können. Nasa-Forscher Bell sieht sogar schon eine Anwendung: präzisere Wettervorhersagen. Womöglich würden derzeit in den Sommermonaten Regenfälle am Anfang der Woche unterschätzt, jene am Wochenende hingegen überschätzt. Wie dem auch sei: Über bessere Wetterberichte fürs Wochenende würden sich viele freuen, allerdings sollten sie dann auch stimmen.



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