Versöhnungstagung Der Klimakrieg kann weitergehen

Abgase einer Chemiefabrik: Wer hat die Deutungshoheit in Sachen Klimawandel?
REUTERS

Abgase einer Chemiefabrik: Wer hat die Deutungshoheit in Sachen Klimawandel?

Aus Lissabon berichtet

2. Teil: Akademiker und wirre Querulanten - warum es bei der Tagung keine Einigung gab


Auch Hans von Storch, Direktor am Institut für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, ist zurückhaltend, was die Aussagekraft von Klimamodellen angeht. Er glaubt - wie auch Curry - fest an die Existenz des vom Menschen verursachten Klimawandels. Er sorgt sich aber, ob die Bürger den Experten darin noch folgen. "Während unser Wissen über das Klimasystem zunimmt, wird der Prozentsatz derer kleiner, die den Wandel für gefährlich halten und zu Gegenmaßnahmen bereit sind", klagte Storch in Lissabon und legte entsprechende Umfrage-Ergebnisse aus den vergangenen Jahren vor.

Storch wird akzeptiert von den Wortführern der Erwärmungs-Warner, weil er Standardwerke der Zunft verfasst hat. "Wir können die Skeptiker nicht einfach ignorieren und meinen, dadurch würden sie irgendwann verschwinden", sagt Storch. Das Gegenteil sei der Fall, und das könnten selbst die immer zahlreicher werdenden Indizien für den Klimawandel nicht verhindern. "Wir müssen mit ihnen diskutieren."

"Vom Akademiker bis zum wirren Querulanten"

Das Spektrum im Lager der Skeptiker reiche "vom Akademiker bis zum wirren Querulanten", sagte Storch, was zu Unmut unter den Teilnehmern des Lissabonner Treffens führte. Die fühlen sich nämlich weitgehend ausgeschlossen aus den Kreisen der Klimatologen. "Wir haben keine Chance, in deren Magazinen zu veröffentlichen", klagte etwa Steven Mosher, ein Blogger, Autor eines kritischen Buches über die Klimaforschung und im Berufsleben Investmentberater in San Francisco.

Diskutiert wurde deshalb, ob die Gutachter der Fachjournale nicht verpflichtet werden könnten, Interessenkonflikte zu veröffentlichen. Mosher forderte von der Wissenschaft auch, jegliche zugrundeliegende Daten der Publikationen automatisch zugänglich zu machen. Einig waren sich die Skeptiker darin, die wissenschaftliche Auseinandersetzung etwa über die Hockeystick-Kurve noch einmal neu zu führen. "Was wir brauchen, sind weitere Daten, seien sie aus Korallen, aus Baumringen oder Tropfsteinen, über das Klima des vergangenen Jahrtausends", sagte Peter Webster, Klimatologe aus Australien und Mitstreiter von Judith Curry.

Ob der Disput über die Kernaussagen der Klimaforschung aber durch immer bessere Daten gelöst werden kann? Etliche Teilnehmer des Versöhnungstreffens bezweifelten das. "Selbst wenn unser Wissen über das Klimasystem zunimmt, wachsen die Unsicherheiten", sagte Wissenschaftsphilosoph Ravetz.

Keine Einigung über Abschlusserklärung

So machte sich am dritten und letzten Tag der Tagung eine gewisse Ratlosigkeit breit. Ravetz hätte gerne ein Abschluss-Statement formuliert: "Die Klimawissenschaft würde profitieren, wenn sie Verfahren für die Erhebung neuer Datensätze beschließt, die nach fest vereinbarten Standards validiert werden."

Doch am Ende konnte sich das Plenum nicht einigen, was einerseits daran lag, dass sich die Positionen selbst im Skeptiker-Lager stark unterscheiden. Zum anderen gab es auch Widerstand von den moderaten Forschern, die ihre Namen nicht unter einem Statement sehen wollten, das ihre Position im Streit mit den Kollegen weiter verschlechtern würde.

Die Warmisten werden den mangelnden Konsens sicher mit Wohlwollen aufnehmen. Der Status quo, in dem beide Parteien in ihren Schützengräben verharren, liegt möglicherweise in beider Interesse. Die Skeptiker können in ihren Internetforen behaglich weiter an ihren Verschwörungstheorien stricken. Und die Alarmisten? Ein Teilnehmer formulierte es so: "Die können die Politik weiter erpressen, indem sie sagen: 'Wenn ihr uns nicht folgt, dann übernehmen die Skeptiker das Feld.'"

Geophysikerin Curry hinterließ in ihrem Blog nach der Tagung einen sarkastischen Kommentar. Laut Wikipedia sei Versöhnung als "Wiederaufnahme normaler Beziehungen zwischen Kriegsparteien" definiert. "Aber es ist nicht klar", meint Curry, "ob es zwischen Mainstream-Wissenschaftlern und der kritischen Klima-Blogosphäre jemals normale Beziehungen gegeben hat."

insgesamt 293 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 31.01.2011
1. Keine Zeit für Idioten
Es kann keinen Zweifel daran geben, dass das hemmungslose Verbrennen sämtlicher fossiler Brennstoffe - Öl, Kohle Erdgas - katastrophale Folgen für unsere Atmosphäre hat. Ob das jetzt mit historischer Klimaforschung im Detail nachgewiesen wird oder nicht. Alles andere ist Verharmlosung, Wichtigtuerei oder Lüge, gefördert von denen, die von der Ausbeutung leben oder ihr Verhalten nicht ändern wollen. Es soll ja heute noch Leute geben, die nicht glauben wollen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Leider können wir in der Klimafrage nicht so lange warten, wie wir darauf gewartet haben, dass auch die katholische Kirche den Lauf der Planeten begreift.
jenom, 31.01.2011
2. Irre
Immer wieder erstaunlich, dass von der Industrie bezahlte Klimaleugner wegen ihrer lebensgefährlichen Lügen nicht sofort verhaftet werden wie Holocaust Leugner, sondern sogar zitiert werden. Wenn wir irgendwas gegen Verpestung tun, droht uns die "Öko-Diktatur". Und Weshalb? Weil dann das Korruptionssystem zusammenbrechen könnte und das kommt für die jetzigen Profiteure irgendwie einer Diktatur gleich, wenn man die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen kann?
PJanik, 31.01.2011
3. Wen kümmert das denn? Vor allem nach Lektüre dieses Artikels...
Zitat von sysopDroht der Welt der Hitzekollaps oder nur die*Öko-Diktatur? In der Klimaforschung sind die Fronten zwischen warnenden Wissenschaftlern und Skeptikern verhärtet. In Lissabon fand jetzt eine Versöhnungstagung statt - doch am Frieden schien kein besonderes Interesse zu herrschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,742612,00.html
Der Hockeystick ist doch nun wirklich nicht die Grundlage der Klimaforschung. Ein Teil der Diskussion und eine medienwirksame Folie. Selbst im Lager der Skeptiker bestreiten die wenigsten das das Klima sich erwärmt. Was meist bestritten wird ist ob wir als menschliche Zivilisation darauf Einfluß haben und wenn ja, wie viel. Hier gibt es tatsächlich Unsicherheiten, aber das ist als ob man diskutieren würde ob man sich nun mit einem Auto mit 110 km/h ungebremst auf eine Wand zubewegt, es nun 96km/h, sind oder wir gar mit 150 km/h darauf zu steuern. Klimaveränderungen passieren schleichend und haben mit dem Wetter eines einzelnen Jahres wenig zu tun. Den Medien die Wissenschaft zu vermitteln ist schwierig, weil sich viele gerade seit dem Vormittag damit Beschäftigen und die menschlichen Dramen viel interessanter sind die sich abspielen, als jetzt irgendwelche Projektionen auf 20, 30, 50 oder gar 90 Jahre hinaus. Empirisch vertraut man den Klimamodellen wohl in etwa so wie der Wettervorhersage, häufig stimmt es, manchmal aber auch nicht. Was der Titel des Artikels "Versöhnungstagung: Der Klimakrieg kann weitergehen" ja schon zeigt, es ist nicht interessant ob es Klimaveränderungen und von der menschlichen Zivilisation verursachte Faktoren gibt. Es ist viel Interessanter wenn sich ein paar Leute verbal eins auf die Mütze geben. Das versteht dann jeder. Leider ist es so, das jemand der nicht Nett über andere redet, oder in Mails lästert, durchaus in der Sache recht haben KANN. Abfällige Bemerkungen sind in einer Diskussion ein Faux Pas. Klar. Aber sie berühren nicht die Sachebene. Es gibt viele Gründe mit endlichen Ressourcen vernünftig umzugehen. Menschengemachte Erderwärmung ist einer davon, aber m.M. nach nicht der wichtigste. Wenn Unternehmen nicht Quartalsbezogen und Regierungen nicht Wahlperiodenbezogen agieren würden, könnte man sicher unaufgeregt und sachlich mit dem Thema Erderwärmung und was man für eine Entschleunigung derselben tun könnte umgehen. Solange aber die Form des Umgangs der Pro- und Contra Seiten eine größere Schlagzeile wert ist als die Inhalte, solange wird es nicht um objektive Informationen in den Medien gehen, sondern um Meinung und Meinungsmache. Und da sag einer noch lesen BILD-et!
links_rechts 31.01.2011
4. Wut demaskiert
Zitat von jenomImmer wieder erstaunlich, dass von der Industrie bezahlte Klimaleugner wegen ihrer lebensgefährlichen Lügen nicht sofort verhaftet werden wie Holocaust Leugner, sondern sogar zitiert werden. Wenn wir irgendwas gegen Verpestung tun, droht uns die "Öko-Diktatur". Und Weshalb? Weil dann das Korruptionssystem zusammenbrechen könnte und das kommt für die jetzigen Profiteure irgendwie einer Diktatur gleich, wenn man die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen kann?
Sie entlarven sich in Ihren Aussagen selbst dermaßen, das es schon wieder lustig ist. Sie verneinen eine "Öko-Diktatur", fragen sich aber, wie es sein kann, das Menschen die nicht Ihrer Meinung sind, sofort verhaftet werden. Wie war das mit der Meinungsfreiheit in Diktaturen? Sie argumentieren, das es um die Verpestung der Umwelt geht...und nicht um den Klimawandel. Danke! Übrigens wird Ihnen kaum einer widersprechen, das gegen Umweltverschmutzung was getan werden muß. Sie argumentieren, das die bösen dann die Bürger nicht mehr um Milliarden betrügen können. Um wieviele Milliarden wurden die Bürger bis jetzt schon im Namen des KLimaschutzes erleichtert??? Und es werden immer mehr. Ich sage nur Solarförderung, geplante EU-CO2-Steuer etc pp.
Michael KaiRo 31.01.2011
5. Mainstream ?
---Zitat von SPON--- "Aber es ist nicht klar", meint Curry, "ob es zwischen *Mainstream*-Wissenschaftlern und der kritischen Klima-Blogosphäre jemals normale Beziehungen gegeben hat." http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,742612,00.html ---Zitatende--- Trifft die Sache auf den Punkt: Der Mainstream (englisch für wörtlich "Hauptstrom") spiegelt den *kulturellen Geschmack* einer großen Mehrheit wider,.. "Mainstream economics" ist ein Begriff für eine ökonomische *Hypothese*, welche für einen bestimmten Zeitraum die allgemein akzeptierte Grundlage für Analysen ... Prinzipiell lässt sich der Begriff auf viele weitere Bereiche, insbesondere Gesellschaft, Politik und Einzelwissenschaften, ausweiten. Viele alternativ-reformistisch gesinnte Menschen und die Neuen Sozialen Bewegungen kritisieren vor allem den *"gedanklichen Mainstream"*. siehe Wiki
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.