Verhängnisvolle Expedition Passage in den kalten Tod

Es war die größte Arktisexpedition ihrer Zeit. Als alle Kontinente erschlossen, alle Meere befahren, alle Wüsten durchquert sind, soll Sir John Franklin 1845 für das britische Empire die Nordwestpassage finden. Es wird eine Reise in den Tod, nach deren Opfer die Helfer 14 Jahre lang suchen.
Von Walter Saller

Die Sonne ist unter den Horizont gesunken. Irgendwann, vor Wochen schon. Wie eine Glocke hat sich die Dunkelheit über die "Erebus" und die "Terror" gestülpt und die zwei Schiffe eingeschlossen in einer einzigen, endlosen Nacht. Die Zeit selbst scheint erstarrt in Frost und Finsternis, und im Januar 1848 haben die Männer der Besatzungen vermutlich längst jedes Gefühl für den Rhythmus von Tag und Nacht verloren.

Sie sind die Überlebenden derer, die einst in den hohen Norden ausgezogen sind mit einem britischen Volkshelden: Sir John Franklin.

1818 segelt Franklin das erste Mal in die Arktis. 1819–22 und 1825–27 leitet er zwei Expeditionen, die ihn berühmt machen und im Laufe derer er Tausende Kilometer der nördlichen Küste des amerikanischen Kontinents kartiert.

Im November 1828 heiratet er Jane Griffin. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, und genau wie Franklin ist sie eine tiefgläubige Christin.

Im April 1829 erhebt der König Franklin in den Ritterstand. Danach wirkt er unter anderem sieben Jahre lang als Gouverneur im heutigen Tasmanien. Und trotz seines Alters von fast 59 Jahren bestimmt ihn die britische Admiralität im Februar 1845 zum Leiter einer ganz besonderen Forschungsreise: der größten Arktisexpedition jener Zeit.

Die Order der Admiralität für das ehrgeizige Unternehmen lautet: Franklin soll an Grönland vorbei durch die Baffin Bay segeln, dann in Richtung Westen die Durchfahrt zur Bering-Straße erzwingen – und so die "Nordwestpassage" finden: den seit fast 350 Jahren gesuchten Seeweg zwischen dem Atlantik und dem Stillen Ozean.

"Allein schon der Name Franklin", schwärmt der Präsident der Royal Geographical Society, "ist in der Tat eine nationale Garantie." Auch die Admiralität ist davon überzeugt, dass dieses Vorhaben nicht scheitern kann. Denn im Großbritannien der industriellen Revolution breitet sich eine neue Anschauung der Welt aus. Man glaubt nicht mehr an die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur, sondern an die Überlegenheit der Technik. Für die Royal Navy bedeutet dies: Die Admiralität setzt auf eisenverstärkte Schiffsrümpfe, auf Dampfmaschinen, auf Nahrung in Dosen.

Zwei Schiffe stellt die Navy für die Expedition bereit, die "Erebus" und die "Terror": Ursprünglich als Kriegsschiffe gebaut, sind sie in den 1830er Jahren speziell für Polarexpeditionen umgebaut worden. 1840–44 hat James Clark Ross mit ihnen die Antarktis erforscht. Für das nun anstehende Vorhaben sind die Schiffe nochmals auf den neuesten Stand der Technik gebracht worden.

Die Dreimaster sind am Bug zum Schutz gegen das Eis mit Platten aus Kupfer und Eisen gepanzert, die Kombüsen mit Entsalzungsanlagen ausgerüstet, und Heißwasserkessel sollen die Mannschaftsräume heizen. In den Rümpfen beider Schiffe ist jeweils die Dampfmaschine einer Eisenbahnlokomotive installiert, um damit eine Schiffsschraube anzutreiben. 15 Tonnen wiegt das Ungetüm auf der "Erebus"; seine Leistung: 25 PS.

Die Schiffe sind beladen mit Proviant für exakt 1092 Tage auf See. Darunter über 60 Tonnen Mehl, 30 Tonnen Pökelfleisch, 15 Tonnen Schiffszwieback, eine Tonne Tee, drei Tonnen Tabak, vier Tonnen Schokolade und rund 4000 Liter Zitronensaft – gegen den Skorbut. Aber auch über 20.000 Liter hochprozentiger Rum sind an Bord – sowie immerhin fast 2000 Liter Wein und Brandy "für die Kranken": jene Männer, die für den Zuckerrohrschnaps zu schwach sind. Dazu rund 45 Tonnen Kochfleisch, Suppen, Gemüse und Kartoffeln in Zehntausenden von Konservendosen.

Auf beiden Schiffen gibt es Bibliotheken – 1700 Bücher auf der "Erebus", 1200 auf der "Terror" – und jeweils eine Art Drehorgel. Mit dem mechanischen Musikinstrument lassen sich 50 Melodien spielen, darunter zehn Hymnen.

Außerdem sind zahlreiche Instrumente für wissenschaftliche Untersuchungen an Bord. Nautische, geologische, zoologische, botanische. Schließlich, und als erste überhaupt, verfügt Franklins Arktisexpedition über eine Kamera – für daguerreotypische Platten mit Fotografien aus dem Eis.

Lesen Sie weiter: Schon viele träumten vom Nordwestweg zwischen Europa und Asien, Jacques Cartier, Francis Drake, Martin Frobisher, James Cook. Doch die Passage führt durch eine weiße Hölle von Inseln, Sunden und Packeis.

Und so segeln die beiden Schiffe am 19. Mai 1845 aus der Themsemündung. In Richtung Norden und auf der Suche nach der Nordwestpassage.

Den ersten Versuch, einen westlichen Weg nach Asien über den hohen Norden zu finden, unternimmt Giovanni Caboto, ein Venezianer in englischen Diensten. 1497 erreicht er dabei immerhin den nordamerikanischen Kontinent. Andere träumen nach ihm vom Nordwestweg zwischen Europa und Asien. Jacques Cartier, Francis Drake, Martin Frobisher, James Cook.

Doch die Region, die sie bezwingen müssten, ist monströs. Von der Baffin Bay im Osten bis zur Bering-Straße sind es fast 3000 Kilometer. Im Winter fällt die Temperatur auf Werte unter minus 40 Grad Celsius, und die Sonne verschwindet für Monate.

Den westlichen Teil nimmt die Beaufort-See ein, ein tiefes, so gut wie ständig vereistes Polarmeer. Schifffahrt ist nur entlang der Küsten möglich. Denn allenfalls dort taut in den kurzen arktischen Sommern das Meer auf.

Ganz andere Herausforderungen stellt aber der Irrgarten aus dicht gedrängten Inseln und Halbinseln, in den sich das amerikanische Festland im Nordosten auflöst, der Arktische Archipel. Allein Baffin Island, die größte Insel in der Region, hat die Ausdehnung Spaniens.

Die Inseln des Archipels trennt ein Netz von Sunden (sounds) und Meeresstraßen (straits). Viele dieser Wasserwege sind schmal und seicht und voller Untiefen und Klippen. Vor allem aber sind sie den Großteil des Jahres blockiert durch Eisschollen, die sich durch Wind und Strömung zu Packeiswällen auftürmen können, Dutzende von Metern hoch.

Es gibt viele weiße Flecken auf den Karten dieser Region. Und niemand weiß, ob dort überhaupt befahrbare Meeresstraßen existieren.

Irgendwo in dieser frostigen Welt, in diesem Wirrwarr aus Inseln, Landzungen, Felsküsten, Wasser und Eis, ist John Franklins Team verschwunden.

Die Expedition ist bereits mehr als zwei Jahre unterwegs, als die Lords der Admiralität 1847 zum ersten Mal ernsthaft über deren Verbleib diskutieren. Sonderlich beunruhigt sind sie wohl nicht.

Trotzdem schickt die Admiralität noch Ende 1847, Anfang 1848 drei Suchmannschaften aus.

Bis weit ins Jahr 1849 sind die Hilfsexpeditionen in der Arktis unterwegs. Sie finden keinen Hinweis, keine Spur. Nichts. Franklin und seine Männer sind nun schon seit über vier Jahren verschwunden, und langsam breitet sich in London die Befürchtung aus, dass die Expedition auf dramatische Weise gescheitert sein muss. Aber wieso? Bei der Admiralität gehen nach und nach die unsinnigsten Vorschläge zur Rettung der Franklin-Expedition ein. Von Schiffen mit gigantischen Dampfhämmern zur Zertrümmerung des Eises ist die Rede. Von Heißluftballons, so riesig, dass sie ganze Segelschiffe tragen können. Und von Propellerbooten und Sprengstoff – Bergen von Sprengstoff. Um das Eis der Arktis einfach zu pulverisieren und so die Wasserwege freizuhalten.

Im Frühjahr 1850 tauchen erstmals auch "Medien" auf: Okkultisten, die behaupten, in Trance Kontakt aufnehmen zu können mit Franklin. Der Spiritismus ist neu in England. Und schnell sehr populär.

Fast scheint es, als sei die Geisterbeschwörung der einen das Gegengewicht zu den technischen Fantastereien der anderen. Bald besingen in London auch die Straßensänger das Schicksal des tapferen John Franklin.

Im Frühjahr 1850 setzt die Regierung 20.000 Pfund Sterling als Belohnung aus. Im Sommer 1850 durchkämmt ein Geschwader von britischen und US-amerikanischen Schiffen die arktische Inselwelt nach den Verschollenen.

Am 23. August 1850 findet Kapitän Erasmus Ommanney von der "Assistance" die ersten Spuren der Franklin-Expedition. Auf Cape Riley, am Südwestufer von Devon Island, entdeckt er Kleiderfetzen und Konservendosen. Bald danach treffen dort, am Westausgang des Lancaster Sound, mehrere Schiffe der Franklin-Sucher zusammen. Unter ihnen die "Lady Franklin" unter Kapitän William Penny.

Und dann, am 27. August, meldet ein Matrose der Lady Franklin aufgeregt: "Gräber! Gräber!" Tatsächlich heben sich auf Beechey Island – einer kleinen Insel vor Devon Island – drei Gräber aus dem Boden. Mit sorgfältig gearbeiteten Kopfbrettern. Darauf sind die Namen der Seeleute eingemeißelt, die Todestage, das Alter sowie Sprüche aus dem Alten Testament.

Zwei der Toten stammen von der "Erebus", der Dritte tat Dienst auf der "Terror". Und alle drei sind zwischen dem 1. Januar und dem 3. April 1846 gestorben. Der jüngste mit 20 Jahren.

Auf seinem Grab steht: "Geweiht dem Andenken an John Torrington, der am 1. Januar A. D. 1846 an Bord der HMS "Terror" aus dem Leben schied." Die Suchexpedition entdeckt auf Beechey Island zudem die Fragmente der Schmiede des Waffenmeisters sowie die Überreste eines Magazins, eines Zeltplatzes, einer Tischlerei und mehrerer kleiner Häuser.

Außerdem stoßen die Männer auf mehr als 700 Konservendosen, die offenbar auf der Insel geleert, später mit Kies gefüllt und dann zu einer Art Denkmal aufgetürmt worden sind. Doch seltsam, trotz ausgedehnter Suche: Eine schriftliche Nachricht findet sich weder bei der Dosenpyramide noch anderswo auf Beechey Island.

Immerhin: Nun gibt es Indizien, Beweise. Zumindest für den anfänglichen Verlauf von Franklins Reise. Denn die Daten auf den Kopfbrettern und die Reste der Siedlung belegen ohne jeden Zweifel, dass die Franklin-Expedition 1845/46 vor Beechey Island überwintert hat. Mehr als 900 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Die ersten Monate der Franklin-Expedition rekonstruieren die Suchmannschaften nun so: Im Sommer und Herbst 1845 haben sich die "Erebus" und die "Terror" durch den Strom der Eisberge in der Baffin Bay geschlängelt. Dann sind sie durch den Lancaster Sound – das östliche Tor zur Nordwestpassage – gesegelt. Bis zu seinem Ausgang, 300 Kilometer weiter im Westen.

Was aber ist danach geschehen? Wahrscheinlich, so vermuten die Franklin-Sucher, haben bereits im Herbst 1845 Barrieren aus Eis der "Erebus" und der "Terror" am Ende des Lancaster Sound die Weiterfahrt versperrt. Daher hat sich die Expedition den arktischen Winter über auf Beechey Island verschanzt. In der monatelangen Dunkelheit der Polarnacht mit ihrem stechenden Frost.

Lesen Sie weiter: Auf der Suche nach den Franklins Leuten entdeckte Robert McClure das letzte noch fehlende Teilstück der Nordwestpassage. Sie stellt sich als gefährlich und zeitraubend heraus - und als kommerzielle völlig wertlos.

Welchen Kurs Franklin nach dem Aufbrechen des Eises im Sommer 1846 eingeschlagen hat, bleibt zunächst pure Spekulation. Denn die Suchmannschaften finden keinen weiteren Hinweis auf den Weg oder das Schicksal seiner Expedition. Auch nicht im Frühjahr 1851, als sie, aufgeteilt in 28 Schlittentrupps, die Region systematisch durchforschen.

1851 und 1852 finanziert Lady Franklin aus ihrem eigenen Vermögen jeweils eine weitere Expedition. Die Lords der britischen Admiralität schicken zudem fünf weitere Schiffe aus. Jede der Unternehmungen liefert neue Kenntnisse über bislang unbekannte arktische Regionen vor Nordamerika. Die Franklin-Sucher leiten damit indirekt eine neue Epoche der Erforschung und Erschließung der Arktis ein.

Aber von der "Erebus" und von der "Terror": keine Spur. So verstreicht auch das Jahr 1853.

In der Zwischenzeit, und beinahe zufällig, entdeckt Robert McClure das letzte noch fehlende Teilstück der Nordwestpassage – besser gesagt: einer möglichen Nordwestpassage.

Der Kapitän des britischen Suchschiffes "Investigator", das sich seit dem Sommer 1850 in der Arktis aufhält, dringt von der Beaufort-See aus ostwärts vor. Bis zu Banks Island. An den Küsten dieser Insel ist das Schiff drei Jahre lang fast durchgehend im Eis gefangen, ohne weiter nach Osten zu kommen.

Auf Schlitten aber gelangt McClure mit seinen Leuten bis zum Viscount Melville Sound und nach Melville Island und stößt somit in Regionen vor, die William Parry schon 1819/20 von Osten aus erkundet hatte. Damit hat McClure den letzten fehlenden Teil der Nordwestpassage erkundet.

Doch seine Fahrt bestätigt nur, was man ohnehin längst geahnt hat: Kommerziell hat diese gefährliche und zeitraubende Passage nicht den geringsten Wert. Zudem findet McClure zwar die nordwestliche Durchfahrt, doch keinerlei Hinweis auf Franklin.

Am 18. Januar 1854 gibt die Admiralität folgende Order aus: Falls bis zum 31. März 1854 keine gegenteiligen Nachrichten eingehen, sind die Offiziere und Mannschaften der "Erebus" und der "Terror" "zu betrachten als verstorben im Dienst".

Doch im Verlauf des Jahres 1854 erreichen dramatische Neuigkeiten Großbritannien. Ihre Quelle ist der Arktisforscher und Arzt John Rae.

Im Auftrag der Hudson’s Bay Company kartiert er die Halbinsel Boothia. "Während meines Marsches durch Eis und Schnee", schreibt John Rae im Herbst in seinem Bericht an die britische Admiralität, "traf ich in Pelly Bay auf Eskimos. Einer von ihnen erzählte mir, dass eine Gruppe 'Kablounans' – Weißer – in einiger Entfernung westwärts von hier verhungert sei."

Rae kaufte den Eskimos viele der Gegenstände ab, darunter Löffel und Gabeln mit Monogrammen und eine kleine silberne Tafel mit der Gravur "Sir John Franklin KCB". Für den Arktisforscher gibt es nicht den geringsten Zweifel: All die Dinge, die ihm die Inuit präsentieren, stammen von der "Erebus" und von der "Terror".

Aber dann, und mit dem ersten Toten, muss eine neue, eine grausame Hoffnung in Franklins Männern erwacht sein. Denn plötzlich gab es einen Weg, dem Tod durch Hunger und Entkräftung vielleicht doch noch zu entgehen...

Die von Rae befragten Inuit jedenfalls behaupten, später im gleichen Jahr seien an anderer Stelle die Leichen von mehr als 30 Weißen gefunden worden, die zum Teil merkwürdige Spuren aufwiesen.

Der Arktisforscher glaubt den Eskimos. "Aus den Verstümmelungen vieler Leichen", folgert er, "geht klar hervor, dass unsere unglücklichen Landsleute sich zum Äußersten gezwungen sahen: Kannibalismus." Nach Veröffentlichung des Reports wird John Rae heftig attackiert. Viele Briten weigern sich zu glauben, dass es unter zivilisierten Menschen etwas so Abscheuliches wie Kannibalismus überhaupt geben könne. Ihre Empörung schlägt in Wut um.

Denn wo sind die Beweise? Hat Rae etwa die zerstückelten Leichen tatsächlich gesehen? Und weshalb, fragen viele, ist der Arzt den Beschreibungen der Eskimos nicht gefolgt, um den Ort der Tragödie zu suchen und die ungeheuerlichen Angaben mit eigenen Augen zu überprüfen? War dies wirklich, wie der Forscher behauptet, aufgrund der Jahreszeit und der Witterung nicht mehr möglich? Oder ist Rae nur deshalb zurück in die Zivilisation geeilt, um als Erster Anspruch auf die Prämie von 10.000 Pfund zu erheben, die von der Admiralität ausgesetzt worden ist für Nachrichten über die Franklin-Expedition?

Für die Marine und die Regierung in London ist die Diskussion über möglichen Kannibalismus innerhalb der Royal Navy von politischer Brisanz. Denn Großbritannien ist das Empire der kolonialen Expansion und erhebt den Anspruch, die erste Macht in der Welt zu sein. Welche zivilisatorische Führungsrolle aber kann eine Nation geltend machen, wenn deren Elitesoldaten – wenn auch unter extremen Bedingungen – Kannibalismus praktizieren?

Im Juni 1856, beinahe zwei Jahre nach seinem Report, werden John Rae von der Admiralität die 10.000 Pfund zugesprochen. 2000 Pfund verteilt er an seine Suchmannschaft.

Lesen Sie weiter: Tote, Notizen und ein Rettungsboot auf Eis - 14 Jahre nach dem Beginn von Franklins Expedition finden die Helfer Spuren des Scheiterns und schreckliche Belege für Kannibalismus.

Die Auszahlung der Prämie zu diesem Zeitpunkt wirkt, als wolle die Admiralität damit den Fall Franklin endgültig abschließen. Doch nun beginnt Lady Franklin noch einmal eine Expedition zu organisieren – wieder mit eigenem Geld. Und dem von Freunden. Sie erwirbt die "Fox", eine Yacht mit Hilfsmotor. Erst im August 1858 ankert sie vor Beechey Island.

An der Stelle, wo Franklin fast 13 Jahre zuvor den Winter verbracht hat, errichten die Männer der Yacht im Auftrag von Lady Franklin ein Ehrenmal. Im Frühjahr 1859 trifft McClintock auf Boothia eine Gruppe Inuit. Die Eskimos berichten, dass sie an der Westküste von King William Island vor Jahren ein gekentertes Schiff gesehen hätten. Und Überlebende, die über das Eis an Land kamen. Weiße, die "niederfielen und starben, während sie marschierten".

Anfang April 1859 bricht McClintock mit seinen Männern auf. In zwei kleinen Gruppen wollen sie mit Schlitten King William Island erreichen. Denn diese westlich von Boothia gelegene Insel muss der Ort sein, an dem die Männer von der "Erebus" und der "Terror" gesehen worden sind. Dort hat vor ihnen noch niemand gesucht. Zu weit im Süden, hat man gesagt.

Während McClintock mit seiner Gruppe zunächst entlang der Ostküste der Insel das südlich gelegene Festland erreichen will, beginnt die zweite Gruppe unter Leitung von Leutnant William Robert Hobson die Suche von Norden her entlang der Westküste.

Dort halten Hobson und seine Männer auch am 5. Mai 1859 Ausschau nach Spuren der Franklin-Expedition. Und sie entdecken ein Steinmal. Kleidungsstücke und Gegenstände sind um den Steinhaufen verstreut: Schaufeln, Eispickel, Schiffsöfen, Ruder, Segeltuch – offenbar alles, worauf sich verzichten ließ.

Unter den Steinen findet Hobson das, wonach alle Franklin-Sucher seit elf Jahren fahnden: eine schriftliche Botschaft der Franklin-Expedition.

Es sind zwei Nachrichten: In ein Formblatt der Marine hatte zunächst Leutnant Graham Gore von der "Erebus" in wenigen Worten das Geschick der Expedition bis Ende Mai 1847 eingetragen. Man sei noch im Jahr 1845 den Wellington Channel hinauf bis zum 77. Breitengrad gefahren, dann wieder nach Süden zurückgekehrt und habe auf Beechey Island überwintert.

Den folgenden Winter habe die Expedition im Eis bei 70° 5’ nördlicher Breite und 98° 23’ westlicher Länge verbracht. "All well", vermeldet die Botschaft mit Datum vom 28. Mai 1847.

Die Ränder des gleichen Schriftstücks sind voll gekritzelt mit einer zweiten Nachricht: "25. April 1848 – HMS "Terror" und "Erebus" wurden am 22. April 1848 fünf Meilen NNW von diesem Platz entfernt aufgegeben, im Eis eingeschlossen seit dem 12. September 1846. Offiziere und Mannschaften, insgesamt 105 Seelen, unter dem Kommando von Kapitän F. R. M. Crozier, gingen hier an Land. Sir John Franklin starb am 11. Juni 1847, und der gesamte Verlust der Expedition durch Tod beträgt bis jetzt neun Offiziere und 15 Männer. Brechen morgen, 26., in Richtung Back’s Fish River auf." Sir John Franklin ist also gestorben, noch ehe die Suche nach der Expedition überhaupt begonnen hatte. Und die Ursache seines Todes wird für immer ein Geheimnis bleiben.

Als die zweite Nachricht am 25. April 1848 geschrieben wird, stehen die 105 Überlebenden – nach 19 Monaten in der Falle aus Eis vor King William Island – am Beginn des letzten Aktes ihrer Tragödie: dem Marsch in den Tod.

Weiter südlich entdecken die Suchmannschaften später ein 8,5 Meter langes Rettungsboot der Expedition, auf einen Schlitten gesetzt. Zwei Leichen liegen im Boot. Männer von Franklin.

Doch seltsam: Das Boot ist bepackt mit den absurdesten Dingen: parfümierter Seife, seidenen Taschentüchern, Kämmen und Bürsten, sechs Büchern, fünf goldenen Uhren. An Lebensmitteln finden sich nur etwas Tee und 40 Pfund Schokolade. "Eine bloße Anhäufung von Ballast", kommentiert McClintock das Sammelsurium. "Dazu angetan, den Kräfteverfall der Schlittenmannschaft zu beschleunigen." Am 25. Mai 1859 stößt McClintock an der Südküste von King William Island auf ein weiteres Skelett, dessen Knochen noch in der Uniform eines Stewards stecken. McClintock notiert: "Er muss einfach vornüber gefallen sein. Wahrscheinlich hat er, hungrig und erschöpft, dem Wunsch nach Schlaf nachgegeben." Die Fox kehrt im Herbst 1859 nach England zurück, und McClintock berichtet Lady Franklin und der britischen Öffentlichkeit vom Tod Sir John Franklins und dem Ende seiner Expedition. Dem Untergang des größten Unternehmens in der Geschichte der Polarforschung.

Spätere Forschungsreisende, die 1869 und 1878/79 erfolgreich den Versuch unternehmen, bislang übersehene Spuren Franklins zu finden, berichten von Erzählungen der Eskimos über zersägte Leichen und Kannibalismus unter den Überlebenden der "Erebus" und der "Terror". So wie John Rae vor ihnen.

Die Suchmannschaften haben so viele Indizien zusammengetragen, dass sich die Reise von Franklin ins Eis weitgehend rekonstruieren lässt.

Nachdem Franklins Schiffe irgendwann im Sommer 1845 den Lancaster Sound durchquert haben, folgten sie dem noch unerforschten Wellington Channel zwischen Cornwallis Island und Devon Island bis zu 77 Grad nördlicher Breite. Entlang der Westküste von Cornwallis Island segelten sie dann wieder zum Ausgang des Lancaster Sound zurück. Vor Beechey Island verbrachten die Mannschaften den Winter 1845/46.

Mit dem Freiwerden der Wasserstraßen im Frühjahr oder Sommer 1846 schlugen die "Erebus" und die "Terror" einen südwestlichen Kurs ein. Richtung King William Island.

Auf diesem Weg aber begann das Verhängnis der Expedition. Denn nach dem Wissensstand seiner Zeit musste Sir John Franklin davon ausgehen, dass das noch kaum erforschte "King William’s Land", wie es damals hieß, auf seiner Ostseite mit der Halbinsel Boothia und demnach mit dem Festland verbunden ist. Es gab also nur eine Route für Franklin: die Westküste entlang.

So segelten Franklins Schiffe direkt in den gewaltigen Eisstrom vor der Nordwestküste von King William Island. Mitten in eine tödliche Falle hinein. Denn schon im Spätsommer 1846 vereisten dort die schmalen fahrbaren Rinnen und schlossen die "Erebus" und die "Terror" ein. Für immer.

Der Weg entlang der Ostküste dagegen ist, wie man heute weiß, im Sommer zumeist frei von Eis. Diese östliche Passage wurde aber erst 1854 von John Rae entdeckt, nach dem sie heute auch benannt ist. Von jenem Mann, der bei der gleichen Forschungsreise von den Inuit das schreckliche Ende der Franklin-Expedition in Erfahrung brachte.


Gekürzte Fassung, die vollständige Version dieses Artikels finden Sie in der aktuellen Ausgabe von "GEO Epoche".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.