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Sperrwerk "Mose" Die Überflutung Venedigs hätte verhindert werden können

Die Venezianer sind sauer: Seit 17 Jahren baut die Stadt an einer Schutzbarriere gegen die Fluten, doch das Projekt ist der BER Italiens - nur schlimmer.

"Mose": Der Name passt perfekt zu dem riesigen Bollwerk, das Venedig vor Fluten und dem steigenden Meeresspiegel abschirmen soll. Ähnlich wie der Prophet in der biblischen Geschichte wird das Sperrwerk eines Tages das Meer teilen.

Das experimentelle, elektromechanische Modul, kurz "Mose", funktioniert wie ein aufklappbarer Deich: Insgesamt 78 Fluttore sollen die drei Zugänge zur Lagune von Venedig verschließen - jedes wiegt gut 250 Tonnen und ist bis zu fünf Meter dick, 20 Meter breit und 30 Meter hoch.

Bei normalen Pegeln sind die Stahlkästen mit Wasser gefüllt und liegen waagerecht auf dem Meeresboden. Erreicht die Flut jedoch den kritischen Wert von 1,10 Meter über dem Normalstand, wird Luft in die Spitze der Kästen gepumpt, das Wasser wird verdrängt und die Kästen richten sich auf, so die Theorie.

Doch technische Pannen, Korruption und entnervte Verantwortliche, die ihren Posten hinschmissen, haben das Projekt immer wieder verzögert.

"Mit Mose wäre das nicht passiert"

Die Folgen bekam die Lagunenstadt in der Nacht zu Mittwoch zu spüren. Die Pegel schwollen auf bis zu 1,87 Meter über Normalwert an, Boote rissen sich los, mindestens ein Mensch kam ums Leben. Inzwischen hat Italiens Regierung den Notstand ausgerufen.

Kunstwerke und berühmte Sammlungen blieben bisher offenbar verschont, doch das salzige Wasser setzt den historischen Gebäuden zu. Kulturminister Dario Franceschini sprach von einem "Notfall".

Mit "Mose", ist sich Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro sicher, wäre das nicht passiert. Er fordert, das Mega-Projekt so rasch wie möglich zu Ende zu bringen.

Seit jeher kämpfen die Venezianer gegen den Untergang ihrer Stadt, die sie dem Wasser abgetrotzt hatten. Sie pflanzten Sträucher, bauten Palisaden, Wälle aus wasserfestem Beton. Im 14. Jahrhundert wurde alles, was den Hochwasserschutz gefährdete, streng bestraft, bis hin zu öffentlichem Auspeitschen.

Über die Jahrhunderte haben sich die Venezianer daran gewöhnt, dass sie mehrmals im Jahr mit Gummistiefeln über den Markusplatz waten müssen. Doch zuletzt haben die Überschwemmungen deutlich zugenommen. (Warum das so ist, lesen Sie hier).

"Die große Unvollendete"

Schon in den Achtzigerjahren entschied die Stadt, das Barrieresystem "Mose" zu bauen. Es gilt als das größte Infrastrukturprojekt Italiens seit Ende des Zweiten Weltkriegs. 2003 setzte Silvio Berlusconi, damals Ministerpräsident, den ersten Grundstein. Acht Jahre später sollte das Projekt abgeschlossen sein. Doch die Fertigstellung verzögerte sich ständig, erst auf 2014, dann auf 2017, im Moment ist von 2021 die Rede.

Erst rosteten Teile der Konstruktion, ehe die Tore überhaupt eingesetzt werden konnten. Dann stellte sich heraus, dass Bauunternehmer und Politiker an dem Projekt kräftig mitverdienten - insgesamt gut 500 Millionen Euro. 2014 kam es zu Dutzenden Verhaftungen bis in höchste Regierungskreise. Der Vorwurf: Geldwäsche, Veruntreuung und Erpressung. Der damalige Verkehrsminister Altero Matteoli wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Pikant: An dem Bau von "Mose" ist auch eine Finanzholding der Familie Berlusconi beteiligt.

Im Video: Überflutung in Venedig - für Touristen eine Attraktion

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Wegen der Verzögerung nennen italienische Medien das riesige Sperrwerk auch "die große Unvollendete". Ursprünglich sollte der Stahldamm 1,6 Milliarden Euro kosten, inzwischen hat er mehr als das Dreifache verschlungen. Am Ende wird sich die Rechnung auf mindestens sechs Milliarden Euro belaufen.

Ist die ausklappbare Stahlwand irgendwann fertig, soll sie Venedig vor bis zu drei Meter hohen Sturmfluten bewahren. Die einzelnen Tore werden in speziellen Senkkästen verankert. Kommt es zu einer Flut, sollen sich die Tore nicht gleichzeitig aufrichten, sondern nacheinander. Bis die Flutmauer steht, wird voraussichtlich eine halbe Stunde vergehen. Damit weiter Schiffe in den Hafen fahren können, wenn die Tore oben sind, ist eine 370 Meter lange Schleuse geplant.

Doch längst nicht alle glauben an den Erfolg des Projekts. So können einige Teile Venedigs auch bei niedrigeren Wasserständen überflutet werden, bei denen die Tore nicht hochfahren würden.

"Zu 92 bis 93 Prozent fertig"

"Jeder, der die Lagune kennt, weiß, dass man sie nicht mit Stahlbeton zumachen kann", sagte ein Venezianer der Nachrichtenagentur dpa. Die Kritik vieler Bewohner: Statt sich um den Hochwasserschutz zu kümmern, habe die Politik die Stadt an den Tourismus und Kreuzfahrtunternehmen verkauft. Die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren explodiert, viele Venezianer können sich die Mieten nicht mehr leisten.

Forscher fürchten zudem, dass durch das Sperrwerk andere Probleme entstehen. Bei anhaltend hohen Wasserständen müsste die Lagune vielleicht über Tage vom Adriatischen Meer abgeriegelt werden. Dadurch könnte der Sauerstoff im Wasser der Lagune knapp werden und das Ökosystem kollabieren. Die Lagune von Venedig würde zur Kloake.

Einige Forscher schlagen deshalb vor, die ganze Stadt anzuheben, beispielsweise mittels flüssigen Zements. Die Idee stammt bereits aus den Siebzigerjahren. Damals wurde eine kleine Insel in der Lagune von Venedig erfolgreich um zehn Zentimeter angehoben.

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte gelobt indes Besserung. Sein Versprechen: "Mose" sei zu "92 bis 93" Prozent fertig und soll 2021 in Betrieb gehen. Allerdings haben schon andere vor ihm Ähnliches versprochen. 2013 hieß es, das Bollwerk sei zu 75 Prozent fertig.

Zusammengefasst: Eigentlich sollte das mobile Sperrwerk "Mose", das Venedig vor Fluten und steigendem Meeresspiegel abschirmen soll, längst fertig sein. Doch technische Pannen und Korruptionsvorwürfe haben die Arbeiten immer wieder verzögert. Nun soll das Bauwerk 2021 den Betrieb aufnehmen, verspricht Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte.

Mit Material von dpa