Veränderte Luftströmungen Warum der Winter kein Winter mehr ist

Der Winter ist kein echter Winter mehr - nur ein Gefühl oder Realität? Meteorologen haben Daten der vergangenen 130 Jahren ausgewertet. Sie zeigen, dass sich das deutsche Winterklima tatsächlich stark gewandelt hat - und dass im Flachland vermutlich wieder nichts aus der weißen Weihnacht wird.
Oberwiesenthal (Archivbild): "Für das Flachland ist weiße Weihnacht fast ein kleines Wunder"

Oberwiesenthal (Archivbild): "Für das Flachland ist weiße Weihnacht fast ein kleines Wunder"

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Großeltern erzählen die Geschichte immer gern, wenn das Dezemberwetter ist wie derzeit: eher zu warm und ziemlich nass. Früher, so heißt es dann, seien die Winter wesentlich kälter und schneereicher gewesen. Alles nur Anekdoten, gefärbt von Nostalgie?

Forscher haben jetzt für SPIEGEL ONLINE Wetterdaten der letzten 130 Jahre detailliert analysiert. Das Ergebnis: Die Geschichten der Großeltern stimmen im Großen und Ganzen. Während in den letzten Jahren vermehrt regnerisches Westwindwetter herrschte, lagen früher im Winter öfter Hochdruckgebiete mit blauem Himmel und knackiger Kälte über Mitteleuropa.

Meteorologen führen das auf langfristige Veränderungen zurück. Andere Luftströmungen als früher bestimmen die Witterung, sagt Wolfgang Fricke vom Deutschen Wetterdienst DWD. Er hat die Wetterdaten der Station Hohenpeißenberg in Oberbayern ausgewertet, die zu den ältesten Deutschlands zählt. Zwar hat Fricke nicht die Daten anderer Stationen berücksichtigt, was er aber für unkritisch hält, da ganz Mitteleuropa im Einfluss der Westwindzone liegt und sich eine Wetterlage meist in der gesamten Region bemerkbar macht.

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Wetter in Deutschland: Weitgehend schneefreier Winter

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Wie sich Luftmassen verschieben, entscheidet der Zufall. Schon kleine Verwirbelungen können zu gewaltigen Luftströmungen heranwachsen. Kein Satellit, kein Supercomputer kann die Luftbewegungen vorhersehen. Da helfen oft nur noch Bauernregeln - die manchmal erstaunlich treffsicher sein können, wie Meteorologen herausgefunden haben. SPIEGEL ONLINE verrät, warum so manche alte Weisheit noch immer gilt und warum das Winterwetter heute anders ist als früher.

Anfang Dezember lässt sich absehen, ob Weihnachten weiß wird

Für Prognosen eignen sich Bauernregeln, die von der modernen Meteorologie bestätigt wurden. Bereits Anfang Dezember lasse sich etwa absehen, ob Weihnachten weiß werde, erklärt der Meteorologe Horst Malberg von der Freien Universität Berlin. Liege dann eine Schneedecke, gebe es in zwei von drei Jahren weiße Weihnachten - dieses Jahr dürfte es demnach wieder nichts werden mit weißen Weihnachten.

Die Sehnsucht nach einer geschlossen Schneedecke zu den Feiertagen ist alt. Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts herrschte um den 24. Dezember herum meist das berüchtigte Weihnachtstauwetter. "Für das deutsche Flachland ist weiße Weihnacht fast ein kleines Wunder", meint Gerhard Müller-Westermeier vom DWD. Stattdessen herrscht im Dezember das mieseste Wetter des Jahres. Es ist der dunkelste und nebligste Monat und einer der niederschlagsreichsten. Der 30. Dezember ist sogar der Tag mit der größten Niederschlagswahrscheinlichkeit im gesamten Jahr. In Süddeutschland kommt der dicke Donaunebel hinzu, der Passau, Regensburg und Ulm vor allem im Dezember tagelang einhüllen kann.

Im Dezember liegt Europas Wetterküche meist über dem Nordatlantik. Angetrieben vom Luftdruckgegensatz zwischen den Azoren und Island strömt milde Meeresluft nach Europa - so wie auch meist in den letzten Wochen. Die Luft hat sich über dem Ozean mit reichlich Wasserdampf vollgesogen. Gelangt sie nach Deutschland, herrscht hier trübes Regenwetter.

Warum der Winter kein Winter mehr ist

Die Witterung nach Weihnachten stellt oft die Weichen für den restlichen Winter im Januar und Februar. Ein alter Merksatz eignet sich zur Prognose: "Ist bis zum Dreikönigstag kein Winter, so kommt auch keiner mehr dahinter." In vier von fünf Jahren erweise sich die Bauernregel als korrekt, so Malberg.

Allerdings: Es ist inzwischen kein Verlass mehr darauf, dass zum Jahresanfang Kälte über Deutschland hereinbricht, sagt DWD-Meteorologe Fricke. Im Januar hätten sich trübe Westwindlagen mehr als verdoppelt. Klare Hochdruckwitterung stelle sich nur noch halb so oft ein wie früher - an durchschnittlich gerade einmal drei Januartagen. Auch aus dem Südwesten kommt warme Nässe: Von dort gelangte im Durchschnitt an lediglich zwei Wintertagen regnerische Meeresluft nach Deutschland - heute an rund 15 Tagen.

Der Wettstreit zwischen Luftmassen aus Ost und West entscheidet, wie das Winterwetter wird. Nur wenn sich über Asien starker Hochdruck breitmacht, der die atlantischen Tiefs blockiert, bekommt Deutschland echtes Winterwetter. Solch eine Wetterlage erwarten Meteorologen für die kommenden Tage.

Die strengste Kälte Mitteleuropas wird in sternenklaren Nächten in Sibirien geboren. Hoher Luftdruck über den Weiten der Tundra pumpt den Eisatem nach Westen. Auch russische oder arktische Polarluft sorgen hierzulande für tiefe Minusgrade - und mitunter für prächtige Fernsicht wie am Nordpol. Die kalten Winde aus Nordost, Nord, oder Nordwest waren lange Zeit die häufigste Wetterlage im Winter. Ende des 19. Jahrhunderts herrschte noch an rund 46 Tagen eine sogenannte Nordlage, sagt Fricke. Seither wurden es stetig weniger; in den letzten Jahren bestimmten Nordströmungen lediglich an 33 Wintertagen das Wetter in Deutschland.

Die kältesten Wintertage kommen hierzulande meist Ende Januar oder Anfang Februar: "Werden die Tage länger, so wird die Kälte strenger", lautet eine alte Bauernweisheit. Neue Daten dokumentieren regionale Unterschiede: Freiburg sei im Winter die wärmste, München die kälteste Großstadt in Deutschland, erklärt Müller-Westermeier.

Januar 2010: Wahrscheinlich kalt und sonnig

Meteorologisch hat der Winter bereits am 1. Dezember angefangen, astronomisch beginnt er am 21. Dezember, dem kürzesten Tag des Jahres. Aufgrund der langen Datenreihen lässt sich für diesen Winter immerhin eine grobe Prognose aufstellen. Es gilt die moderne Bauernregel, wonach einem warmen November meist ein frostiger Januar folgt. Demzufolge wird der Januar also vermutlich kalt und sonnig - jedenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Einen Vorgeschmack gibt es in den kommenden Tagen, für die der DWD winterliches Wetter mit gelegentlichem Schneefall voraussagt. Für die nächste Woche erwartet MeteoGroup gar Minusgrade mit eisigem Wind in weiten Teilen Deutschlands. Weitergehende Vorhersagen aber sind, wie so oft, äußerst unsicher.

Nur zwei Tage können das Frühjahr bestimmen

Ein wichtiges Datum ist der 25. Januar: Sonnigem Wetter an diesem Tag folge in drei von vier Jahren ein sonniges Frühjahr, meint Malberg. Auch am 2. Februar lohnt sich der Blick aus dem Fenster: Ist es sonnig, gibt es bis Ende März in zwei von drei Jahren mehr Frost als üblich. Ursache für solche Zusammenhänge ist die sogenannte Erhaltungsneigung des Wetters: Hat sich eine Witterung eingestellt, neigt sie dazu, zu verharren. Besonders ausgeprägt sei die Erhaltungsneigung von Januar zu Februar, so Müller-Westermeier: Auf Kälte folgt Kälte, nach Milde kommt Milde.

Auch hier ist der generelle Trend zu mehr Wärme zu erkennen: Im Februar tritt mittlerweile deutlich mehr regnerisches Westwindwetter und weniger Hochdruck auf, sagt Fricke. Im Osten und Süden Deutschlands falle der Niederschlag aber überwiegend als Schnee. In Garmisch-Partenkirchen liegt an 25 Februartagen eine geschlossene Schneedecke, in München immerhin an 19. Die Niederschläge im Februar verteilen sich üblicherweise auf 14 Tage. Als schneesicher gelten in Süddeutschland die Tage nach dem 5. Februar.

Wie wird der Frühling? Die zweite Februar-Hälfte entscheidet oft

Ist der Februar zur Hälfte vorbei, werden im ganzen Land wieder die Wetterweichen gestellt: Bleibt es vom 20. bis 23. trocken, kündigt das in neun von zehn Jahren eine regenarme Phase bis Ende März an, so Malberg. Die meisten der zahllosen Regeln, die einen Zusammenhang zwischen Februar- und Frühlingswetter herstellten, seien hingegen unhaltbar, ergänzt sein Kollege Müller-Westermeier.

Veränderte Wetterlagen hätten im Winter milde und regnerische Witterung nach Deutschland gebracht, resümiert Fricke. Wie der Wandel mit der weltweiten Klimaänderung zusammenhänge, sei allerdings ungeklärt. Zwar habe sich die bodennahe Lufttemperatur im globalen Durchschnitt erhöht. Regionale Wettermuster verstärkten oder schwächten den Trend jedoch. Lokale Effekte können beträchtlich sein, sagt Fricke: "Hätten wir zehn Prozent mehr Bewölkung über Deutschland, wäre die Erwärmung der letzten 30 Jahre zunichte."

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