Verhaltensbiologie »Das Wörterbuch der Nachtigall umfasst rund 2000 Strophen«

Ein Team um die Biologin Silke Voigt-Heucke hat ein »Wörterbuch der Nachtigall« erstellt – und Erstaunliches über den Gesang der kleinen Vögel herausgefunden. Geholfen haben bei der Forschung auch Handyaufnahmen.
Ein Interview von Hilmar Schmundt
Nachtigall: Ein einzelnes erwachsenes Männchen beherrscht etwa 180 Strophentypen

Nachtigall: Ein einzelnes erwachsenes Männchen beherrscht etwa 180 Strophentypen

Foto: Michael Durham / FLPA / IMAGO

SPIEGEL: Seit Jahren lauschen Sie beruflich dem Gesang von Nachtigallen, die auch derzeit wieder in Deutschland zu hören sind. Was haben Sie dabei gelernt?

Voigt-Heucke: Wir dachten eigentlich, dass wir regionale Variationen im Gesang von Nachtigallen finden würden, also sozusagen Dialekte. Das war unsere Arbeitshypothese. Aber die konnten wir zu unserer Überraschung nicht bestätigen. Der Gesang scheint trotz seiner sehr großen Vielfalt im Vorkommen der häufigsten Strophentypen erstaunlich stabil zu sein.

SPIEGEL: Wie sind Sie zu diesem Ergebnis gekommen?

Voigt-Heucke: Unser Team um die Biologin Denise Jäckel wertete einen riesigen Datensatz mit über 14.140 digitalen und analogen Aufnahmen der Vogelgesänge aus 13 Ländern und mehreren Jahren aus. Die ältesten Aufnahmen aus dem Tierstimmenarchiv des Museums für Naturkunde Berlin reichen bis ins Jahr 1930 zurück.

SPIEGEL: Wie kamen Sie an die Aufnahmen?

Voigt-Heucke: Wir haben unter anderem mit der am Naturkundemuseum entwickelten Naturblick-App zusammengearbeitet, die es den Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, wann immer sie eine Nachtigall hören, schnell das Smartphone zu zücken und den Gesang aufzunehmen. Die Datei wurde dann an unsere Server geschickt und von uns analysiert. Das war ein wahrer Schatz.

SPIEGEL: Ornithologie am Handy, ist das mehr als nur eine Publicityaktion?

Voigt-Heucke: Absolut. Ohne Bürgerwissenschaft wäre diese Analyse nicht möglich gewesen.

SPIEGEL: Wie zuverlässig und hochwertig sind beliebige Handyaufnahmen von Unbekannten?

Voigt-Heucke: Die Qualität von Handyaufnahmen ist erstaunlich gut, aber wir haben die Daten natürlich systematisch abgeglichen mit professionellen Aufnahmen, unter anderem von der FU Berlin, aufgenommen mit hochwertigen Richtmikrofonen. Der Unterschied war gar nicht so groß, wie man erwarten sollte.

»Der Gesang der Nachtigall ist melodisch, wohltönend und durch Pausen zwischen den Strophen klar strukturiert. Jede Strophe dauert rund drei bis fünf Sekunden, gefolgt von einer kurzen Pause, bis die nächste Strophe präsentiert wird.«

Silke Voigt-Heucke, Naturkundemuseum Berlin

SPIEGEL: Nur das, was Sie eigentlich gesucht haben, taucht darin nicht auf – Dialekte?

Voigt-Heucke: Genau. Oder zumindest haben wir die Dialekte aufgrund des komplexen Gesangs der Nachtigall noch nicht gefunden. Die Vielfalt der Nachtigallenstrophen ist gewaltig.

SPIEGEL: Wie erkennt man denn eine Strophe im Nachtigallengesang?

Voigt-Heucke: Das ist tatsächlich recht gut zu hören. Der Gesang der Nachtigall ist melodisch, wohltönend und durch Pausen zwischen den Strophen klar strukturiert. Jede Strophe dauert rund drei bis fünf Sekunden, gefolgt von einer kurzen Pause, bis die nächste Strophe präsentiert wird. Es gibt dabei Buzz-Strophen, Trill-Strophen und die Pfeif-Strophen, die besonders charakteristisch sind für den Nachtigallgesang. Das macht das sogenannte Schluchzen der Nachtigall aus: eine Reihe melancholischer und reiner Pfeiftöne zu Beginn einer neuen Strophe. Sie verstehen sofort, was ich meine, wenn Sie es anhören.

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SPIEGEL: Wie viele Strophen haben Sie gefunden?

Voigt-Heucke: Wir konnten bisher sage und schreibe 1868 unterschiedliche Strophentypen insgesamt ausmachen, auf Populationsniveau. Diese Anzahl wird also nicht von einzelnen Tieren beherrscht, sondern es ist die Summe aller Variationen bei allen untersuchten Tieren zusammen. Das ist viel mehr, als bislang aus regional verankerten Studien bekannt war.

SPIEGEL: Bislang ging man doch eher davon aus, dass ein Männchen rund 190 Strophentypen beherrscht?

Voigt-Heucke: Ja, ein einzelnes erwachsenes Männchen beherrscht etwa 180 Strophentypen, jüngere Männchen um die 120. Bislang war der Standard der Nachtigallenforschung das Individuum. Aber wir haben uns eben nicht angeschaut, wie viele Strophentypen ein einzelnes Männchen zum Besten gibt, sondern wie groß das Repertoire einer ganzen Population ist. Wir haben sozusagen ein Lexikon des Nachtigallengesangs erstellt. Basierend auf unserer Studie wissen wir: Das Wörterbuch der Nachtigall umfasst derzeit rund 2000 Strophen – möglicherweise aber eben noch mehr!

SPIEGEL: Wie kann es aber sein, dass diese verwirrend vielen Strophen über Zeit und Raum so stabil bleiben? Sicherlich kommt es doch ständig zu Fehlern, Mutationen, Variationen?

Voigt-Heucke: Diese Frage stellen wir uns auch – und würden sie gerne mit einem Folgeprojekt beantworten. Wir haben eine Hypothese: Es ist bereits bekannt, dass die Grammatik des Nachtigallengesangs eine strenge Syntax hat. Ein Individuum kann nicht einfach beliebig drauflos singen, dann verliert der Gesang möglicherweise seine Wirkung beim Anlocken von Weibchen und bei der Verteidigung des Reviers. Vielleicht haben die häufigen, stabilen Strophentypen bestimmte Schlüsselfunktionen, die dem Gesang eine feste Form geben. Aber wer weiß.

SPIEGEL: Können Sie einfach die Daten noch einmal neu analysieren, um nach der Syntax zu suchen?

Voigt-Heucke: Das wäre schwierig. Viele unserer Aufnahmen sind relativ kurz. Für eine systematische Analyse der Nachtigallensyntax brauchen wir Aufnahmen, die eine Stunde oder länger sind.

SPIEGEL: Haben Sie schon neue Projekte?

Voigt-Heucke: Wir würden gerne den Forschungsfall Nachtigall als Citizen-Science-Projekt zum Mitforschen auch in anderen Ländern anbieten. Wer schon einmal in der Toskana war, weiß, wie herrlich dort die Nachtigallengesänge durch die Weinberge schallen. Auch Südfrankreich oder Spanien wäre für uns interessant. Die Schönheit des Gesangs der Nachtigall birgt sicherlich noch viele Überraschungen.

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