Verhandlungen in Grönland Klimaklausur in der Kälte

Um die schleppenden Klimaverhandlungen in Fahrt zu bringen, hat Dänemark zu einem exklusiven Treffen geladen: Rund 30 Staaten aus aller Welt haben ihre Top-Diplomaten nach Grönland geschickt, um in kleiner Runde - und in aller Verschwiegenheit - Auswege zu suchen.

Eisberg vor Grönland (Mai 2007): "Greenland Dialogue" soll Klimagipfel vorbereiten
REUTERS

Eisberg vor Grönland (Mai 2007): "Greenland Dialogue" soll Klimagipfel vorbereiten

Aus Kangerlussuaq berichtet


Im dritten Versuch gibt der Pilot auf und zieht die Maschine wieder steil nach oben. Der schwierige Anflug auf Sisimiut ist heute einfach nicht mehr zu schaffen. Die knallrote "Dash 7"-Propellermaschine der Fluggesellschaft Air Greenland muss wieder nach Kangerlussuaq abdrehen, dem Luftdrehkreuz der Insel. Extrem dichter Nebel hat eine Landung auf dem kleinen Flughafen der westgrönländischen Stadt unmöglich gemacht. Die Passagiere nehmen das Ganze gelassen, dergleichen passiert oft in Grönland. Mit dem geplanten Besuch bei mehreren Demonstrationsprojekten zur Nutzung erneuerbarer Energien auf der Eisinsel wird es also vorerst nichts.

Auch ein Stückchen weiter, in Ilulissat, stört das grönländische Wetter den Flugverkehr. Und so kann ein Vorhaben nur mit Verspätung beginnen, von dem die Organisatoren nichts weniger erwarten, als dass es die trägen und bisher nur wenig fruchtbaren Vorbereitungsgespräche für den bevorstehenden Klimagipfel in Kopenhagen in Fahrt bringt: "Greenland Dialogue" heißt ein ganz besonderes Forum, mit dem Dänemark in den festgefahrenen Verhandlungen für Fortschritte sorgen will.

Eingeladen zur Klimaklausur in der Kälte hat Connie Hedegaard, die ehrgeizige Energie- und Klimaministerin des Landes. Die ehemalige Fernsehjournalistin wird die Kopenhagen-Konferenz im Dezember ("COP 15") leiten - und will mit aller Macht ein Scheitern verhindern. Dazu hat sie in dieser Woche Minister und Staatssekretäre aus rund 30 Staaten nach Grönland gebeten.

Strenge Regeln sollen für lockere Diskussion sorgen

Für eine möglichst ungezwungene Diskussion sollen bei dem Treffen ausgerechnet ein paar strenge Regeln sorgen: So darf jeder Vertreter eines Landes maximal einen Mitarbeiter mitbringen, damit die Top-Akteure direkt miteinander sprechen. Vorbereitete schriftliche Reden der Teilnehmer sind unerwünscht. Selbst bei der Kleidung bitten die Dänen ihre Gäste um ein möglichst unprätentiöses Auftreten - im Dienste der Sache, der Rettung des Weltklimas.

Die Diskussionen, so der beim ersten Hinhören paradox erscheinende Wunsch der Gastgeber, sollen wieder politischer werden. Und in der Tat, bei den bisherigen Vorbereitungskonferenzen standen nicht selten technische Fragen im Vordergrund. Nun sollen wieder Politiker miteinander sprechen, sollen gemeinsam Einigungsmöglichkeiten ausloten, vor allem bei folgenden Kernfragen, an denen der Verhandlungsprozess derzeit hakt:

  • Auf welches Niveau kann der Ausstoß gefährlicher Treibhausgase in welchem Zeitraum sinken?
  • Wie stark müssen sich die Entwicklungsländer anstrengen?
  • Welche technologische und finanzielle Hilfe bekommen die ärmsten Staaten beim Kampf gegen die Folgen des Klimawandels?

"Eine gute Lösung ohne Antworten auf alle drei Fragen wird es in Kopenhagen nicht geben", hatte Uno-Klimachef Yvo de Boer vor einigen Wochen gewarnt. Nun sitzt auch er in Ilulissat mit am Tisch, um dabei mitzuhelfen.

Deutschland hat Umweltstaatssekretär Mathias Machnig (SPD) - wie gefordert ohne Krawatte - zu dem Treffen geschickt. Für die USA ist Chef-Klimaunterhändler Jonathan Pershing da. Zu den anderen Teilnehmern zählen unter anderem Top-Diplomaten aus Brasilien, Indien, Japan und Russland. Aber auch kleine Inselstaaten wie Barbados sind vertreten. Einziger Wermutstropfen für die Organisatoren: China, mittlerweile weltweit der CO2-Produzent Nummer eins, hat seine Delegation in letzter Minute zurückgezogen. Peking, so ist zu hören, protestiert damit gegen einen Besuch des Dalai Lama in Dänemark im Mai.

Gespräche am Gletscherrand

Der Konferenzort Ilulissat ist mit Bedacht gewählt: Der produktivste Gletscher der nördlichen Hemisphäre befördert hier jeden Tag 20 Millionen Tonnen Eis ins Meer, direkt vor den Augen der Tagungsgäste im Luxushotel "Arctic". Kilometerweit hat sich der Gletscherrand in den vergangenen Jahren zurückgezogen. Symbolischer geht es kaum.

Diese Szenerie hat bereits mehrfach funktioniert, unter anderem als sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Umweltminister Sigmar Gabriel im August 2007 hier in knallroten Jacken vor dem Gletscher Sermeq Kujalleq fotografieren ließen. Auch als Dänemark im vergangenen Jahr zu einem Gipfel zur Zukunft der Arktis einlud, war Ilulissat mit seinen schwimmenden Eisriesen der Ort der Wahl.

Die Gastgeber mit dem Gefühl für die Wirkung gebeutelter Landschaft haben sich einiges vorgenommen. Als Chefin des Klimagipfels in Kopenhagen im Dezember will Ministerin Hedegaard sicherstellen, dass das Treffen - in irgendeiner Form - ein Erfolg wird. Deswegen erhöht sie bereits jetzt systematisch den Druck auf die Verhandlungsparteien. Als Mitte Juni eine der zahlreichen Vorbereitungskonferenzen in Bonn zu Ende ging, ließ sie per Pressemitteilung verbreiten, die Gespräche verliefen bisher "zu langsam" - selbst wenn man "die Arbeitsweise der Vereinten Nationen" berücksichtige.

Hedegaard grollte vor allem, weil bei den Verhandlungen in Bonn der Entwurf für den Vertrag von Kopenhagen von 50 auf unhandliche 200 Seiten angeschwollen war. Und in Kopenhagen könnten es noch mehr werden - so viel, dass der Verhandlungsprozess nicht mehr beherrschbar wird, wenn der eigentliche Gipfel erst einmal angefangen hat. In Bonn spöttelten Beobachter bereits über die sogenannte USB-Diplomatie - weil so gut wie jeder Staat auf einem eigenen USB-Stick seine Zusätze für den Text mitgebracht hatte.

Die Wirkung der Gespräche von Grönland - neben den Diskussionsrunden und Gruppengesprächen gehen die Staatsgäste auch auf Boots- und Hubschraubertouren zum schmelzenden Eis - wird wohl erst in einigen Wochen oder Monaten zu ermessen sein. Am Ende der Gespräche in Ilulissat wird es kein offizielles Abschlussdokument wie sonst geben. Auch das gehört zum Plan der Dänen.

Im Norden Grönlands zieht unterdessen das Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" seine Runden. Auf dem Petermann-Gletscher, durch den sich ein riesiger Riss zieht, hat die Besatzung mehrere Kameras installiert, die vor einem drohenden Abbruch großer Eismassen warnen sollen. "Hier, wo das Eis in rasantem Tempo schmilzt, hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel erst vor wenigen Jahren zur sogenannten Klimaretterin ausrufen lassen", grollt Greenpeace-Mitarbeiterin Iris Menn. "Es wäre gut, wenn die Kanzlerin sich daran erinnert."

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AndyH 18.06.2009
1. war doch klar ..
Die haben doch keine Ahnung ob und wie warm wird auch nur in 5 Tagen. Die Klimamodelle als Komputerspiele sind zudem gänzlich untauglich.
chagall1985 18.06.2009
2. Geile Sache das!
Wenn es eh keine Rolle mehr spielt, kann Ich ja meinen SUV bestellen und weiter Chinascheiss kaufen. Dann kann man wenigstens die letzten Jahre noch geniessen. Ich habe echt das Gefühl, diese Statistiker sind im Weltuntergangswettbewerb. Wer die schlechteste Prognose und statistische Interpretationsmöglichkiet findet, der hat gewonnen.
sacco 18.06.2009
3.
schön, dass der neue report von schellnhuber & co nun endlich auch die klimäerwärmende rolle des lachgases berücksichtigt.
AxelSchudak 18.06.2009
4.
>Insofern, mahnen die Autoren, "werden die >Klimaveränderungen, die heutige Generationen >anstoßen, unsere Nachfahren noch lange in >der Zukunft beeinflussen". Zumindest sind sie soweit optimistisch, dass wir noch Nachfahren haben. :-)
purawida 18.06.2009
5. ist das gehirn mal gekocht....
merken wir eh nix mehr... wir entwickeln uns einfach wieder zum affen zurück und retten uns auf die bäume und schwingen uns von ast zu ast.
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