Verbot von Gen-Honig Keine Angst vor Mini-Monstern!

Der EuGH hat entschieden: Honig mit Spuren von gentechnisch veränderten Pollen darf in der EU in bestimmten Fällen nicht mehr verkauft werden. Angst vor Mini-Monstern im Honig-Glas braucht aber niemand zu haben - ein bisschen Nachdenken vor dem nächsten Kauf ist jedoch dringend anzuraten.
Von Christian Schwägerl
Bienen bei der Arbeit: Honig als Massenprodukt zu Billigpreisen

Bienen bei der Arbeit: Honig als Massenprodukt zu Billigpreisen

Foto: REUTERS

Zu Honig-Angst besteht auch nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs kein Grund. Das Gericht hat am Dienstag prominent auf mögliche Spuren von Gentechnik-Pollen hingewiesen und sie für unzulässig erklärt. Doch in keinem Honigglas verstecken sich Mini-Monster. Niemand ist in Gefahr, beim Frühstück hinterrücks von Killer-Pollen angefallen zu werden, der zwischen goldbraunen Zuckerschwaden auf seine Opfer lauert.

Sicher, nicht alle Risiken sind bis zuletzt erforscht. Aber auch wenn professionelle Gentechnik-Gegner gerne einen gegenteiligen Eindruck erwecken, gibt es in der Fachliteratur bisher keine Hinweise darauf, dass gentechnisch veränderte Pflanzen, gleich wo auf der Welt sie angebaut werden, direkt gesundheitsschädlich sein könnten. Die allseits verhassten Firmen, die an "Gentech-Pflanzen" verdienen, etwa der US-Konzern Monsanto, haben schon im Dienst der Kundenbindung ein gewisses Interesse daran, Saatgut für Futter- und Lebensmittel zu verkaufen und nicht Giftpflanzen, deren Konsumenten mit Schaum vor dem Mund umfallen.

Wer also in den nächsten Tagen in seinem Lebensmittelladen beobachtet, wie der freundliche Verkäufer wegen Gentechnik-Spuren just jene Honigsorte aussortiert, die zuhause noch im eigenen Küchenregal steht, muss sich nicht beunruhigen. Man kann das Glas beim Frühstücken problemlos leeren, ja es wäre ein ziemliches Zeichen von Respektlosigkeit den fleißigen Bienen gegenüber, es aus übertriebener Gentechnik-Angst halbvoll wegzuwerfen.

Woher kommt der Honig?

Beim Kauf des nächsten Glases besteht dann aber sehr wohl guter Grund, nachdenklich zu sein und genau hinzusehen. Denn woher kommt der Honig, von dem jeder Bundesbürger im Durchschnitt mehr als ein Kilogramm pro Jahr verzehrt? Bisher schenken die meisten Kunden dieser Frage wenig Aufmerksamkeit. Der Gesetzgeber fördert die Ignoranz auch noch. Er schreibt nur eine äußerst vage Herkunftsangabe vor.

Wie bei vielen anderen Produkten machen industrielle Hersteller auch beim Honig mit trügerischen Bildern von Heimatidyllen und Postkartenlandschaften Werbung, so als ob sie sich beim Hobbyimker um die Ecke eindecken würden. Dass ihr Produkt zu 80 Prozent von weither aus Ländern wie Argentinien, Mexiko und China herangeschafft und oftmals lange gelagert wird, dürfen sie geschickt verschleiern. Dass in manchen dieser Länder in großem Stil eben auch gentechnisch veränderte Pflanzen auf den Feldern stehen, deren Pollen Bienen mit einsammeln, gehört zur industriellen Honiggewinnung mit dazu.

Hier liegt das eigentliche Problem von Honig mit Gentechnik-Spuren: Er kommt viel zu häufig aus ökologisch überstrapazierten Gebieten mit überindustrialisierter Landwirtschaft - und in der Regel von zu weit her.

Wie kaum ein anderes Produkt verbindet uns Honig mit dem ganzen Ökosystem, aus dem er stammt. Die Bienen unterhalten eine Art analoges Internet, über das sie Blüten, Brut und Konsumenten miteinander vernetzen. Damit ein einziges Glas voll wird, müssen die Bienen Hunderttausende Flüge zu Blüten zurücklegen. Sie schaffen dabei ein Abbild der Artenvielfalt und der ökologischen Gesundheit eines Gebiets.

Honig, ein unterschätztes Produkt

Es ist merkwürdig, dass viele Konsumenten zwar bei Lebensmitteln wie Wein und Käse großen Wert auf Herkunft und Entstehung legen, aber bisher Honig weitgehend als Massenprodukt wahrnehmen und ihn zu Billigpreisen bekommen wollen. Der hohe innere Wert dieses Produkts geht in der gängigen Massenwirtschaft weitgehend unter. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs bietet daher einen guten Anlass, darüber nachzudenken, welchen Honig man als Verbraucher wirklich will.

Wenn es Honig aus ökologisch intakten Landschaften sein soll, die den Etiketten der Herstellerfirmen irgendwie ähneln, dann ist nach dem Urteil ein guter Zeitpunkt, auf die Suche nach regionalem Honig zu gehen, Honig von leidenschaftlichen Imkern, die nicht nur ihre Bienen kennen, sondern auch die Pflanzen ihrer Region. Es ist auch ein guter Zeitpunkt darüber nachzudenken, welche Agrarpolitik es braucht, damit vielfältige Landschaften erhalten bleiben oder wieder neu entstehen, in denen Bienen ausreichend Blüten mit Nektar finden. Heute gewinnen in vielen Teilen Deutschlands Stadtimker deutlich mehr Honig pro Volk als Imker auf den Land, weil der Blüten- und Nektarreichtum in der Stadt schon deutlich größer ist als in agrarindustriellen Landstrichen.

Bienenkörbe auf den Dächern Berlins

Wer wirklich auf den Honig-Geschmack kommt und feststellt, was für einen großen Unterschied es zwischen Massenware und Honig aus regionaler, aufmerksamer, umweltbewusster Produktion gibt, bei dem keimt vielleicht sogar der Wunsch, es selbst mit der Imkerei zu versuchen. Gerade in den Städten entdecken junge Leute diese hohe Kunst wieder und stellen Bienenkörbe auf Dächer und Balkone. Das ungenutzte Potential dafür ist noch groß. Die Berliner zum Beispiel konsumieren pro Jahr 4000 Tonnen Honig, erzeugen aber nur 150 Tonnen davon selbst. Hier besteht die Chance auf eine regionale Honigwirtschaft, in der es je nach Jahreszeit verschiedenste Honigsorten gibt.

Professionelle Gentechnik-Gegner feiern das EuGh-Urteil als Schlag gegen Monsanto und Co. Zukunftsweisender wäre es, wenn sich nun wieder mehr Menschen für Honig, Bienen, Blüten und Ökosysteme interessieren würden.

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