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21. Februar 2019, 15:07 Uhr

Raubsaurier-Evolution

Forscher finden T-Rexchen

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Wer Raubsaurier hört, denkt an riesige Tiere. Das ist nicht ganz richtig: Frühe Verwandte von Tyrannosaurus waren sogar besonders klein. Und das wohl weit länger als bisher gedacht.

Ein amerikanisch-südafrikanisches Forscherteam hat in Utah Überreste eines ungewöhnlich kleinen Verwandten des T-Rex ausgegraben. Der Fund schließt eine Lücke im fossilen Befund der Tyrannosauroidea, die zu den heute bekanntesten Raubsauriern gehören. Sie lebten im Zeitfenster von 165 bis 66 Millionen Jahren ausschließlich auf den nördlichen Kontinenten. Die Erstbeschreibung der neu entdeckten Art Moros intrepidus, die vor circa 97 Millionen Jahren gelebt haben soll, erscheint in der aktuellen Ausgabe der "Nature Communications Biology".

Was dem Laien an diesem Moros ungewöhnlich erscheint: Er war ein Fliegengewicht. Äußerlich unverkennbar ein Raubsaurier, brachte er wohl nur knapp 78 Kilogramm auf die Waage.

Fans des "Jurassic Park" würden ihn damit als zierlichen "Raptor" verbuchen: Flinke, eher schlanke und kleine Raubtiere, die aller Wahrscheinlichkeit nach meist im Rudel jagten. Sprinter, Renner und Reißer waren das, keine schwergewichtigen Kampfmaschinen. Mehr Wolf als Tiger, aber so agil und tödlich, dass sie wohl auch Beutetieren gefährlich wurden, die ein Vielfaches schwerer waren als sie selbst.

Das sechsköpfige Forscherteam um Lindsay E. Zanno beschreibt die neu entdeckte Art nun auf Basis graziler Beinknochen und Zähne, die an einer schlammigen, längst verschwundenen Uferlinie im heute sehr trockenen Utah begraben wurden. Die Funde zeigten genügend eindeutige Merkmale, um sie einer konkreten Familie von Raubsauriern zuordnen zu können. Der Moros intrepidus, da sind sich die Forscher sicher, gehörte definitiv zu den Tyrannosauroidea.

Und die kennt jedes Kind als furchterregende Raubtiere von immenser Größe. Der kleine Moros, sagen seine Entdecker, sei der älteste bisher gefundene Vertreter der Familie in der Kreidezeit. An deren Ende stand sein prominentester und letzter Nachfahre, der Tyrannosaurus rex, an der Spitze der Nahrungskette im heutigen Nordamerika.

Bis zur Mitte der Kreidezeit waren die Vorfahren von T-Rex allenfalls mittelgroß, im Jura sogar eher klein: Die ökologischen Nischen für Groß-Raptoren wurden in der nördlichen Hemisphäre von Allosauriern und anderen besetzt. Allosauroidea sahen dem späteren T-Rex zwar ziemlich ähnlich, waren mit den Tyrannosauroidea aber nur sehr weitläufig verwandt: Die zwei Entwicklungslinien, die zahlreiche verschiedene Arten umfassten, trennten sich bereits vor mehr als 160 Millionen Jahren.

Gigantismus: Warum dieses Größenwachstum?

Allosauroidea wuchsen schnell zu Riesen heran. Frühe Tyrannosauroidea setzten dagegen auf Geschwindigkeit, nicht auf Kraft und Größe. Erst, als die Allosaurier ausstarben, nahmen sie deren Platz ein - und entwickelten schnell enorme Größen, die von Raubsauriern der nördlichen Hemisphäre nicht mehr übertroffen wurden.

Da könnte man fragen, warum eigentlich: Viele Jahrmillionen waren Tyrannosauroidea mit ihrer auf Geschwindigkeit fußenden Jagdstrategie doch offenbar höchst erfolgreich. Die Frage nach den Gründen des Gigantismus bei den Dinosauriern treibt Forscher seit deren Entdeckung um. Die meisten Entwicklungslinien zeigten eine Tendenz zu zunehmender Größe.

Inzwischen glaubt man, eine Antwort auf die Frage nach den Gründen dafür gefunden zu haben. Der Bonner Paläontologe Martin Sander, der über den Gigantismus bei Sauropoden ("Langhals-Dinosaurier") forschte, hält Größe für einen Wert an sich. Bei der Partnerwahl würden große Tiere bevorzugt, was evolutionär wirke. Größe schütze den Pflanzenfresser vor Fressfeinden.

Fleischfresser hingegen gerieten durch deren zunehmendes Wachstum ins Kielwasser der Entwicklung - große Pflanzenfresser bedeuteten viel Beute. An die konnten aber nur die herankommen, die ihrerseits groß genug wurden. Das gilt selbst dann, wenn man davon ausgeht, dass große Tyrannosauroidea in ihrer ausgewachsenen Form auch Aasfresser gewesen sein könnten. Auch hier hätte dann ihre Größe ein im Wortsinn riesiges Nahrungsangebot erst verwertbar gemacht.

Warum Gigantismus Sauriern physisch überhaupt möglich war, während Säugetiere offenbar nicht so groß werden können, weiß man inzwischen auch: Dinosaurier atmeten wie Vögel, die ja auch ihre letzten lebenden Nachfahren sind. Sie verfügten über einen Lungenapparat, der Sauerstoff erheblich effektiver verarbeiten konnte. Das aber geht mit einem deutlich höheren Stoffwechsel einher. Man kann die Frage nach den Gründen für das Riesenwachstum also auch höchst salopp beantworten: Sie wuchsen, weil sie es konnten. Ihre Körper waren darauf vorbereitet, extrem viel Energie umzusetzen und rapide zu wachsen.

Dass auch die Tyrannosauroidea schließlich diesen Weg gingen, lag wohl daran, dass die ökologische Nische für Groß-Raptoren durch das Aussterben von Konkurrenten frei wurde. Dass aber keine Nische im Biotop lang unbesetzt bleibt, scheint zu den Grundregeln des Lebens zu gehören: Wo Raum und Nahrung ist, breitet sich auch Leben aus.

Der Siegeszug der Tyrannosauroidea: spät, aber eilig

Wie schnell diese Entwicklung vom Klein-Raptor zum räuberischen Riesen dann vonstatten gegangen sein muss, zeigt nun Moros intrepidus. Denn obwohl die Forschung inzwischen zahlreiche frühe sowie späte Tyrannosauroidea kennt, klafft eine satte, 70 Millionen Jahre umfassende Lücke zwischen den Fossilfunden der verschiedenen Größenklassen. Zwischen den frühen Klein-T-Rexchen und ihren gigantischen Nachfahren fand man bisher nur wenige Zwischenschritte - man hätte also davon ausgehen können, dass die Größenzunahme in der Kreidezeit allmählich verlief.

Moros zeigt nun, dass es rund 15 Millionen Jahre länger als bisher gedacht "kleingewachsene" Tyrannosauroidea gab. Wenn das stimmt, dann blieben diese rund 70 Millionen Jahre ihrer Entwicklung kleine Hatzjäger, die es dann erst in den letzten 30 Millionen Jahren ihrer Existenz schafften, ihre Masse zu verhundertdreißigfachen: Schätzungen über das Gewicht der größten T-Rex variieren zwischen sieben und vierzehn Tonnen.

Moros ist aber nicht nur interessant, weil er zeigt, wie spät diese Entwicklung einsetzte. Er verbindet auch die Populationen und Arten im heutigen Nordamerika mit denen in Asien - der kleine Tyrann zeigt Merkmale, die man hüben wie drüben findet. Seine Entdecker vermuten letzte interkontinentale Kontakte in einer Zeit, als der mächtige Großkontinent Laurasia gerade in seine heute noch bestehenden Teile Nordamerika und Eurasien zerfiel.


Zusammengefasst: Paläontologen entdeckten in Utah das Fossil eines ungewöhnlich kleinen T-Rex-Verwandten. Der rund 97 Millionen Jahre alte Fund deutet darauf hin, dass Tiere aus der Familie der Tyrannosauridae erst spät große Wuchsformen hervorbrachten. Körperliche Merkmale verbinden den Fund Moros intrepedus mit verwandten Tieren in Asien.

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