Verhaltensforschung bei Fischen Warum Draufgänger häufiger in der Pfanne landen

Fischereiprofessor Robert Arlinghaus über »Individualität« und »Freundschaft« bei Fischen, ihre Persönlichkeit – und wie lernfähige Karpfen Angler in den Wahnsinn treiben.
Ein Interview von Hilmar Schmundt
Zwei Spiegelkarpfen (Cyprinus carpio) umgeben von einem Rotfedernschwarm in einem See in Bayern

Zwei Spiegelkarpfen (Cyprinus carpio) umgeben von einem Rotfedernschwarm in einem See in Bayern

Foto: A. Hartl / blickwinkel / IMAGO

SPIEGEL: In der Wissenschaftszeitschrift »Science«  rufen Sie als Mitautor in einem am Donnerstag erschienenen Beitrag das Zeitalter der hochaufgelösten »Bewegungsökologie« aus. Was meinen Sie damit?

Arlinghaus: Derzeit erleben wir eine Revolution bei der Erforschung von Tierbewegungen und Tierwanderungen. Damit eröffnen sich völlig neue Einsichten in das Verhalten. Mithilfe von an Tieren angebrachten Sensoren, die an Land entweder Radiowellen oder unter Wasser Ultraschall aussenden, können Forschende Tiere teils sekundengenau mit sehr hoher räumlicher Auflösung verfolgen: Adler, Fledermäuse, Wölfe, Fische. Mittlerweile gibt es riesige Datenbanken mit Tierbewegungsmustern. Diese Ortsdaten werden dann mit Big-Data-Methoden ausgewertet.

SPIEGEL: Ist das mehr als eine Mode?

Arlinghaus: Ja, die neuen hochauflösenden Methoden sind ein riesiger Fortschritt, da man jetzt die Wechselbeziehungen zwischen einzelnen Tieren nachvollziehen kann. Bislang lief ein Großteil der Verhaltensforschung zwangsläufig im Labor ab, aber das kann niemals das ökologische Konzert abbilden. Nun können wir das genaue Jagd- und Sozialverhalten von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum über Tage, Wochen oder sogar Jahre verfolgen!

Zur Person
Robert Arlinghaus gilt als Pionier der interdisziplinären Fischereiforschung, seit vielen Jahren erkundet der Sozialökologe Themenfelder wie nachhaltige Angelfischerei, Evolution und Verhalten von Fischen sowie Sozialpsychologie der Gewässernutzung. Er hat an der Humboldt-Universität zu Berlin die Professur für Integratives Fischereimanagement inne, in gemeinsamer Berufung mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er ist Communicator-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbandes 2020. Scherzhaft wird er daher auch »der Angelprofessor« genannt.

Robert Arlinghaus gilt als Pionier der interdisziplinären Fischereiforschung, seit vielen Jahren erkundet der Sozialökologe Themenfelder wie nachhaltige Angelfischerei, Evolution und Verhalten von Fischen sowie Sozialpsychologie der Gewässernutzung. Er hat an der Humboldt-Universität zu Berlin die Professur für Integratives Fischereimanagement inne, in gemeinsamer Berufung mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er ist Communicator-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbandes 2020. Scherzhaft wird er daher auch »der Angelprofessor« genannt.

Foto: Phillip Czapla

SPIEGEL: Hat die neue Ortungstechnik Ihren Blick verändert?

Arlinghaus: Ja, wir haben zum Beispiel einen ganzen See mit einem Fischortungssystem ausgestattet, und zwar für verschiedene Arten gleichzeitig. Unser Forschungssee wurde sozusagen zu einem natürlichen Aquarium. Seitdem sehe ich Fische, die ich teils seit Jahrzehnten erforsche, mit ganz anderen Augen.

Karpfen zum Beispiel halten sich gern in kleineren Gruppen auf. Das war bekannt. Aber dass einzelne Tiere dabei gern mit ganz bestimmten Artgenossen umherschwimmen, fast schon lose »Freundschaften« pflegen, war dann schon eine unglaubliche Überraschung. Im Winter lösen sich diese stabilen Beziehungen auf, die Karpfen sind dann eher im Schwarm im Freiwasser unterwegs, fast wie ein Heringsschwarm. Bis dato vermutete die Fachwelt eher, dass sich Karpfen als wärmeliebende Tiere in tiefe Seeregionen zurückziehen und so etwas wie Winterschlaf halten. Tun sie aber nicht. Welse hingegen schon.

Dem Bewegungsverhalten von vier Fischarten auf der Spur: Zeitrafferfilm, zusammengesetzt aus Telemetriedaten, die alle 5 bis 35 Sekunden durch Akustiksender in Fischen gewonnen wurden in einem 25 Hektar großen See in Brandenburg (Video: GB Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei – mehr zur Arbeitsgruppe unter www.ifishman.de)

SPIEGEL: Vor wenigen Jahren noch sorgten Sie für Aufregung mit der Aussage, dass Fische kaum Schmerz empfinden. Und nun sollen sie sogar »Freundschaften« pflegen?

Arlinghaus: Das ist jetzt sehr umgangssprachlich und auch verkürzt ausgedrückt, natürlich sind das nicht unbedingt seelische Wahlverwandtschaften wie beim Menschen, wir Biologen nennen das etwas trockener »nähebasierte Sozialnetze«. Was in den Fischhirnen vor sich geht, wenn die Tiere die gegenseitige Nähe suchen, und ob damit Emotionen verbunden sind, können wir derzeit nicht seriös beantworten. Das aktive Sozialverhalten widerspricht dabei aber nicht der Feststellung, dass Fische sehr wahrscheinlich ein anderes Schmerzempfinden haben als Menschen. Sozialverhalten und Schmerz sind einfach zwei sehr unterschiedliche Phänomene.

SPIEGEL: Gab es weitere Überraschungen?

Arlinghaus: Jede Menge. Zum Beispiel verhalten sich Fische einer Art sehr unterschiedlich, manche sind neugierig und aktiv, andere sind eher bewegungsfaul und scheu. Fische haben so etwas wie Individualität, manche Forschende sprechen sogar von Persönlichkeit. Etwas weniger vermenschlicht haben wir es mit »innerartlicher Verhaltensvielfalt« zu tun. Diese Individualität von Fischen hat auch einen großen Einfluss auf die Fangbarkeit in der Fischerei.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Arlinghaus: Bei Hechten zum Beispiel ist es so, dass vor allem die viel schwimmenden Tiere an die Angel oder ins Netz gehen. Draufgänger landen so häufiger in der Pfanne. Das hat Folgen. Denn dadurch üben Angler und Fischer einen Selektionsdruck aus, unabsichtlich selektieren wir also auf die weniger umtriebigen, fast schon »schüchternen« Fische, weil die eher überleben. Das kann auch ökologische Folgen haben.

An stark von Speerfischerei betroffenen Korallenriffen hat die höhere Schüchternheit von algenweidenden Fischarten dazu geführt, dass die gestiegene Algenmenge den Korallen weiter zugesetzt hat. Bislang blieben derlei Phänomene, die sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Räuber und Beute beziehen, unter der Wasseroberfläche weitgehend verborgen.

Europäischer Wels – auch er wird vom Angelprofessor beforscht: »Welse zeigen sich in manchen Zeiträumen in riesigen Aggregationen mitten im Freiwasser. Bisher dachte man, dass das Einzelgänger sind.«

Europäischer Wels – auch er wird vom Angelprofessor beforscht: »Welse zeigen sich in manchen Zeiträumen in riesigen Aggregationen mitten im Freiwasser. Bisher dachte man, dass das Einzelgänger sind.«

Foto: G. Lacz / imagebroker / IMAGO

SPIEGEL: Satellitennavigation funktioniert unter Wasser nicht. Wie gehen Sie vor?

Arlinghaus: Wir haben tierexperimentelle Forschungsanträge gestellt und nach der Freigabe den Fischen akustische Sender in die Bauchhöhle eingepflanzt. Im See haben wir unter Wasser mehrere Hydrophone verteilt. Die Ultraschallsignale aus den Sendern der Fische werden dann an den Hydrophonen empfangen und gespeichert. Wir fahren dann alle paar Wochen auf den See, ziehen die Hydrophone an Bord und lesen die Daten aus. Am Computer werden dann die Fischpositionen berechnet.

SPIEGEL: Können Fische diese akustischen Signale nicht wahrnehmen?

Arlinghaus: Nein, unsere Süßwasserfische zum Beispiel sind für die verwendete Ultraschallfrequenz von 200 Kilohertz »taub«. Aber im Meer kommen auch durchaus Arten wie Meeressäuger oder Robben vor, die Ultraschall hören können. Ein »piepender« Fisch kann auch von Robben gefressen werden. Der Sender läuft weiter – aber aus dem Magen der Robbe, das Bewegungsmuster ist dann komplett anders. Um solche Fehler zu korrigieren und die Ortungsmethoden ständig zu verbessern, brauchen wir die enge Zusammenarbeit mit Elektroingenieuren, Statistikern und Informatikern.

SPIEGEL: Wie geht es weiter?

Arlinghaus: Wir hoffen, dass wir immer mehr Stimmen im Orchester der Arten miteinbeziehen können: mehr Fischarten, mehr Lebensräume, vielleicht sogar die Interaktionen zwischen Land- und Wassertieren oder zwischen Kormoranen, Robben, Seeadlern und Fischen. Bislang forschen viele Teams getrennt und die Daten werden nicht zwangsläufig ausgetauscht. Hier gibt es aber Ansätze zur Kooperation. So könnten wir in Zukunft versuchen, durch koordinierte Experimente auch globale Faktoren wie die Wirkung des Klimawandels oder der Umweltverschmutzung auf das Verhalten von Tieren und auf die Tierpopulationen zu verstehen.

SPIEGEL: Wird es irgendwann Angler-Apps geben, die genau verraten, wo man welche Fische fangen kann?

Arlinghaus: Mich als Angler würde das natürlich brennend interessieren. Allerdings ist uns der Fisch hier noch voraus. Wir könnten zwar ungefähr sagen, wo die Fische wann wahrscheinlich sind, aber wir wissen nicht, ob die Fische dann auch anbeißen wollen. Diese Art Vorhersagen funktionieren nicht. Denn Fische sind intelligent, auch das haben unsere Experimente gezeigt.

Karpfen sind zum Beispiel ganz besonders lernfähig, oft schwimmen sie zwar um die Angelköder herum, aber sie wissen ziemlich genau, was sie mit den Ködern anstellen, in denen auch ein Haken steckt. Unsere Kameraufnahmen zeigten, dass die Karpfen in der Lage waren, den hakenbewehrten Köder sofort wieder auszuspucken. Erfahrene Karpfenangler können davon ein Lied singen. Eins ist klar: Man sollte Fische nie unterschätzen.