Verdauung Böhnchen macht kein Tönchen

Frischer Wind im europäischen Landbau: Ein englischer Agrarforscher hat eine Gartenbohnen-Sorte gezüchtet, die keine Blähungen mehr hervorrufen soll. Die Vermarktung der abgasfrei verdaubaren Feldfrucht läuft allmählich an.

Von Volker Mrasek


Colin Leakey ist ganz schön rumgekommen in der Welt. Der heute 72-Jährige forschte in Uganda, in Äthiopien, Südafrika und Chile, zuletzt am King's College im englischen Cambridge. Doch wo der Biologe und Pflanzenzüchter auch hinkam - überall das Gleiche: Die Leute hielten sich mit dem Konsum von Bohnen vornehm zurück.

Abgasarme Bohnen: Enthalten kaum Tannine
Colin Leakey

Abgasarme Bohnen: Enthalten kaum Tannine

Von der Gewöhnlichen oder Gartenbohne (lateinisch: Phaseolus vulgaris) gibt es zwar etliche, weltweit verbreitete Unterarten oder Varietäten. Die Hülsenfrucht zählt zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt, ihre ovalen, zum Teil auch nierenförmigen Samen gelten als besonders nahrhaft. Doch der Verzehr ist eine windige Sache, da oft mit starken Blähungen oder gar Koliken verbunden. Die kleinen Klicker sind nun mal schwer verdaulich.

Leakey verbrachte beinahe sein ganzes Forscherleben damit, Speisebohnen das anrüchige Stigma zu nehmen. Am Ende, schon "halb im Ruhestand", wie er sagt, ist es dem Zuchtveteran gelungen. Eine dufte Sache: Auf zwei Feldern in East Anglia, zusammen etwa 20 Hektar groß, wächst nun eine neue Bohnensorte, die keine Blähungen mehr auslöst - jedenfalls "nicht mehr als ein Müsli oder jedes andere normale Getreide", so Leakey.

Eine Firma in Cambridge erntet die verdauungsfreundlichen Samen und beliefert damit Hersteller von Lebensmitteln. Englische Verbraucher nehmen sie laut Leakey in Tiefkühl-Fertiggerichten zu sich, vor allem in Suppen und in Chili con carne. Die verarbeiteten Mengen sind allerdings noch gering.

Von Phaseolus vulgaris gibt es unüberschaubar viele Zuchtlinien. Die neue Varietät, von dem Forscher auf den Namen "prim beans" getauft, ist auf klassischem Wege entstanden: durch Fremdbestäubung und Kreuzung einer schwedischen mit einer französischen Zuchtsorte.

Schuld sind schwerverdauliche Kohlenhydrate

Obwohl Bohnen eigentlich subtropischer beziehungsweise tropischer Herkunft sind, lassen sich die prim beans selbst im launischen Klima Englands anbauen und ernten. Ihre Samen sind oval, daumennagelgroß und nicht grün oder rot, sondern blassgelb. Das Erscheinungsbild ähnelt dem von Weißen Bohnen. Leakey sieht sie vor allem als abgasfreie Alternative zu roten Kidney-Bohnen.

Doch woher rühren die Anti-Bläheigenschaften des neuen Zuchtsprosses? Allgemein heißt es: Bohnen enthalten schwerverdauliche Kohlenhydrate, die von Darmbakterien zersetzt werden, und bei diesem Vergärungsprozess entsteht reichlich Gas. Das bestätigt auch Hans-Jörg Jacobsen, Professor für Molekulargenetik an der Universität Hannover. Bei den widerspenstigen Inhaltsstoffen handele es sich um sogenannte Oligosaccharide, bestimmte Zuckerverbindungen. "Viele dieser Stoffe dienen dem Schutz vor Fressfeinden", sagt Jacobsen.

Bei den prim beans dagegen könnte etwas anderes entscheidend sein, wie Colin Leakey vermutet: "Ihre Samenschalen enthalten so gut wie keine Tannine". Das sind weit verbreitete Gerbstoffe im Pflanzenreich. Sie gelten eigentlich als gesundheitsförderlich, da sie antioxidativ wirken, lassen sich aber - genau wie die Oligosaccharide - nur schwer verdauen. Dass seine blassgelbe Kreation so wenig von den sonst bohnentypischen Tanninen in sich trage, sei wohl der Knackpunkt, meint Mr. Bean. Ganz ähnlich liege die Sache bei Phaseolus-Sorten, die traditionell in Chile angebaut würden und dort als "Manteca-Bohnen" bekannt seien. Leakey: "Auch sie enthalten kaum Tannine und werden wegen ihrer Gasfreiheit geschätzt."

Vermarktung kann beginnen

Der Biologe bedauert, dass er mit seiner englischen Manteca nur schleppend vorankommt. Das erste Exemplar seiner gelben Bohne zog Leakey schon 1989 auf, "doch bis zum Anbau in erntefähigen Mengen ist es ein weiter Weg". Der war besonders steinig, weil Leakey nicht an Fördermittel der EU kam. Die flossen zwar, doch nicht in die klassische Züchtung. Ein Antrag zusammen mit einem französischen Partner sei abgelehnt, Geld nur für Projekte mit transgenen Pflanzen bewilligt worden, so der enttäuschte Brite: "Wir waren denen nicht modern genug."

Jetzt, da sie den Sprung in den Lebensmittelmarkt endlich geschafft haben, hofft Leakey auf eine wachsende Verbreitung seiner Böhnchen ohne Tönchen. Der Vermarktung in ganz Europa stehe im Prinzip nichts im Wege. Die Sorte sei registriert. Sie müsse nicht erst als "neuartiges Lebensmittel" genehmigt werden, es handele sich ja nur um die Kreuzung schon vorhandener Gartenbohnen-Linien. Allerdings sind die Ernteerträge der gelben Bohnen nicht sonderlich hoch. Da muss im Zweifelsfall noch einmal züchterisch nachgeholfen werden.

Leakey würde sich wünschen, dass möglichst viele Verbraucher Wind von der Sache bekommen und sich dann vielleicht für eine Gemüsesorte erwärmen, die sie der (folgen)schweren Verdauung wegen bisher verschmähten. Für die Gesundheit wäre das ein Gewinn. "Der Vorteil von Hülsenfrüchten wie Bohnen ist, dass sie mit Eiweiß und Mineralstoffen sehr gut ausgestattet sind", unterstreicht auch Pflanzengenetiker Jacobsen.

Colin Leakey hat ein weiteres Argument parat. Seine abgasfrei verdaubare Sorte - das versichert ihr Schöpfer jedenfalls - "schmeckt wirklich dufte".



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